Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Orte der Praxis

 

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Klauss Stüwe

Monte de silencio oder das Lob der Einsamkeit

Autor: Klauss Stüwe

Als der Prophet Elia einst um sein Leben laufen musste, fand er nach langer Flucht auf dem Berg Horeb eine Höhle, die ihm Schutz bot. Dort, wurde ihm versprochen, werde Gott an der Höhle vorübergehen.

Im ersten Buch der Könige im 19. Kapitel heißt es dann:
"Da kam ein großer Sturm, der die Berge zerriss – aber Gott war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben – aber Gott war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer – aber Gott war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Säuseln – und siehe, da kam eine Stimme zu Elia und sprach: Was hast du hier zu tun?"

Ich will mich nicht mit dem Propheten Elia vergleichen, aber um mein Leben muss ich schon laufen und auf der Suche nach einer Höhle, die mir Schutz bietet, bin ich immer gewesen. Und besonders die Hoffnung, an mir werde Gott sichtbar/ hörbar/spürbar vorübergehen, die hat mich lang in Atem gehalten. Da ergab es sich vor einigen Jahren, dass auf einem der Treffen der Würzburger Schule der Kontemplation jemand von einer Einsiedelei in Spanien erzählte, in die man sich zurückziehen könne. Es sei ein Platz in den Bergen in der Umgebung der Stadt Murcia, in denen für Willigis eine Klause gebaut worden sei, die auch seine Schüler benützen dürfen.

Man müsse aber wissen, dass dort sonst niemand anderer sei und das nächste Dorf 12 km entfernt im Tal liege. Der Ort werde "monte de silencio" genannt und das Häuschen "subiaco", nach dem Ort, an den der Hl. Benedikt sich zur Einkehr zurückgezogen habe.

War es das, was ich suchte? Mich zur "Einkehr zurückziehen" – hatte ich das nicht die ganzen Jahre schon getan, Kurse besucht, mich intensiv im Schweigen, in der Kontemplation geübt? Was konnte da noch fehlen? Wie nebenbei hingen dann auch noch einige Fotos von kargen Hängen mit blühenden Mandelbäumen in der Buchhandlung im Haus St. Benedikt, und aus unerfindlichen Gründen kam ich davon nicht mehr los.

Monte de Silencio 01

Ich hörte allerdings eine sehr deutliche Frage in mir: Kannst du es denn überhaupt ganz allein irgendwo länger aushalten? Es war zu registrieren, dass ich in meinem bisherigen Leben, das immerhin schon über 55 Jahre währte, noch nie länger als ein, zwei Tage wirklich allein gewesen bin. Entweder war ich mit meiner Frau oder Familie zu Hause oder in Urlaub, oder mit mir waren andere Menschen – im Beruf, auf Reisen, in Kursen und Fortbildungen.

Außerdem, wie soll ich, wo ich doch mitten im Beruf stehe, erklären, dass ich für 2–3 Wochen einfach irgendwohin in die Einsamkeit gehen möchte. "Du möchtest doch nur ein bisschen Urlaub machen" "Was willst du denn in so einer gottverlassenen Gegend so lang allein machen?" "Was ist denn, wenn etwas passiert?"…

Irgendwann waren mir die Einreden egal. Ich beschloss, es zu versuchen. Termin vereinbaren, Flug buchen, Abholung organisieren – wenn man sich einmal entschlossen hat, geht alles leicht. Das spielt sich alles im Herbst 1997 ab. Auf der Januartagung 98 bestärkt mich Willigis in meinem Vorhaben und sagt auf meine Frage, ob ich Bücher mitnehmen solle: Nein! Was denn sonst besonders zu üben sei an so einem Ort?, frage ich. Willigis knappe Antwort: "Dein Da-sein ist gefragt." So gerüstet bin ich damals im Frühjahr 1998 zum erstenmal nach Spanien in die Einsamkeit aufgebrochen. Heuer – im Frühjahr 2006 – nach meinem 6. Aufenthalt auf dem "monte", unternehme ich den Versuch aufzuschreiben, was die Einsamkeit auf dem Weg der inneren Übung bedeuten könnte – nicht nur für mich.

Monte de Silencio 02Ich nehme dazu die Frage an den Propheten Elia wieder auf: Was hast du hier zu tun? Will sicher auch heißen – hier, vor dieser Höhle, an diesem besonderen – abgesonderten – Platz. Damit ist schon angeknüpft an die Tradition, wie sie das Neue Testament überliefert. Nach den Evangelien zieht sich Jesus nach seiner Taufe und vor seinem ersten öffentlichen Auftritt "in die Wüste" für 40 Tage zurück, um zu fasten und zu beten, und an anderen Stellen heißt es auch, dass er sich "von der Menge" an einen "einsamen Ort" zurückzog.

Die Lebens- und Übungsform des Einsiedlers hat in Ost und West noch ältere Wurzeln, aber sie kann sich auch auf Jesus berufen und bekommt dann mit den Wüstenvätern und Wüstenmüttern in den ersten Jahrhunderten der Geschichte des Christentums besondere Bedeutung.

