Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Fortbildung - Werkstattberichte

 

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Hildegard Seng

Symbole als Wegweiser auf dem spirituellen Weg

Fortbildungskurs des WFdK, Januar 2016, Benediktushof Holzkirchen, Kursleiterin: Prof. Dr. Brigitte Dorst, Münster.

Ein Werkstattbericht

Autorin: Hildegard Seng

Dieses Seminar war, was die Fortbildungen des WFdK betrifft, ein Novum. Es begann am Donnerstag vor der diesjährigen Tagung um 15.00 Uhr und endete am Freitag gegen 17.00 Uhr

In einem Stuhlkreis um eine gestaltete Mitte herum versammelten sich 17 Teilnehmende zusammen mit Frau Dorst. In Gesprächen untereinander wurde deutlich, dass diese Kurzform einer Fortbildung Berufstätigen eher eine Möglichkeit bietet, daran teilzunehmen. Aber wie intensiv würde ein solches Kurzseminar sein? Den Tagesplan empfand ich straff und gefüllt „bis auf die letzte Minute“. Die Meditation am Abend mit Frau Dorst und am Morgen mit der Hausgruppe war freigestellt. Jede Arbeitseinheit begann mit ein paar Atemzügen zur Sammlung.

Alles Sichtbare ist ein von einem Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares

Dieser Satz von Novalis begleitete uns quasi als Leitmotiv. Die erste Bekanntmachung in der Gruppe fand über ein persönliches Symbol statt, das in unser Leben hineinwirkt. Da wurden Spirale, Tiere wie Adler, Giraffe, Delfin, Frosch u. a. genannt oder eine ganz persönliche Geschichte mit Symbolen. Hier zeigte sich schon die ganze Bandbreite der Symbolik. Interessant war auch, wer mit wem das gleiche Symbol hatte.

Ein Symbol ist ein Sinnbild (abgeleitet von griech. symballein, d. h. zusammenwerfen, zusammenhalten). Ursprünglich ist es ein Erkennungszeichen zwischen Gastfreunden, d.h. ein Krug, ein Ring o. ä. wurde in Teile gebrochen, von denen jeder Partner einen bekam. Bei einem späteren Treffen mussten die Teile sich zusammenfügen lassen und dienten so als Erkennungszeichen. Symbole sind Bedeutungsträger. Sie sind mehrdeutig im Unterschied zu einem Zeichen, das eindeutig ist (z. B. gekreuztes Besteck, Verkehrszeichen o. ä.).

Archetypen haben ihren Ursprung im kollektiven Unbewussten. Ihre Energie wirkt und strukturiert unser Leben. Daraus kann sich ein Symbol herauskristallisieren.

Als Menschen tragen wir die Bilder der ganzen Menschheitsgeschichte in uns. Sie leben und wirken in uns. Die ersten Schriften, z. B. die ägyptische, waren Bilderschriften. Erst später entwickelte sich die Buchstabenschrift. Symbolisieren ist spezifisch menschlich. Symbole können mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Im Fühlen, Imaginieren, im Tanz, in allen künstlerischen Gestaltungsformen finden sie ihren Ausdruck. Gestaltete Bilder können eine seelische Befindlichkeit (z. B. eine innere Not oder einen Prozess) zum Ausdruck bringen. So kann der Umgang mit einem gestalteten Bild „Seelenarbeit“ an sich selbst sein. Für die verschiedensten Bereiche des Lebens gibt es Symbole. Es gibt Ursymbole. Sie sind allgemein. Es gibt Farb-, Form-, Zahlensymbole (z. B. die 13 vermeiden!). Rituale sind komplexe symbolische Handlungen (ein Handschlag symbolisiert ursprünglich, dass jemand keine Waffe dabei hat).

Symbole verändern sich im Laufe der Geschichte. Moderne Statussymbole wie Handy und Auto kommen dazu. Oder das Wort „Ausschwitz“ hat sich z. B. von einem Ortsnamen zum Symbolwort für den gesamten Holocaust gewandelt.

