Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Orte der Praxis

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Johannes Schleicher

Franz-Xaver Jans-Scheidegger

Das VIA CORDIS Haus St. Dorothea in Flüeli Ranft, Schweiz

Autoren: Johannes Schleicher und Franz-Xaver Jans-Scheidegger
Kontemplation und Stille, Spiritualität von Niklaus und Dorothea von Flüe, Bildung und Begegnung

Franz von Sales schreibt man den wunderbaren Satz zu: „Nimm dir täglich eine Stunde für das Gebet, außer in Zeiten großer Betriebsamkeit. Dann zwei!“ Das ist keine moralinsaure „Weisheit“, sondern dahinter steckt viel positive Lebenserfahrung, die durch moderne Psychologie und Managementforschung abgedeckt ist: In Zeiten wachsender Hektik und Verunsicherung brauchen wir umso mehr Zeiten und Orte der Stille, Achtsamkeit und Einkehr.

Einer, der den Rückzug gelebt hat und dennoch nah dran blieb an den sozialen und politischen Fragen seiner Zeit war Niklaus von Flüe, oder „Bruder Klaus“, wie man ihn fast zärtlich nennt. Mit 50 Jahren verlässt er mit deren Zustimmung seine Frau Dorothea und seine 10 Kinder und steigt aus seinem für damalige Verhältnisse hektischen Alltag aus: Bauer, Minister, Standesdelegierter, Regierungsmitglied, Militärkommandant. Mit der Kraft aus der Tiefe wurde Niklaus in seiner Einsiedelei am Wildbach der Melcha in Flüeli-Ranft zum weisen Ratgeber und zum Anwalt für Arme und Leidende.

ViaCordis

Klause von Bruder Klaus

Die tägliche Versenkung in die Stille formte Bruder Klaus zur noch stärkeren Persönlichkeit. Als er nicht mehr unter die Menschen ging, kamen diese zu ihm. So konnte er z.B. die im Streit verhärteten Eidgenossen zu einer gewaltfreien Lösung eines schwerwiegenden Konfliktes bewegen (Stanser Vorkommnis von 1481).

Wie hat er das gemacht? Genaues weiß man auch heute noch nicht, aber er gab auf die Fragen zur Antwort: «Gehorsam ist die größte Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt. Darum sollt ihr darauf achten, dass Ihr einander gehorsam seid.». Im Wort Gehorsam steckt das Wort «horchen ». Hören, offen sein für Gott und offen für die Menschen – diese Grundhaltung prägte Bruder Klaus und entsprechend gibt er den Rat, in dieser Haltung zu leben.

Um zu hören, braucht es Stille und Partnerschaft auf Augenhöhe. Wer Gehorsam einfordert, muss ein Hörkompetenter sein, soll Stille immer wieder einüben, um im Alltag horchen zu können.

Ein solcher Ort zum „Horchen lernen und einüben“ ist das VIA CORDIS-Haus St. Dorothea in Flüeli Ranft.

ViaCordis

In vielen Kursen wird dort die Spiritualität von Niklaus und Dorothea von Flüe praktiziert und weitergegeben. Das Haus liegt nicht im luftleeren Raum, sondern ist eingebettet in die wunderbare Bergwelt und liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Geburts- und Wohnhaus von Bruder Klaus. Wer jemals im Ranft war, hat die Schönheit und Kraft dieses Ortes gespürt und genossen. Kursteilnehmende, Gastgruppen, Jakobspilger, Einzelgäste zum Ferienmachen – alle werden von den heute ca. 20 Mitarbeitenden herzlich empfangen und in Gastfreundschaft bedient. Der gemeinnützige Verein VIA CORDIS® benützt die Liegenschaft seit 2001 als Bildungshaus, zuerst in Kooperation mit den St. Dorothea Schwestern und seit 2008 eigenständig.

In der Ortsbevölkerung wird das Haus auch heute noch kurz und bündig „S’Dorothea“ genannt. Meistens wird mit diesem Namen die Frau von Niklaus von Flüe gemeint. Die Dorothea-Schwestern haben ihren Namen nicht von der Ehefrau von Bruder Klaus, sondern von der heiligen Dorothea von Kappadokien, die dem Priester Don Luca aus Bergamo in Italien zum Vorbild diente, der ein Jugendwerk aufgebaut hatte, das dann später von der neu gegründeten Ordensgemeinschaft von Paola Frasinetti getragen wurde. Als Zeichen für die Übernahme des Werks gaben sich die jungen Schwestern im 19. Jh. den Namen „Dorothea-Schwestern “.