Ein Ort „in der Wüste“. Diese besondere Ortsbeschreibung kommt aus Gegenden, in denen es echte Wüsten in erreichbarer Nähe gibt, wie z. B. im Nahen Osten. Es ist aber sicher auch ein Ort gemeint, an dem eben sonst fast gar nichts mehr ist, auch wenn er nicht wirklich in einer Wüste liegt. Wasser und Brot – das muss sein. Aber eben sonst – fast nichts: jedenfalls
- keine Menschen
- niemand, nach dem man sich richten sollte, könnte, müsste,
- auch solche Menschen nicht, die irgendwie in der Nähe sind, zu denen man aber keinen Kontakt aufnimmt,
- kein Telefon, kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet, keine Bücher
- keine Verpflichtungen, keine Ablenkungen, keine normalen, gewohnten Aufgaben .

Ja, was bleibt denn dann? – Du – mit dir und dein Versuch, "da" zu sein. In diesem elementaren "Überbleibsel" stecken jede Menge Abenteuer.

Ich – mit mir, ohne Wenn und Aber, ich – und sonst niemand, von morgens bis abends, und in der Nacht ich – so wie ich eben bin, immer wieder auf mich zurückgeworfen, mit einem Sack voll Fragen:
- Wie teile ich meinen Tag ein?
- Wie streng halte ich mich an die selbst aufgestellten Regeln?
- Was mache ich, wenn es mir nicht gut geht?
- Wie gehe ich damit um, dass mir – außer meinem "Beobachter" – keiner zuschaut?
- Darf ich mich so intensiv um mich kümmern?
- Was mache ich mit all den Phantasien und Träumen, die mich überfallen?
- Sollte ich nicht ganz von mir absehen?

Will ich nicht eigentlich – über mich hinaus – auf dem inneren Weg weiterkommen, – besondere Erfahrungen an einem besonderen Ort machen? "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen – woher kommt mir Hilfe?" (Psalm 121)

Sie kam und kommt aus der Ermunterung: Sei einfach da! Nimm alles, wie es kommt. Und das ist das Besondere am abgesonderten, am "wüstenähnlichen Ort": Es kommt – äußerlich gesehen – wenig, fast gar nichts – jedenfalls nichts Besonderes – Unerwartetes.

Der Morgen kommt und der Sonnenaufgang.
Der Wind weht.
Die Vögel beginnen zu singen.
Es wird hell.
Es wird warm – oder es bleibt kühl.
Wolken ziehen, die Sonne strahlt vom Himmel.
Es wird Mittag.
Ruhig fließt der Tag dahin.
Die Kiefern rauschen im Wind.
Die Bienen summen.
Die Vögel singen ihr Lied.
Die Frühlingsblumen öffnen ihre Blüten.
Die Sonne überschreitet ihren höchsten Punkt, sie sinkt, sie verschwindet hinter den Bergen.
Die Dämmerung bricht herein.
Der Abend kommt.
Die Nacht ergreift Besitz von dem, was du sehen und was du nicht sehen kannst.
Es wird wieder Morgen.
Du stehst auf.
Du wäschst dich mit eiskaltem Wasser und bist schlagartig wach.
Du machst dein Bett.
Du zündest die Kerzen an. Setzt dich auf dein Kissen. Die Klangschale tönt.
Du sitzt, gesammelt oder nicht.
Die Gedanken gehen oder bleiben auch mal weg. Wieder erklingt die Schale.
Du erhebst dich von deinem Meditationsplatz.
Du machst dein Frühstück. Deckst den Tisch. Kochst den Kaffee. Richtest einen Apfel. Schneidest drei Scheiben Brot.
Du zündest eine Kerze am Tisch an.
Du verbeugst dich.
Du trinkst, du isst, du kaust, du schluckst. Alles schmeckt intensiv.
Du schaust aus dem Fenster. Draußen wiegen sich die Kiefern im Wind. Im Ofen knackt das Feuerholz. Aufstehen, verbeugen, abräumen, abspülen.
Du trittst aus dem Haus. Bei jedem Schritt knirschen die Steine auf dem Weg.
Du spürst, wie die Erde dich trägt, der Wind dich umschmeichelt oder der Sturm dir ins Gesicht bläst.
Du holst das Werkzeug – für die Gartenarbeit, fürs Holzhacken.

Monte de  Silencio 03 

Du tust, was zu tun ist. Nichts Ungewöhnliches geschieht – und doch ist alles, bis ins kleinste Detail eben – alles. Dies und nichts anderes.

Du bist angekommen. Wenn du Glück hast – denn während ich das schreibe, merke ich, wie diese einfache Schilderung schon ein Ergebnis ist. Ein Ergebnis zahlreicher, langer, mühsamer innerer Kämpfe.

Nach meiner Erfahrung dauert es fast die ganze erste Woche, bis all die Unruhe, all das mitgebrachte innere Korsett, die angehäuften ungelösten Fragen, Sorgen, Pläne, Wünsche – insbesondere auch die erotisch/sexueller Natur einerseits und die spirituellen Hoffnungen und Vorstellungen andrerseits – sich beruhigen und so weit absinken oder sich erledigen, dass innerlich Raum frei wird für die unmittelbare Wahrnehmung des Hier und Jetzt.