Bei einer Symbolamplifikation geht es um die Anreicherung eines Symbols in seinen verschiedenen Bedeutungsfacetten. hier ein Beispiel:

WEG: Der Mensch ist ständig „auf dem Weg“. „Ich bin der Weg…“ Der 8-fache Weg im Yoga und Buddhismus

Es gibt verschiedene Wege (Rettungs-, Flucht-, Pilger-, Lebenswege …)

Eine Aufgabe war dann, den persönlichen Lebensweg in seiner spirituellen Entwicklung (mit Phasen, Unterbrechungen, Farben u. ä.) als „Lebenslinie“ auf dem Papier zum Ausdruck zu bringen. Hier war die Vielfalt der Darstellungen faszinierend. Für mich war das Fazit aus dem Austausch in Kleingruppen: Oft reichen erste spirituelle Erfahrungen in die Kindheit zurück. Auch wenn eine Darstellung scheinbare Brüche aufweist, so zeigt sich bei näherem Hinschauen doch ein zugrundeliegendes Kontinuum.

Nach Hüther ist unser menschliches Hirn ein Bilder produzierendes Organ. Die Imagination ist die älteste Heiltechnik der Menschheit. Nach C.G. Jung ist die gelenkte Imagination ein Weg aus dem Unbewussten. Sie gibt Zugang zu den inneren Heilquellen im Unterschied zum Traum, der oft im Unbewussten bleibt. Ein anderer Weg ist die aktive Imagination.

Exemplarisch wurde hier das Herz als universales Menschheitssymbol gewählt. Das Herz steht für die ganze Person. Es ist der Ort der Seele, wo Göttliches und Menschliches sich begegnen. Es steht für Liebe, Mitgefühl, Weisheit u.a. Spirituelles und physisches Herz sind nicht klar zu trennen. Aber wir können alle spirituellen Erfahrungen nur im Materiellen, d.h. nur in diesem Körper machen. Daher war das physische Herz der Ausgangspunkt folgender Übung:

Wir sitzen in einem guten Sitz, schließen die Augen, spüren uns in unsere Körperräume ein, unsere innere Weite und legen die Hand auf unser eigenes Herz. Es hat vier Kammern. Wir lassen uns führen durch die Stimme von Frau Prof. Dorst.

  • 1. Kammer: Mein eigentliches Selbst, mein jetziges Leben, öffentlich und verborgen. Wie ist die Beziehung zu mir selbst? Meine Selbstsorge? Der achtsame Umgang mit mir?
  • 2. Kammer: Meine Verletzungen, Schmerzen, meine „Rucksäcke“. Mit welchen Teilen meines Lebens bin ich unzufrieden, verhärtet? Was kann ich beiseite legen, entrümpeln? Was braucht noch Zeit, bevor ich es loslassen kann?
  • 3. Kammer: Die Kunst des Lebenkönnens. Welche Fülle, welcher Reichtum? Wie hell und warm fühlt es sich dort an für mich? Freue ich mich an den Erfahrungen liebevoller Begegnungen und meiner eigenen Liebesfähigkeit?
  • 4. Kammer: Mein innerer Tempel, Raum meiner Spiritualität und Sehnsucht. Was ich immer schon gewesen bin, jenseits von Raum und Zeit. Wo finde ich meine Quelle von Licht, Liebe, Frieden?

Die Seele ist ein Energiefeld. Es ist gut, immer wieder Kontakt mit dem Unbewussten aufzunehmen. Denn Wirklichkeit kommt von dem, was wirkt, gerade aus dem Unbewussten. Es geht um eine gute Selbstsorge und die Wahrnehmung dessen, was sich an Empfindungen, Gefühlen, Bildern aus dem Inneren zeigt. Denn „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“.

Wir wandten uns dann der Symbolik der vier Elemente zu und hier besonders dem Wasser.

Alles Leben kommt aus dem Wasser. Die Mythologie spricht vom „Wasser des Lebens“. Ein Fragebogen zum Element Wasser half, das persönliche Verhältnis zu diesem Element zu klären (z.B. Frage 1: Was bedeutet für mich das Element Wasser? Was liebe ich daran? Was fürchte ich daran? Oder Frage 10: Wenn ich mir mein Leben als einen Fluss vorstelle – wie ist bislang sein Flusslauf gewesen und durch welche inneren Seelenlandschaften ist er geflossen?) Es zeigt sich ein breites Spektrum in der Einstellung zum Wasser ( Geborgenheit, Bedrohlichkeit, Tragfähigkeit, Vertrautheit u.a.) Wasser lehrt, wie wir leben sollen (mutig, gleicht Höhen und Tiefen aus, ist als sanfte Kraft ausdauernd, sucht die Richtung zum ewigen Meer u. a.). Der Taoismus lehrt, immer wieder auf das Wasser zu schauen, um recht zu leben.

