Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Fortbildung - Werkstattberichte

 

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Magdalena Wassen

Bibliodrama als Weg

Fortbildung der WSdK: September 2005, Benediktushof, Holzkirchen

Ein Werkstattbericht

Autorin: Magdalena Wassen 

Was ist Bibliodrama? Ein Erklärungsversuch, nicht aus dem Lehrbuch!

Dramatische Bibel? Biblisches Drama? Dramatisch kann es werden, wenn sich 16 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, mit oder ohne Vorkenntnisse und mit ganz verschiedenen Lebensgeschichten für drei Tage zu „Bibliodrama als Weg in die Stille“ zusammenfinden.

Erste Aufgaben bestanden darin, mit Hilfe von Körper-, Vorstellungsübungen und Raumerleben die persönliche Nähe und Distanz zum Alten oder Neuen Testament zu erspüren und dann eine biblische Person, eine Situation, einen Gegenstand in einer Geschichte zu finden, bei der eine individuelle Identifikation möglich erscheint. Dieser erste „Einkreisungsvorgang“ erforderte waches Spüren, Lauschen auf die inneren Impulse und eine vorläufige Wahl. Die Wahl eines der beiden Testamente und einer persönlichen Rolle wurde am ersten Abend vollzogen.

Der nächste Tag beginnt mit eindrücklichen Achtsamkeitsübungen, die uns helfen in unserem spannenden Prozess der Rollenfindung. Dieser Prozess endet – mit Hilfe kleiner Impulse von Klaus Stangier - vorerst damit, dass wir uns in zwei Spielgruppen aufteilen, die sich voller Spannung gegenüberstehen.

Die beiden Gruppen begeben sich je in eine Ecke des Raumes, und jetzt liegt der Focus darauf, eine Geschichte auszuwählen, in der sich alle Gruppenmitglieder möglichst wieder finden. Dann werden die Rollen, die einzelne verkörpern wollen, besprochen: Welche Qualitäten kommen in Petrus, in Maria, in Judith, in Jesus zum Ausdruck? Was sind das für Energien, die da vorkommen? Es geht lebhaft, manchmal laut zu. Argumente fliegen hin und her. Ablehnung: „Nein mit dieser blutrünstigen Geschichte will ich nichts zu tun haben, ich bin Pazifist.“ „Na, spiel doch den Jesus!“ Dann –, ich weiß heute nicht mehr wie – ist meine Gruppe bei der Geschichte der Gefangennahme Jesu am Ölberg, der Verteidigung durch Jünger und Jüngerinnen, dem Verrat des Judas, der gewaltsamen Abtrennung des Ohres und der sofortigen Heilung gelandet. Die Rollen sind schnell klar, vielleicht, weil sich die Suchbewegung langsam wie eine „Einkreisung“ von außen nach innen vollzieht. Spannend, dass der Ausgangspunkt einiger Gruppenmitglieder das Alte Testament war; offensichtlich können sich alle mit ihren neuen Rollen in dieser Geschichte wiederentdecken! Die andere Gruppe wählt die Erzählung der Salbung Jesu durch Maria-Magdalena im Hause des Simon.

Bis hierher – wir haben noch keine Minute gespielt – ist Bibliodrama schon spannend, herausfordernd; dramatisch möchte ich es noch nicht nennen! Erst mal Pause, wahrnehmen, spüren, sich innerlich an die Rolle, die wir gleich spielen werden, herantasten.

Ach nein, erst geht es nun daran, den Bühnenraum zu bilden, die Bühne mit Seilen abzugrenzen, Eingang und Ausgang zu bestimmen und Aufbauten mit Hockern, Kissen, Tüchern auf der Bühne zu arrangieren: Eine Liegestätte für das Mahl bei Simon vielleicht? Oder einen Wasserlauf? Ein paar Hügel im Ölgarten?

