Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Fortbildung - Werkstattberichte

 

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Wieland Gerhardt

Spiritualität des Körpers

Fortbildungskurs der WSdK: 26.01. – 29.01.2006, Benediktushof, Holzkirchen
Kursleiter: Dieter Mayer, Kaufering

Ein Werkstattbericht

Autor: Wieland Gerhardt, Mannheim

Nur eines: Sei wach!

Spiritualität und Körper – wie geht das zusammen? Ist das eine nicht dem Geistigen und das andere nicht dem Sinnlichen zuzuordnen? Oder doch etwa: Spiritualität mit allen Sinnen oder sinnliche Spiritualität?

Wenn wir auf unserem Meditationskissen, -bänkchen oder -stuhl sitzen, erleben manche mit ihrem Körper oft eher Last als Lust. Aber ohne ihn wäre kein Sitzen, kein Atmen, kein Aufgerichtet sein, kein fühlbares Sein im Hier und Jetzt. Also nehmen wir ihn in diesem Kurs – und hoffentlich auch danach noch – dankend an und liebevoll mit auf den Weg.

Dieter Mayer wird als Kursleiter nicht müde, diesen Körper als etwas Wunderbares zu schildern und es uns durch unterschiedlichste Einzel- und Partnerübungen erfahren zu lassen. Erst unser Körper mit seinen Sehnen, Gelenken und Muskeln gestattet es uns, dass wir uns bewegen, etwas begreifen und dadurch das Leben sinnlich erfassen. Und es ist die Bewegung, die uns erst orten lässt, wo und wie wir sind. Wer ganz still steht oder sitzt, sagt Dieter Mayer, weiß nicht mehr, wie er steht und wie er sitzt.

Ja, aber heißt es nicht, dass wir in der Meditation ganz still sitzen sollen/wollen, wenn die Glocke dreimal geschlagen wird? Und dass wir ganz langsam wieder in die Bewegung kommen sollen/wollen, wenn die Zeit des Sitzens vorüber ist?

Wer Vögeln oder anderen wild lebenden Tieren beim baden, trinken oder fressen zuschaut, kann eine Art dauernder Aufmerksamkeitsspannung, ein ständiges sich Bewegen beobachten. Sie sind gewissermaßen immer auf dem Sprung oder immer bereit, dem Leben zu antworten. Und wir? Sind wir auch bereit, dem Leben in jedem Moment zu antworten, z. B. mitten in der Sitzeinheit, sagen wir nach 10 oder 15 Minuten stillen Sitzens?

Nur eines: Sei wach!

Unsere natürliche Körperspannung hat durch ein weitgehend abgesichertes Leben merklich nachgelassen. So passiert es häufig, dass wir beim Sitzen in Über- oder Unterspannung sind. Dieter Mayer sagt dazu, dass viele Menschen die Grundprinzipien allen kosmischen Bewegens, die Welle, die Spirale, die 8 – liegend auch als Symbol des Unendlichen – verlernt haben. Die aller natürlichen Bewegung zugrunde liegende Polarität von Kraft und Gegenkraft, von Spannung und Entspannung hat sich reduziert auf bewusst eingesetzte Kraft und Spannung oder vollkommene Entspannung. Die Folge sind Fehlhaltungen und eingeschränkte Beweglichkeit. Vielen ist die Fähigkeit zur schöpferischen Indifferenz, zum Schwingen zwischen den Polen, zum Leben aus Yin und Yang, verloren gegangen.

Die Partnerübung "Wind und Bambus" lässt etwas von diesen Grundprinzipien erahnen: Eine Person (der Bambus) steht wach, entspannt und locker da und lässt sich durch den Partner (der Wind) bewegen. Dabei übt der "Wind" im Bereich des Oberkörpers (Schulter, Brust, Rücken) sanften Druck in eine beliebige Richtung aus. Der "Bambus" gibt dem Druck nach und lässt sich dann ganz natürlich zurück schwingen.

Eine andere sehr grundlegende und einleuchtende Übung ist das Hinsetzen und wieder Aufstehen. Wer hierbei den ganzen Körper schwingend durch ein Vorbeugen und das Verlagern des Körperschwerpunktes in den Bewegungsablauf einbezieht, wird überrascht sein, wie leicht man sich setzen und wieder aufstehen kann.

Möglichkeiten, unsere Verbindung mit dem Kosmos wieder zu entdecken und dabei wach zu werden, bieten auch verschiedene Visualisierungsübungen während des Kurses. Eine besonders eindrucksvolle Übung ist "Das Licht der Welt erblicken" oder auch "Übung vom Ursprung des Lichts":

Die beiden sich ständig abwechselnden Elemente dieser Übung sind das Wachsen (zum Himmel) und das Setzen, Absinken (zur Erde). Der Atem ist dabei nicht führend. Er kann sich im Laufe der Übung aber einschwingen.

Der Übende steht in hüftbreiter Fußstellung mit leicht nach innen zeigenden Zehen und leicht nach vorne gebeugten Knien. Die Hände liegen übereinander auf dem unteren Bauchraum, dem Dantian (Dantian ist ein Begriff aus dem Daoismus, der die drei energetischen Zentren des Körpers bezeichnet). Der Übende ist geerdet. Er spürt das Gewicht des Körpers über die Füße auf dem Boden (Kraft) und das Getragen sein des Körpers durch den Boden (Gegenkraft).

  • Der Körper schwingt leicht durch Gewichtsverlagerung nach vorne und streckt sich dabei leicht nach oben. Das Kinn wird etwas angezogen. Die Füße behalten Bodenkontakt mit Druckpunkt im Vorderfuß. Visualisierung: "Zum Himmel wachsen"
  • Der Körper schwingt durch Gewichtsverlagerung auf die ganze Fußsohle wieder leicht zurück. Durch leichtes Nachgeben in Knie und Hüftgelenken entsteht der Eindruck des sich Setzens. Die Hände öffnen sich dabei langsam und bilden mit leichtem Abstand vom Körper eine Schale. Die Daumen berühren sich. Visualisierung: "Auf die Erde setzen"

Diese Übungsabfolge kann zur Zentrierung am Anfang mehrfach wiederholt werden.

Die der Übung zu Grunde liegenden schwingenden Bewegungen des Wachsens und des sich Setzens kehren in allen Teilen der Übung wieder und werden nur noch mit "Wachsen" und "Setzen" erwähnt.

  • Wachsen: Die noch zu einer Schale geformten Hände werden geöffnet und umspielen wie einen Ball liebkosend "den vom Himmel geholten Mond". Visualisierung: "Den Mond umarmen"
  • Setzen: Die Hände gleiten langsam nach unten, als ob sie wieder eine Schale bilden wollten, werden dann aber mit vibrierenden Fingern in einem leichten weiten Bogen nach außen bewegt, so, als wollten wir mit den Fingern die Fäden aus einem Seidenkokon ziehen. Visualisierung: "Den Seidenkokon auseinander ziehen"
  • Wachsen: Die Arme formen nun vor dem Körper eine runde Bewegung nach oben bis etwa auf Kopfhöhe und bis die Handflächen vor unseren Augen nach unten schauen. Die Hände können sich dabei wie auf einer großen Kugel leicht hin und her bewegen. Visualisierung: “Die Perle des Dantian bewegen”
  • Setzen: Die Hände bewegen sich leicht nach außen und sinken dann langsam seitlich nach unten. Visualisierung: "Das Herzfeuer hinunter führen, übermäßiges Yang beruhigen und gleichzeitig Yin, das Qi (die Lebenskraft) der Erde, über das Laogong (die Mitte der Handteller) aufnehmen. Das Feuer unter das Wasser bringen"
  • Wachsen: "Kriegerstellung”. Höchste Anspannung. Die Hände sind nach unten geöffnet, die Finger weit gespreizt, die Handwurzeln drücken nach unten. Der Körper ist auf äußerste gespannt. Die Augen sind weit geöffnet und blicken durchdringend geradeaus. Visualisierung: "Mit dem Kopf den Himmel durchstoßen, mit den Füßen in die Erde krallen"
  • Setzen: Völlige Entspannung, die Fingerspitzen drehen ganz nach außen und sinken ab. Visualisierung: "Alles verbrauchte Qi fließt über die Seiten (Gallenblasenmeridian) ab und über die Außenkanten der Füße in die Erde"
  • Wachsen: Die Arme seitlich heben bis in Schulterhöhe. Die Finger zeigen nach unten und vibrieren leicht. Visualisierung: "Ein sanfter Wind lässt die Arme nach oben schweben, dabei Seidenfäden aus dem Wasser ziehen". Arme und Hände leicht strecken, aber den Körper nicht überstrecken. Visualisierung: "Fingerspitzen berühren den Horizont, durch das 'periphere Sehen' wird verfestigtes Denken geöffnet”
  • Setzen: Die Hände werden Finger für Finger zu Schalen gedreht. Die Arme sinken dabei leicht nach unten
  • Wachsen: Die Arme und die nach oben geöffneten Hände nach oben und schräg nach außen zum Horizont strecken (die Gelenke weiten, sich ganz nach oben öffnen). Visualisierung: "Den Horizont durchdringen"
  • Setzen: Spannung lösen. Die Arme sinken dabei mit nach oben geöffneten Händen leicht nach unten. Visualisierung: "Sonne und Mond in Händen tragen, kaltes Qi (verbrauchte Lebenskraft) wird hinausgetrieben, alle Verspannungen können sich lösen"
  • Wachsen: Handgelenke locker lassen, die Arme im Bogen nach vorne führen und mit den kugelig geformten und weit geöffneten Händen etwas Imaginäres zusammen führen. Visualisierung: "Den Kosmos umfassen, Sonne und Mond vereinen, den Kreis schließen und dabei alles einsammeln"
  • Setzen: Handgelenke ganz lockern, die Arme absenken und dabei die Hände sanft wie zum Gassho vor dem Brustbein aufstellen
  • Wachsen/Setzen: Mit den Händen in Brusthöhe noch einmal leicht wachsen. Dann die Hände voneinander lösen, übereinander schieben und zurück führen zum Dantian im unteren Bauchraum. Visualisierung: "Qi (Lebenskraft) zurückführen ins Dantian"
  • Nachspüren: Dabei kann die Grundübung des Wachsens und Setzens zum Ausklingen und Ausschwingen wiederholt werden

Zum Abschluss der Übung werden die Hände kräftig aneinander gerieben. Wenn sie richtig heiß geworden sind, wird mit den "aufgeladenen" Händen das Gesicht – es kann auch der ganze Kopf sein – sanft und liebevoll massiert (sich mit dieser Geste auch wirklich meinen!).

