Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Fortbildung - Werkstattberichte

 

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Wieland Gerhardt
YinYang

Präsenz

Fortbildungskurs der WSdK: 04.09. – 07.09.2007, Benediktushof, Holzkirchen
Kursleiterin: Beatrice Grimm

Ein Werkstattbericht

Autor: Wieland Gerhardt, Mannheim

So ist es jetzt!

Siebzehn Personen haben sich zum Fortbildungskurs "Präsenz" im Gewölbesaal des Benediktushofes versammelt, darunter auch vorübergehend drei Gäste aus Kroatien, die für ein paar Tage hier zu Besuch sind und überraschend unseren Kurs bereichern. Beatrice Grimm, die diesen Fortbildungskurs leitet, kommt herein und geht an ihren Platz. Wir verbeugen uns und setzen uns. Es ist still. Und dann sagt sie: "So ist es jetzt!"

Sofort nehme ich meine Rückenschmerzen wahr, meine Anspannung, meine Neugier und meine Müdigkeit. Das ist  m e i n  'So ist es jetzt'. Aber hat dann nicht jede Person hier im Raum sein oder ihr 'So ist es jetzt'? Mein Lehrer sagt immer am Beginn eines Kurses, dass das Zusammentreffen gerade der jetzt und hier versammelten Personen etwas Einzigartiges hat, das so nie wiederkommt. Das ist ein Geschenk, das es zu erkennen und zu würdigen gilt. Dann müsste es also auch ein 'So ist es jetzt' für diesen Kurs geben. Und außerdem: Ist das 'So ist es jetzt' beim Aussprechen des letzten 't' von 'jetzt' nicht schon ein anderes, als es das beim Aussprechen des 'S' von 'So' war? Was ist, wenn niemand hier im Raum wäre? Muss jemand da sein, der ein 'So ist es jetzt' wahrnimmt? Und ich denke bei mir: Ein Baum hat es gut. Er wächst und steht und ist einfach da, so, ganz präsent, hier und jetzt.

Und noch in derselben Stunde sagt Beatrice, dass wir zwar wahrnehmen, was für uns wahr ist, aber wirklich wahr muss das nicht sein. Und sie zeigt uns an Beispielen, wie unsere Sinne uns täuschen können. Was hilft es mir dann, wenn ich mich anstrenge, präsent zu sein, hier und beim Sitzen in der Meditation? Beatrice sagt: "Präsenz kann man nicht machen. Präsenz kann man nicht denken."

Es wird ein spannender Kurs werden!

Hören, spüren, lauschen!

Wir dürfen nicht zufrieden sein mit dem, was wir wahrnehmen. Beatrice empfiehlt uns, tiefer zu gehen, immer feiner und innerlicher zu werden und zu fragen: Was ist hinter dem, was wir wahrnehmen? Und sie sagt, dass Präsenz zwei Säulen hat: Achtsamkeit und Stille. Zur Achtsamkeit gehört das Spüren und zur Stille gehört das Schweigen. Schweigen ist, es einfach bei sich auszuhalten. Und wenn nichts mehr ablenkt, und alles ruhig wird, beginnt fast wie von selbst das Hören und Lauschen. Spüren, sagt sie, fällt leichter nach einer äußeren Bewegung. Wenn wir uns bewegen und dann ruhig werden, können wir noch einer feinen inneren Bewegung nachspüren. Gleichsam ist die Basis jeder Bewegung die Ruhe. Die wiederum wird in die Bewegung hinein genommen. Diese Spannung zwischen Ruhe und Bewegung kann uns in eine tiefere Bewusstseinsebene führen.

Und dann ist es, als wolle sie uns noch ein Geheimnis anvertrauen, und ich habe den Eindruck, dass es ihr eine Herzensangelegenheit ist: "Behandelt alles 'wie ein neugeborenes Baby' oder 'wie heiliges Altargerät'" zitiert sie Thich Nhat Hanh und den Hl. Benedikt.

Weil ich den Werkstattbericht schreiben werde, habe ich Papier und Bleistift immer zur Hand. Gerade dadurch habe ich das Gefühl, sehr präsent zu sein. Aber Beatrice sagt am nächsten Tag: "Leg Papier und Bleistift zur Seite und lass dich ganz auf den Prozess ein!" Das finde ich zunächst gar nicht gut, weil ich fürchte, den roten Faden für den Bericht zu verlieren. Aber in ihrer Stimme liegt etwas Unwiderstehliches. Es ist wie eine Aufforderung zum Tanz. Und als wollte sie dies bestätigen, zitiert sie irgendwann ein altes Sufiwort: "Gott achtet den Menschen, wenn er arbeitet; Gott liebt den Menschen, wenn er tanzt."