Dann die Aufforderung: „Stellt euch als Gruppe auf eure Bühne!“ Die Zuschauergruppe erhält die Aufgabe, Gefühle, Assoziationen, Bilder zu benennen zu dem, was sie sehen. Diejenigen, die gerade auf der Bühne stehen, sollen keine Antwort geben, einfach nur zuhören, aufnehmen, ihre inneren Impulse auf das Gehörte wahrnehmen. Die Spannung steigt! Immer noch kein Spiel, keine Überlegung, wie wir die Szene spielen wollen, keine Regieanweisungen.

Endlich, es geht los! Alle gehen langsam im Kreis, Füße und Haltung spürend. Klaus-Werner Stangier sitzt auf dem Hocker an einer Wand, die Bibel in der Hand und liest „Die Salbung in Betanien“ (Markus 14, 3 –9, Matthäus 26,6–13). Gehen – Hören! Klaus-Werner liest wieder, betont einzelne Worte, Satzteile; die Gruppe geht– Aufmerksamkeit! Liest wieder – die ganze Geschichte.

„Nun geht auf die Bühne, stellt euch einzeln in eurer Rolle vor: „Ich bin …und ich …! Die andere Gruppe sitzt vor der Bühne und schaut zu. Der Gong ertönt. Dann beginnt das Spiel. Es läuft so ab, wie sich die Gruppe gerade befindet und empfindet. Nachdem der Gong wieder ertönt, geht jede/jeder auf der Bühne in eine andere körperliche Position, um aus der Rolle herauszukommen. Jetzt sagt jeder Schauspieler das, was er/sie sagen möchte: Gefühl, Frust, Ärger, Harmonie, Selbsterleben, Erleben der Mitspieler. Danach beschreiben die Zuschauer ihre Eindrücke der Bühnengruppe, die Darstellung der einzelnen Rollen, die Beziehungen zum Text. Die auf der Bühne und die vor der Bühne: wie kommunizierende Röhren – Resonanzfelder! Das, was den Zuschauer berührt, bewegt, mit Zustimmung, mit Ablehnung erfüllt, hat immer etwas mit ihm selbst zu tun – lernen wir, wissen wir tief im Innern! Ist es annehmbar? Kann ich es jetzt so annehmen?

Die Darsteller auf der Bühne – unter Umständen fragen sie sich: Warum habe ich Jesus so gespielt, weshalb habe ich nicht registriert, was mein Jünger Andreas sagte; wie komme ich als Ruth aus dem Alten Testament plötzlich in eine Szene des Neuen Testamentes; der Zeitabstand ist enorm und ich verstehe nicht, um was es geht in der anderen Zeit; wir haben keinen wirklichen Kontakt miteinander; ich kann nicht richtig in meine Rolle kommen, weil du zu schnell bist; du hast den anderen zu wenig Raum gelassen. So oder so ähnlich!

Pause, dann der Wechsel. Wieder: Gehen im Kreis, dabei der Geschichte der Gefangennahme am Ölberg (Lukas, 39- 54) lauschen. Die Bühnengruppe geht in Position, die Zuschauer hocken vor der Bühne, die Schauspieler stellen sich in ihren Rollen vor, der Gong ertönt, das Spiel beginnt, so wie wir heute beim ersten Durchgang spielen können. Danach das wechselseitige „Einholen“ von Gefühlen, Eindrücken, Widerständen, Aggressionen, Einverständnissen, Unmöglichkeiten. Puh, ganz schön anstrengend! Das Gehörte ist nicht nur „süß“, ab und an sehr direkt! Lernen nicht sofort zu reagieren, zu erklären, zu verteidigen!

Und so geht es weiter, gehalten von zwei stillen Sitzeinheiten am Morgen und am Abend, aufgelockert mit Körperübungen, Raum- und Wahrnehmungsübungen, Gesprächen in den Pausen.