Es wird erfahrbare Wirklichkeit, was G. Tersteegen, ein evangelischer Mystiker des 18. Jahrhunderts, so ausdrückt: Der gegenwärtige Augenblick muss deine "Wohnung" werden.

"Bewusstseineinung" hat man das wohl früher genannt. Klingt etwas abgehoben – meint aber nach meiner Einschätzung so etwas, wie ich es nach den ersten Wochen immer wieder und von Tag zu Tag deutlicher gespürt habe:
Die Zweifel, die Einreden, das sprunghafte Hin und Her im Kopf – das geht alles weg.

Und was kommt? Die unmittelbare Erfahrung, ja die Gewissheit: Du bist nicht allein, du kannst nicht herausfallen aus dem, was geschieht. Wenn du keinen Wert mehr auf deine ach so gut gehütete Individualität, auf deine mehr oder weniger hochgeschätzte Person legst, dann merkst du ja sehr deutlich:

Alles lebt und webt – alles vibriert und pulsiert – auf seine Weise, und du auch nur auf deine – menschliche – Weise. Und diese Weise unterscheidet sich von der Weise der Lerche und der Biene, der Mandelblüte und dem Grashalm, dem Regentropfen und dem Windstoß nicht qualitativ sondern höchstens quantitativ. Um es in einem Stichwort zusammenzufassen:

Monte de Silencio 04Mit der Ichentgrenzung geht eine Stärkung der „Selbstwahrnehmung“, der Wahrnehmung des Großen-Ganzen einher. Je durchlässiger die Grenzen zwischen dir und deiner Umgebung werden, desto sicherer wird dein Bewusstsein, ungeteilt und ungetrennt zu sein – mit allem.

Bei mir war und ist damit auch eine deutliche Loslösung von allen dogmatischen und traditionell theologischen Werten und Wichtigkeiten verbunden.

Nicht mehr, was geschrieben steht – in heiligen oder weniger heiligen Büchern, in Regeln und Anweisungen, auch religiösen, psychologischen und sonstigen Ratgebern –, sondern was du hörst, siehst, fühlst, spürst, ahnst, auf bestimmte Weise weißt – das trägt.

Dass all das Gelernte und Übernommene dahinein eingewoben ist, ist in Ordnung. Aber es hat nur untergeordnete Bedeutung.

Monte de Silencio 05 

Ist ja alles wunderbar – für einen Eremiten in der Einsamkeit – könnte man einwenden und fragen: Und wenn du vom monte wieder herunter musst, zurück in deinen Alltag, was bleibt dann von all diesen Erfahrungen?

Das Vertrauen bleibt – dass es möglich ist, selbst zu erfahren, was die Alten genannt haben: Schauen ins nackte Sein. Oder, um es mit Worten eines geübten nichtchristlichen Meditierers zu beschreiben:

"Meditation ist das rückhaltlose Sichöffnen bzw. Offenstehen. Das Ergebnis einer solchen Öffnung ist etwas, was man – wenn auch ungenau – mit dem Wort "Einssein" bezeichnen könnte: Einssein deshalb, weil kein Ich sich zwischen den Meditierenden und das Objekt schiebt, oder anders: weil die Subjekt-Objekt- Schranke durch die Nicht-Ich-Erfahrung aufgehoben ist. In dem Augenblick, wo wir uns eins fühlen mit uns selbst und mit der Welt, haben wir alles erreicht, was die Meditation uns geben kann." (Anagarika Govinda)

Die Frage muss gestellt werden: Braucht es dazu einen besonderen Ort "in der Wüste" und die Einsamkeit? Sicherlich nicht, denn diese Erfahrung ist ja nicht an irgendeinen Ort oder eine bestimmte Form der Übung gebunden.

Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen – mir hat der Rückzug an diesen besonderen, einsamen Ort sehr geholfen und hilft mir noch.

Für andere gibt es andere Hilfen und Möglichkeiten, auf dem inneren Weg voranzuschreiten. Ich bin dem "monte" und denen, die ihn erhalten und pflegen, unendlich dankbar, dass er mir Schritte ermöglicht hat, die ich unter anderen Umständen an anderen Orten nicht gewagt – ja vielleicht wirklich nicht gekonnt hätte. Deshalb musste ich – nach dieser ziemlich langen Zeit – endlich dieses Loblied auf die Einsamkeit singen – selbst wenn mir keiner zuhören würde.

Klauss Stüwe,
evangelischer Pfarrer, seit 1995 hat er das Meditationszentrum Schloss Altenburg – Haus der Stille – in der Nähe von München (www.schloss-altenburg.de). Schüler von Willigis Jäger seit 1991. Kontemplationslehrer der WSdK. Seit 1989 regelmäßig auf dem Monte de Silencio. Zum Thema erscheint im März 2008 mein Buch mit dem Titel „Kraftquelle Einsamkeit“ – Vom Mut, sich selbst zu begegnen im Claudius Verlag, München, ISBN 978-3-62364-0.

 

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