Und so wechseln in diesen knapp drei Kurstagen leichte Übungen im Wahrnehmen und Spüren zum Wachwerden am Morgen mit freien Tanzbewegungen, die den ganzen Leib fordern, zentrierenden Sufitänzen, aufwühlenden Gebetsgebärden, Übungen zum kontemplativen Blick, meditativen Tanzschritten, berührenden Partnerübungen und Sitzen in der Stille ab. Es bleibt kaum Zeit für Gedanken. Aber es gibt viel Zeit für Ruhe. Und zwischendurch, wenn die Bewegung in die Ruhe übergeht, und wir dastehen, erfüllt vom Augenblick, sagt Beatrice manchmal leise in den Raum: "Stehen als Gebet." Dann kommt es wie eine Ahnung, dass  d a s  Präsenz ist. Nicht  i c h  stehe, sondern nur dieses Stehen, so wie ein Baum steht. Nichts stört. Gestern ist nicht mehr und morgen ist noch nicht. Heiliger Augenblick folgt auf heiligen Augenblick. Und in jedem Augenblick wird alles neu geboren.

Üben!

Präsenz kann man nicht machen und Präsenz kann man nicht denken, sagt Beatrice. Aber man kann üben, sich für die immerwährende Präsenz, für das zeitlose Jetzt zu öffnen, dafür empfänglich und durchlässig zu werden. Und das gibt sie uns mit auf den Weg: "Alles, was wir bei diesem Üben tun, soll möglichst natürlich sein. Und es gilt, das rechte Maß zu finden. Dieses ist individuell verschieden. Wie können wir das eigene Maß finden und unsere Kraft vermehren? Wie fühlt es sich an, wenn wir in der eigenen guten Kraft sind? An Hand des Yin und Yang Symbols (links) wird sichtbar, wo die Kraft am größten ist: Nicht dort, wo das Yang zum Yin wird und umgekehrt, sondern die größte Kraft ist etwa auf der Höhe, wo das Yin im Yang, der kleine schwarze Punkt im Weißen ist und umgekehrt. An dieser Stelle gilt es, durch die Körperwahrnehmung die Kraft zurückzunehmen, um sie dann wieder zu verstärken. Fast spielerisch ist es möglich, sich innerhalb dieses Bereichs zunehmend und abnehmend hin und her zu bewegen, um dadurch schlussendlich die eigene Kraft auch im Alltag zu vermehren.“

Und noch etwas sollen wir beim Üben beachten: Es ist eine bestimmte innere Grundhaltung, ein inneres Ausgerichtet sein. Heitere Gelassenheit als Grundhaltung, sagt Beatrice, kann uns in die Erfahrung des reinen Seins, in die Erfahrung der immerwährenden Präsenz führen.

Am Abend des letzten Kurstages schaue ich noch einmal in meine Mitschrift, die mittendrin abbricht. Mit der Sorge, den roten Faden für den Werkstattbericht verloren zu haben, schlafe ich ein. Und dann habe ich einen Traum. Ich träume von einem bunten Teppich, der aus achtzehn verschiedenen Fäden geknüpft ist. Jeder Faden leuchtet einzeln und im Miteinander mit den anderen. Einer der Fäden ist erst etwas später eingeknüpft. Er ist rot. Und ich weiß, dass dieser Faden genau dort eingeknüpft wurde, wo ich Papier und Bleistift zur Seite legte und begonnen habe, mit Beatrice und den anderen den Tanz dieses Kurses zu tanzen.

Danke, Beatrice, für diesen Tanz!

Wieland Gerhardt,
Jahrgang 1941, Dipl. Ing. i. R., verheiratet, 2 Kinder, Kontemplationslehrer und Mitglied des Würzburger Forums der Kontemplation e. V. (WFdK), Zenlehrer der Leere Wolke Zen-Linie Willigis Jäger.

Wieland Gerhardt, Joseph-Bauer-Str. 23, 68259 Mannheim, E-Mail

 

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