Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Orte der Praxis

 

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Das Augustinum in Mölln

Autor: Wieland Gerhardt

Das Augustinum in Mölln ist eines von 23 Seniorenresidenzen, die die evangelische Augustinum-Stiftung mit Sitz in München an verschiedenen Standorten in Deutschland betreibt. Das Möllner Augustinum ist mit seinen über 400 Appartements für Wohnungen, Verwaltung und soziale Nutzung und seinen derzeit ca. 300 Bewohnern eines der größeren Häuser der Stiftung. Es liegt etwas oberhalb östlich der Stadt Mölln eingebettet in ein Naturschutzgebiet, das Teil der Lauenburgischen Seenlandschaft ist. Nach Lübeck sind es ca. 30 km, nach Hamburg ca. 50 km.

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Am 1. Juni 2015 zogen meine Frau und ich von Mannheim kommend in dieses Haus in Norddeutschland ein. Unser Wunsch war es, im Alter in einer Gemeinschaft von Menschen zu leben. Wir beide fühlen uns der spirituellen Weggemeinschaft von Willigis Jäger verbunden, und seit über 30 Jahren ist Meditation Teil unseres Alltags. So war es für uns nur natürlich, dass wir uns beim Probewohnen, das dem Einzug vorausging, auch über dieses Thema unterhalten haben.

Als ich erwähnte, dass ich Kontemplations- und Zenlehrer sei, zeigte sich die Direktion aufgeschlossen. Die Idee, das spirituelle Angebot des Hauses durch eine Meditationsgruppe für Bewohner und Menschen aus der Region zu bereichern, fand Interesse. Gehört es doch zum Selbstverständnis der Augustinum-Häuser, Teil des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens zu sein. Besonderer Ausdruck dafür sind auch die großen Theatersäle, die jedes Augustinum hat. Die hier stattfindenden Veranstaltungen gehören in der Regel zum kulturellen Angebot der ganzen Region.

Für uns war und ist, neben der täglichen Meditation zu zweit, die wöchentliche Meditation in einer Gruppe seit Jahrzehnten gelebte Praxis. So begann ich schon kurz nach unserem Einzug damit, für eine Meditationsgruppe zu planen. Das Angebot sollte "Zen-Meditation im Augustinum" heißen, ein Angebot, das auch Kontemplation-Übenden offensteht.

Am 30.09.15 hielt ich zu diesem neuen spirituellen Angebot einen entsprechenden Einführungsvortrag. Auch bedingt durch die Ankündigung in der lokalen Presse war das Interesse so groß, dass noch zusätzliche Stühle für den bereits voll besetzten Vortragsraum geholt werden mussten.

In den Tagen nach dem Vortrag kam es dann immer wieder zu überraschenden Begegnungen mit Mitbewohnern, die wir zum Teil noch gar nicht kannten. Sie erzählten uns von ihren eigenen Erfahrungen mit der Meditation. Einige von ihnen hatten schon bei Pater Lassalle, bei Pater Johannes Kopp aus Essen und bei Willigis Jäger gesessen. Unsere Freude darüber war groß. Es bestärkte uns darin, recht bald mit der Meditation im Haus zu beginnen.

Einen Meditationsraum oder einen Raum der Stille gab es hier nicht. Den mussten wir erst noch finden. Aus vielerlei Gründen kam die vorhandene Kapelle für diese Nutzung nicht in Betracht. Es gab aber zwei Seminarräume, die über ein gemeinsames Durchgangszimmer erreicht werden konnten. Dieses Zimmer war weiß gestrichen, mit einem Teppichboden ausgelegt, ohne Bilder an der Wand und fast immer leer.

Es entsprach mit seinen Grundriss von ca. 6 x 4 m und einer die ganze Stirnseite ausfüllenden Fensterfront mit Blick in den Garten der Mehrzahl der Appartements im Haus.