Es folgte eine weitere Partnerübung zur Symbolisierung. Wir saßen dabei zu zweit uns gegenüber und nahmen uns wahr in Stille. Wieder führte Frau Dorst uns mit ihrer Stimme durch die Übung. Wenn dieser Mensch, der mir gegenüber sitzt,

  • eine Landschaft
  • ein Musikinstrument
  • eine Pflanze
  • ein Tier
  • eine Märchenfigur

wäre? Was steigt aus dem Inneren dir dazu auf?

Spannend im anschließenden Austausch mit dem Menschen gegenüber war: In welchen Bildern sehe ich mein Gegenüber? Wo stimmt meine Wahrnehmung mit der Wahrnehmung meines Gegenübers überein, wo nicht? Kann ich mich auf meine Intuition verlassen?

Als Großmutter erzähle ich meinen Enkeln öfter über Skype Märchen. Von Frau Dorst fühlte ich mich bestätigt, dass über die Märchen viele Bilder in die Kinder fallen. Bilder, die eine bestimmte Geborgenheit in der Welt geben. Ein inneres Krafttier kann zu einem inneren Helfer werden. Die Leitsymbole können in verschiedenen Phasen des Lebens wechseln. Jeder Mensch ist einzigartig in seinem Bezug zur Welt und gleichzeitig ist es gut zu wissen, dass er Teil eines großen Ganzen ist. Ein Feld der Ahnung verbindet ihn mit der gesamten Menschheit. Über dieses Wissen kann er gestalten und wirken. Sind die Archetypen grundlegende Kraftfelder, die bestimmte Bilder im Inneren sich gestalten lassen, so sind Symbole zeit- und kulturabhängig. Sie sind Kristallisationen dieser archetypischen Grundkräfte. Bilder können absinken, aber auch neu auftauchen oder sich ganz verändern (s.o. Auto, Handy u.a.)

Auch die Kunst erweitert unsere Wahrnehmung. Jeder einzelne Künstler ist am Werk, aber auch der kollektive Zeitgeist. So kann Kunst in jedem Ausdruck zukunftsweisend sein.

Frau Dorst reicherte gern ihre Kurzvorträge mit Geschichten an, vor allem mit Weisheitsgeschichten aus dem Orient. Eine Teilnehmerin erfreute uns mit einer Musik zu dem Gedicht „Der römische Brunnen“ von C.F. Meyer.

Wir Menschen sind die einzigen Wesen, die eine symbolische Erfahrung machen können. Symbolisierungen sind menschengemacht, aber sie lassen uns auch etwas über die Welt und uns erfahren. So kann etwas, das im Bild ausgedrückt ist, ein Feedback geben zu etwas, was ich nicht sehen will („blinder Fleck“). In jedem lebt ein tiefes Bedürfnis, gesehen und „ erkannt“ zu werden. Oft verlassen wir uns nicht auf unsere Intuition. Sie kommt oft unbewusst beim ersten Eindruck und nicht immer sind Projektion und Intuition klar voneinander zu trennen. Daher wurde der Wunsch genannt, mit der Referentin zu einem anderen Zeitpunkt zum persönlichen und kollektiven Schatten der Menschheit eine weitere Fortbildung anzubieten. Des weiteren wurde angemerkt, dass die Fortbildungen vor der WFdK-Tagung die Teilnehmenden mehr zusammenführen und daher beibehalten werden sollten. Wir verabschiedeten uns mit dem indischen Gruß Namaste – Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir.

Fazit

Ich habe ein intensives Kurzseminar mit einer guten Struktur, mit einer guten Verbindung von Kognitivem und Intuitivem, mit guten Arbeitsunterlagen, mit ein paar Atemzügen Sammlung vor jeder Arbeitseinheit und einer auch zeitlich dichten Präsenz von Frau Dorst erlebt. Danke.

Vertraue in deine Intuition, deine inneren Bilder. Du weißt mehr als du weißt.

Hildegard Seng

Hildegard Maria Seng,
geboren 1943, verheiratet, 4 Kinder. Studium an der Päd. Hochschule Berlin, 2. Staatsexamen zur Lehrerin. Seit 1971 Yogalehrerin (BDY/EYU), langjähriger kontemplativer Übungsweg, 1991–2001 intensive Schulung bei Franz-Xaver Jans. Seit 2006 Meditations- und Kontemplationslehrerin VIA CORDIS und Kontemplationslehrerin WFdK; Dozentin an verschiedenen Bildungsstätten in Deutschland und in der Schweiz, vertiefte Erfahrung mit Leibarbeit auf dem Kontemplationsweg.

 

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