Nur eines: Sei wach!

Viele "bewegende" Übungen gab es in diesen zweieinhalb Tagen. Der Kurs war eine einzige intensive Erfahrung unseres Körpers mit Nach- und Fortwirkungen bis in Träume hinein. Er war aber auch eine gehörige Verunsicherung für eingefahrene und festgefahrene Körperhaltungen, insbesondere bei der Übung der Meditation. Das "Einrasten" in die gewohnte (starre) Körperhaltung beim Hinsetzen zur Meditation passiert nun vielleicht nicht mehr so leicht. Aber wie kommen wir in eine stimmigere Körperhaltung? "Nicht durch rigides Korrigieren der Haltung, sondern durch ein inneres Erspüren unseres dynamischen Gleichgewichtes", sagt Dieter Mayer, und er übte auch mit uns das "kraftvolle" Sitzen:

Der Gegenspieler des Beckens ist der Kopf. Ihrer beider Haltung bedingen einander wechselseitig. Der Kopf findet seine korrekte Aufrichtung über hinten, d. h. wir lassen den Kopf nach hinten kippen und dann, bei hängenden Armen langsam nach vorne rollen und lösen, bis die richtige Haltung von innen her erspürt wird: "Den Kopf wie eine Krone aufsetzen". Dann wird das Kinn ganz wenig nach hinten unten genommen. Der Kopf wächst von hinten nach vorne oben und das Becken sinkt gleichzeitig nach hinten unten ab (gegenläufige Bewegung). Dazu wird das Steißbein erst nach vorne bewegt, und dann erlauben wir ihm, durch Loslassen der Bewegung, von selbst zurückzusinken. Damit stellen wir die natürliche S-Krümmung der aufrechten Wirbelsäule wieder her. Bei einer Überaufrichtung des Beckens gleicht der Kopf automatisch aus, in dem er nach vorne kippt.

Der "goldene Faden“ am obersten Kopfpunkt befestigt, zieht den Kopf nach oben und weitet diesen "zum Himmel“.

Die Hände bilden mit den Schultern einen Energiekreis, wobei die Konzentration auf den Händen liegt. Es bildet sich dadurch eine sanften Zugspannung; die sich durch den Handrücken und die Finger der Hand bemerkbar macht. Dann nehmen wir die Spannung aus dem Schulterbereich und den Oberarmen und belassen einen leichten Zug in den Unterarmen. Wir kommen dadurch in ein entspanntes aber kraftvolles Sitzen.

Wer mit Dieter Mayer übt, wird spätestens beim "Kleinen Tiger" wissen, was er meint, wenn er sagt, dass wir bei all unseren Übungen das innere Lächeln nicht vergessen sollten. Wer jetzt wissen möchte, was es mit dem "Kleinen Tiger" auf sich hat, der sollte sich anmelden, wenn Dieter Mayer bei der WSdK oder anderenorts wieder den Weg zum Schwingen zwischen den Polen und zum inneren Lächeln weist.

Spiritualität des Körpers, so könnte man abschließend sagen, ist, dass wir die Lust an der Bewegung wieder entdecken und unseren Körper mit all seinen Sinnen lustvoll mit auf die spirituelle Reise nehmen. Der Yogalehrer George Feuerstein schreibt dazu: "Spiritualität hat nicht in erster Linie mit verändertem Bewusstseinszuständen zu tun. Sie hat mit einem Heimischwerden im Körper und auf der Erde – mit der Inkarnation des Geistes zu tun. Die Aufgabe besteht nicht darin, aus dem Körper auszutreten, sondern darin, zu erkennen, dass er der Tempel des Heiligen ist."

Nur eines: Sei wach!

Danke großer kleiner Tiger für deine Gelassenheit und Heiterkeit!

Dank auch an Christa Einsiedler, die die einzelnen Übungsabfolgen akribisch aufgeschrieben und für diesen Bericht zur Verfügung gestellt hat.

Wieland Gerhardt,
Jahrgang 1941, Dipl. Ing. i. R., verheiratet, 2 Kinder, Kontemplationslehrer und Mitglied des Würzburger Forums der Kontemplation e. V. (WFdK), Zenlehrer der Leere Wolke Zen-Linie Willigis Jäger.

Wieland Gerhardt, Joseph-Bauer-Str. 23, 68259 Mannheim, E-Mail

 

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