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Es war ein Raum, in dem bis zu zehn Personen meditieren konnten. Das würde zwar eng werden, aber aus Erfahrung wussten wir, dass ja nicht immer alle, die das neue Angebot wahrnehmen wollten, jedes Mal kommen würden.

Für unsere eigene Praxis besitzen wir eine kleine Zen-Glocke, zwei Klanghölzer und eine Uhr und von unserer ehemaligen Hausgruppe in Mannheim ein paar Sitzkissen und Bänkchen. Das Haus gab uns noch einige Decken und Hocker dazu. So verging nicht viel Zeit bis wir zum ersten Mal mit sieben Leuten, drei aus dem Haus und vier aus der Region, an einem Mittwochabend um 19.30 Uhr zum Sitzen in der Stille zusammenkamen. Nach 3 Sitzeinheiten zu 25 Minuten wurden die Sitzutensilien in einer Ecke des Raumes zusammengestellt. Das war nicht optimal und sah auch nicht sehr schön aus, aber es war ein Anfang.

Das Augustinum in Mölln war zu einem Ort der Praxis geworden.

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Nach einigen Monaten stellte uns das Haus für das Material dann noch einen großen abschließbaren Büroschrank in einem der Seminarräume zur Verfügung. Die Stiftung West-östliche Weisheit unterstützte uns über einen befristeten Leihvertrag mit noch fehlenden Materialien so u. a. mit ausreichend vielen Rezitationsbüchern, einer Sitzmatte für mich als Leiter und eine für den kleinen Raum in der Größe angemessene chinesische Tempelglocke nebst Klanghölzern. Ein Rollbild an der Fensterseite des Raumes, das ich von der letzten Chinareise der Zenlehrer unserer Linie 2013 als Gastgeschenk mitgebracht hatte, erinnert die Übenden und mit ihnen alle Wesen daran, die Anhaftung an Zu- und Abneigung loszulassen.

Der beengte Raum war für einige von außen Gekommene Grund genug, wieder zu gehen. Einige von den Bewohnern kamen und gingen auch wieder, weil sie vielleicht anderes erwartet hatten. Inzwischen hat sich die Situation mit acht bis zehn regelmäßig kommenden Teilnehmern aber stabilisiert.

Für die Bewohner des Wohnstifts ist das Sitzen aufgrund ihres Alters und der damit oft verbundenen körperlichen Einschränkungen eine große Herausforderung. Sie sitzen dann auf einem Stuhl und einige von ihnen nur die erste Sitzeinheit mit. Eine blinde Teilnehmerin wird beim Kinhin an einem Stock geführt. Manchmal steht draußen vor der Tür auch ein Rollator in einer Reihe mit den dort abgestellten Schuhen.

Alles zusammen genommen entspricht dieser Ort der Praxis nicht unbedingt dem Ideal eines Zendos mit seinen streng ausgerichteten Sitzmatten und -kissen. Im Augustinum in Mölln sind es vor allem die Menschen, die diesen kleinen und beengten Raum zu einem besonderen Ort der Praxis machen.

Zwei kleine Feste im Jahreskreis, zum Jahresbeginn und im Sommer, sind gerne wahrgenommene Gelegenheiten, jüngere und ältere Teilnehmer unserer Meditationsgruppe an diesem Ort der Praxis auch im Gespräch einander näher zu bringen.

Fotoquellen: 1. © Augustinum Mölln, 2.+3. © Autor

Wieland Gerhardt,
Jg. 1941, verheiratet, 1 Tochter, 1 Sohn †, 2 Enkelkinder, Dipl.-Ing. i. R., Lehrer und Mitglied im Würzburger Forum der Kontemplation e. V. und Lehrer der Leere Wolke Zen-Linie Willigis Jäger. Prägende Lehrer (Kontemplation): Willigis Jäger, Pfr. Albert Hennegriff †, Sr. Mechthild Fricke OP, prägende Lehrer (Zen): P. Enomiya Lassalle SJ †, P. Victor Löw OFM †, Paul Shepherd, Willigis Jäger.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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