Viermal spielt jede Gruppe in diesen Tagen „ihre“ biblische Erzählung, von Spiel zu Spiel anders, jede Person immer in der gleichen Rolle. Es wird dramatisch, biblio-dramatisch, menschlich dramatisch, auf der Bühne, vor der Bühne, im eigenen Innern, im Miteinander: Versteckte Konflikte zeigen sich, moralische Vorstellungen und Bewertungen dringen ins Bewusstsein, das Ringen um das Eingehen, das Verschmelzen mit der eigenen Rolle, Gewalt- und Mordlust finden den Mut zur Darstellung; die ewige Unentschlossenheit, das Wegsehen, Abwarten, Nichtstun des zögerlichen Jüngers werden deutlich; Liebe, die gleichzeitig verrät, weil die Grenzen des Verstehens erreicht sind, wird in ihrer ganzen Verzweiflung erlebt. Die Jüngerin, die laut schreit, weil sie die Gewalt nicht zulassen will. Jesus, der um Souveränität ringt, ein Knecht, der geheilt wird und seinen Auftrag mit gespaltenem Herzen erfüllen muss. Liebe, Friede und Erfüllung, Traurigkeit und Getragensein im Kreise der Jünger und Jüngerinnen dürfen aufatmend erfahrbar werden. Eine Ruth, die den Sprung in die Szene des Neuen Testamentes wagt und sich mit Maria innig verbindet. Maria Magdalena, die erst die Füße salben möchte und erst später den Kopf, und ein Gefäß, das seine kostbare Narde zunächst freiwillig, später erst durch das Zerbrochen-Werden und Sich-zerbrechen-Lassen preisgibt. Andreas, der suchende Kritiker mit seiner Sehnsucht nach Nähe. Das Trinken des Weines, als letztes Liebeszeichen vor dem Tod, erreicht eine Dichte und Präsenz, die den Atem stocken lässt. Es bedarf langer Minuten des Schweigens, um sich daraus zu lösen, und Tränen fließen – der Liebe, der Trauer, der Enttäuschung, wer weiß?

Manche und mancher ist an der Grenze zum Aufgeben, zum Aussteigen, einfach nicht mehr können. Doch es gibt niemanden, der sich nicht bis zum Letzten seiner ganz persönlichen Möglichkeiten einlässt und hingibt: die am Rande, die dazwischen und die in der Mitte! Jede, jeder findet seine ureigene Weise des Mitseins. Es ist faszinierend, was da passiert, und es ist bis ins Letzte fordernd.

All das wird mit einer Fähigkeit, Umsichtigkeit, Begrenzung an den wichtigen Stellen und in großem Maße Freiheit gebend von Klaus Werner Stangier begleitet, die Ihresgleichen sucht. Ich hatte an keiner Stelle Angst um mich oder um die Gruppe. Jederzeit könnte ich mich wieder in seiner Begleitung auf „Bibliodrama“ einlassen. Aber ich weiß jetzt, was es bedeutet, wie gefährlich es auch werden kann, wenn es von nicht kompetenten und erfahrenen Lehrern gehandhabt wird.

Als Angebot für Gemeinden sollten nur Elemente von viel geringerer Intensität als eine Möglichkeit der „Inkarnation“ Verwendung finden. Den Begriff „Leibwerdung“ beziehe ich auf die biblischen Texte, die in Resonanz mit Personen und ihren jeweiligen Lebens- und Werdegeschichten gebracht werden. Wenn es klug verwendet wird, kann Bibliodrama zu tieferer Menschwerdung und Beziehung zu den Mitchristen führen. Umgekehrt vertieft das Spiel, die Identifikation mit biblischen Situationen und Personen das Verständnis biblischer Texte, des Lebensgefühls der damaligen Zeit, der Spannung und Dramatik der Botschaft für uns Heutige. Das Spiel führt letztlich zur inneren Stille, aus der Spiel und Wort mehr und mehr geboren werden.

Maria Magdalena Wassen,
geb. 1947, Erzieherin, Religionspädagogin, seit 23 Jahren als pädagogische Mitarbeiterin und Leiterin verschiedener Programmbereiche bei familienforum edith stein in Neuss tätig, seit 1983 Kontemplationsschülerin bei Willigis Jäger, langjährige Praxis in der Weitergabe von Entspannungsverfahren, Kontemplation und Meditation. Meditationslehrerin,  in Ausbildung zur Ausdruckstanz- und Tanztherapeutin beim Deutschen Institut für Tanztherapie und Ausdruckstanz, DITAT in Bonn.

 

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