ViaCordis

Melchawildbach mit Steinturm

1910 kamen die ersten Schwestern in die Schweiz nach Luzern. Sie kauften 1951 das damalige Hotel Stolzenfels in Flüeli-Ranft und eröffneten zwei Jahre später eine private Mädchenschule, die sie bis Ostern 1981 führten. Nur fünf Tage später zogen Jugendgruppen ein und es entstand das inzwischen im freiburgischen Broc beheimatete Friedensdorf der Jugendverbände. Das Gründungsdatum des Friedensdorfes 1981 war genau 500 Jahre nach dem „Stanser Verkommnis“, als Bruder Klaus für die gefährlich zerstrittenen Eidgenossen den lange gesuchten Frieden vermittelt hatte. 1991 nahm das Friedensdorf Kurden in ihrem Hungerstreik auf – eine weit über die Grenzen Obwaldens hinaus teils bewunderte, teils hart kritisierte Aktion.

Ab 1995 führten die Schwestern ein Bildungshaus für Erwachsene, seit 2001 in Zusammenarbeit mit der Weggemeinschaft VIA CORDIS. Diese erwarb dann 2008 das Haus als „Wunschkäuferin“ der Dorotheaschwestern und führt das Erbe der Schwestern auf ihre eigene Art weiter. Die Mittel zur damaligen Übernahme stammten allesamt aus Spenden. Das VIA CORDIS-Haus St. Dorothea empfängt heute keinerlei Subventionen, weder von kirchlicher noch von staatlicher Seite, es finanziert sich vom Ertrag des Bildungshauses und vielen Spenden aus dem In- und Ausland. Rechtsträger des ökumenischen Hauses am Ort des geographischen Mittelpunktes der Schweiz ist der „Verein VIA CORDIS zur Förderung der christlichen Kontemplation in Europa“ und die VIA CORDIS-Stiftung.

Der zentrale spirituelle Schwerpunkt des VIA CORDIS-Haus St. Dorothea ist Stille und Kontemplation - eingeübt in einer Form, die wohl auch Bruder Klaus gelebt und immer wieder neu in seinem Alltag vertieft hat: Das Herzensgebet. Es ist ein kontemplativer Weg der christlichen Mystik in die innere Verbundenheit mit der Quelle des Lebens, also in die eigentliche, menschliche Urwirklichkeit. Alle Mitarbeitenden wollen diesem Anliegen dienen besonders auch mit den Angeboten, die im Kontext der Botschaft von Bruder Klaus stehen.

ViaCordis

Meditationsradbrunnen

Der Meditationsradbrunnen fließt im Zentrum unseres Gartenlabyrinthes, das alle Besucher und Gäste zu einem meditativen Gang einlädt, um der eigenen Personmitte näher zu kommen. Das tägliche Angebot der Morgen- und Abendmeditation in der Kapelle wird von den Mitgliedern der VIA CORDIS-Weggemeinschaft Flüeli-Ranft begleitet. Auch die Betreuung der Gäste, Gartenarbeit und zusätzliche Dienste im Haus obliegen diesen freiwilligen Mitarbeitenden.

Herzensbildung berührt die feinsten Bereiche der menschlichen Existenz und lädt ein, diese in den gegenseitigen Begegnungen auch gemeinsam besser kennenzulernen. Aus der Stille aktiv werden, bleibt die meditative Herausforderung in der gegenwärtigen Zeit. Das VIA CORDIS-HAUS ST. Dorothea bietet ein weites Spektrum an Möglichkeiten, diese Grundhaltung aus der eigenen Mitte einzuüben.

Weitere Informationen erhalten Sie bei:

VIA CORDIS-Haus St. Dorothea,
CH-6073 Flüeli-Ranft
Telefon: (041) 6605045
Fax: (041) 6609047
E-Mail: info@viacordis.ch
Internet: www.viacordis.ch

 

Johannes Schleicher
Studium der Theologie in Freiburg/Breisgau und Jerusalem. Zusatzqualifikationen in Gesprächsführung (TZI, Rogers) und Supervision und Personalführung auf spirituelle Art. Weiterbildungen im Grenzbereich von Mystik und Psychologie. Leiter für Bildung und Administration im VIA CORDIS Haus St. Dorothea.

Franz-Xaver Jans-Scheidegger,
geb. 1943, verheiratet, drei erwachsene Töchter. Studierte Philosophie, katholische Theologie und analytische Psychologie. Tätigkeiten: Psycho - therapeut, Lehranalytiker und Supervisor am Internationalen Institut für analytische Psychologie, Zürich, Lehrbeauftragter am Institut für kirchliche Weiterbildung IFOK Luzern, Kontemplationslehrer, verantwortlich für den Bereich Spiritualität im Via Cordis-Haus St. Dorothea, CH-6043 Flüeli-Ranft.

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken