Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Aus der Praxis für die Praxis

 

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Isolde Macho-Wagner und Thomas Wagner

Spiritualität und Konfliktlösung

Reflexionsbericht zu einem Seminartyp, mit der Zielsetzung, die spirituelle Dimension in Kommunikation und in Konflikten am Arbeitsplatz zu entdecken

Autoren: Isolde Macho-Wagner, Thomas Wagner

Kontemplativer Lebensweg und alltägliche Lebensgestaltung – Dr. Isolde Macho-Wagner und Thomas Wagner zeigen, wie Kontemplation/Zen und gewaltfreie Kommunikation (nach Rosenberg) sich ergänzen und gegenseitig befruchten und stärken können. Dabei zeigt sich, wie wichtig es ist, mit seinen Gefühlen vertraut zu sein. M.B.

1. Ausgangsüberlegung

Willigis Jäger betont immer wieder: „Jede echte Mystik führt mitten ins Leben – oder sie ist Regression.“ Dieselbe Einsicht heißt im Zen: „Der Erleuchtete kehrt heim auf den Marktplatz!“

Und am Marktplatz? Wie kommuniziert der oder die Erleuchtete dann? Schweigt sie nur noch und lächelt? Wie konfliktfähig wurde sie durch mehr oder weniger tiefe spirituelle Einsichtserfahrungen? Oder hat das eine, nämlich das menschliche Miteinander in guten wie in schlechten Zeiten, wenig zu tun mit dem Sitzen in Stille?

Eines mag klar sein – auch die tiefsten Einheitserfahrungen machen uns nicht automatisch zu sozialkompetenten Menschen. Zweitens: Vita activa und vita contemplativa, Mystik und Politik, Engagement und Spiritualität dürfen nicht länger als zwei Schwestern betrachtet werden, die zwar voneinander wissen, aber nichts miteinander zu tun haben oder sich gar jeweils als die bessere betrachten. Vielmehr gilt es, die Spannungseinheit von Innen und Außen im Sinne der Formel „contemplativus in actione“ zu verlebendigen. Angelus Silesius hat dies schön in folgenden Versen zum Ausdruck gebracht: „Gott sind die Werke gleich: der Heil’ge, wann er trinkt, gefallet ihm sowohl, als wenn er bet’t und singt. Gott tut im Heil’gen selbst all’s, was der Heil’ge tut, Gott geht, steht, liegt, schläft, wacht, isst, trinkt, hat guten Mut.“

Dies mag verstanden werden in dem Sinne, dass eine jede Handlung Ausdruck des Einen, der Buddhanatur, ist. Insofern ist es überflüssig, von Erwachtsein und Verblendetsein zu sprechen. Diese Perspektive berücksichtigt jedoch nicht die Not-wendigkeit menschlicher Reife und Wachstumsprozesse.

Die menschlichen Bedingtheiten, die anthropologischen Begrenzungen rufen danach, dass Menschen, die sich auf den inneren Weg begeben und da angemessene Übungsfelder finden, sich auch auf ihrem alltäglichen, äußeren Weg üben.

Spirituelle Übungen, die zu einer achtsamen, absichtslosen Geisteshaltung führen, erweisen sich in Verbindung mit Kommunikations- und Konfliktübungen als ein fruchtbarerer Nährboden für ein sozialkompetentes Miteinander auf dem Marktplatz. Es geht dabei nicht nur darum, die Eingleisigkeit des Weges von innen nach außen zu erweitern, sondern auch der Gefahr einer Zweigleisigkeit oder Zweiphasigkeit (mal etwas Kontemplation, mal etwas Aktion) zu entgehen. Die Formel „Contemplativus in actione“ bringt diese Einsicht in die lebenslange, teils auch gestaltbare Beziehungsdynamik gut zum Ausdruck. Darin liegt mehr als eine allgemeine Weltfreudigkeit. Gemeint ist die Verbindung mit dem göttlichen Willen gerade in der menschlichen Eigenaktivität, im Handeln.

Gerade deshalb hat die polare Metapher „Wege nach innen – Wege nach außen“ ihren praktischen, gleichsam kurativen Sinn. Weil es um eine integrale Lebens- und Glaubenspraxis geht, braucht es Übungsfelder, die das Innen mit dem Außen (und umgekehrt) verschränken. Die Spannungseinheit oder Gegensatz-Einheit von actio und contemplatio hat mit Blick auf das konkret suchende Glaubenssubjekt einen dritten Pol: Wir sind lebenslang, wenn auch in biographisch bedingten klaren Begrenzungen, ÜBENDE: Wir sind gerufen, in unsere Potentiale zu erwachen, unsere Geburt zu vollenden.

2. Umsetzung

Die Einsicht, dass ein spiritueller Lebensweg und eine verantwortungsvolle Lebensgestaltung Hand in Hand gehen, einander bedürfen und beeinflussen, führte zu dem Versuch, die Wechselwirkung von Kontemplation und der gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg in einem Seminarangebot zu integrieren:

„Konflikte in der Arbeits- und Berufswelt sind normal – in der Regel aber nicht vollkommen. Wenn ein Konflikt das Selbstwertgefühl und den sicheren Boden unter den Füßen bedroht, wird er schnell zur existenziellen und letztlich spirituellen Herausforderung. Nicht immer gibt es Wege im Konflikt. In diesem Seminar möchten wir aufzeigen, dass Spiritualität und Konfliktfähigkeit zwei sich gegenseitig beeinflussende Dimensionen unseres Lebens sind und wir dies bewusst gestalten können. In der Mediation, der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg und der Meditation finden sich Haltungen und Praktiken, die hilfreich und lösend sein können. Sie können eingeübt und im privaten und beruflichen Alltag unmittelbar umgesetzt werden. Konflikte bergen auch Chancen. Es geht uns darum, diese zu erkennen und für die eigene Entwicklung zu nutzen.“

3. Kontemplation

Kontemplation bezeichnet sowohl eine Geisteshaltung wie einen Prozess, der sich in einem Übungsweg entfalten kann. Im christlichen Kontext meint die Kontemplation ein Sich-Einlassen in den Tempel – in die Wohnung – Gottes oder, anders ausgedrückt, sich hier und jetzt, in dieser ganz konkreten Situation wiederzufinden in Gottes Wirklichkeit: endlich zu erkennen, daheim zu sein, zu Hause zu sein und zu spüren, vielleicht fremd gewesen zu sein, doch nie fern von Gottes Gegenwart.

Die unio mystica (die mystische Vereinigung mit Gott) als Herz einer christlichen Kontemplationspraxis ist keine Leistung oder ein durch bestimmte Praktiken zu erreichendes Endziel. Sich in Gott selbst – und dabei die ganze Schöpfung Gottes – zu erkennen ist das Selbstverständlichste unseres Menschseins.

Da es im Laufe eines intensiven spirituellen Übungsweges nichts zu erreichen gibt, aber auch nicht nichts zu erreichen gibt, weil einem die Augen und das Herz aufgehen, ist dieses Selbst-verständliche der unio mystica ein Ereignis der Gnade. Eine kontemplative innere Haltung, unterstützt durch eine gesammelte Körperhaltung (aufrechtes, entspanntes Sitzen) und getragen von einem offenen, wachsamen Geist (Schweigemeditation), sowie begleitet von der Kraft eines tiefen Atmens kann uns den Weg ebnen zur Selbst- und Welt-Erkenntnis in Gott. Die Kontemplation ist jedoch keine unausweichliche Bedingung für das liebende Erkennen von Gott in uns und wir in Gott.

4. Lebenshaltung und Lebensgestaltung

Es wäre und ist ein Irrtum zu meinen, ein kontemplativer Lebensweg würde moralisch vollkommene Menschen bewirken. Wer solche Erwartungen hegt, wird Gott sei Dank enttäuscht werden. Ein japanischer Zen-Meister meinte kurz vor seinem Tod: Nach fünfzig Jahren intensiver Meditation habe ich gelernt, mich zu schämen.

Regelmäßige Kontemplation kann den oben erwähnten vorbereitenden Charakter haben. Sie bewirkt gleichsam eine innere Reinigung, ein Zähneputzen des Geistes, wenn man so will. Diese inneren Waschungen können nicht nur zu spirituellen Einsichten führen. Sie ähneln der Wirkung eines Weichspülers. Das gesammelte Sitzen in Gottes Schweigen lässt Mauern um unsere Herzen bröckeln und uns wieder empfindsam und verletzlich werden. Wer sich und alle Wesen in Gott findet, ist zu einer gewandelten, im wahrsten Sinn des Wortes selbstlosen Empathie mit sich und den anderen fähig.

Dennoch stellt sich dann im Trubel des Alltages, inmitten der Belastungen und Freuden durch Familie, Beruf und Engagements, die konkrete Frage: Wie gestalte ich aus der Kraft der Kontemplation meine Beziehungen? Wie lebe ich mein Leben in den konkreten Abläufen, Begegnungen und Erfordernissen des Alltags?

Hier nun möchte ich die einfühlsame oder gewaltfreie Kommunikation als ein Beispiel vorstellen, das ein hilfreiches Handwerk zur emphatischen Lebensgestaltung ist.

5. Die einfühlsame oder gewaltfreie Kommunikation

Kennzeichnet die Kontemplation einen vorbereitenden und reinigenden Übungsweg für eine emphatische Geisteshaltung, so ergänzt die gewaltfreie Kommunikation (GFK) diese Haltung mit einem praktischen Handwerkszeug zur täglichen einfühlsamen Lebensgestaltung.

Eine entscheidende Frage in der therapeutischen Tätigkeit des US-amerikanischen Therapeuten und nunmehr seit über dreißig Jahren wirkenden internationalen Mediators (Konfliktvermittler) Marshall Rosenberg lautete: Was brauchen Menschen, damit sie von Herzen geben können?

In der Arbeit mit seinen Klienten litt er anfänglich darunter, dass er keine wahrhaftige Verbindung mit seinen Klienten wahrnehmen konnte. Er konnte sie analysieren, interpretieren, be- und verurteilen, doch eine Begegnung von Herz zu Herz fand nicht statt. Er erkannte, dass nicht nur in der psychologischen Arbeit, sondern generell in zwischenmenschlichen Begegnungen Vorwürfe, Vergleiche, Analysen, das Leugnen von Verantwortung und das Stellen von Forderungen zu Fehlleitungen in der Kommunikation führen können.

Als positiven Gegenpol entwickelte er die gewaltfreie Kommunikation. Er selbst nennt sie eine Sprache des Mitfühlens. Es ist ein Weg, weit mehr als nur eine Methode, um Konflikte zu lösen und um Beziehungen befriedigend zu gestalten. Die GFK beruht auf vier Schritten:

  1. Gib die Beobachtung einer Handlung wieder, nicht deine Interpretation davon.
  2. Nimm deine Gefühle wahr und teile sie mit.
  3. Erkenne deine Bedürfnisse, die die Ursache deiner Gefühle sind, und äußere sie.
  4. Äußere eine konkrete, machbare, aktuelle und positiv formulierte Bitte.
6. Beobachtung statt Beurteilung

Rosenberg schlägt vor, in einer Situation, wo Ärger aufkommt, den entsprechenden Vorfall zu beschreiben, das heißt, eine aktionsbezogene Sprache zu verwenden, die frei von Urteil und somit frei von Vorwurf oder Kritik ist. Ein Beispiel: „Was stimmt mit ihr nicht?“ könnte in GFK-Sprache lauten: „Fünf Minuten, nachdem ich die Glocke zur Meditation läutete, fing meine Mutter an, nach der Fliege zu schlagen.“

7. Gefühle statt Vorwürfe

Äußere Ereignisse können Auslöser sein für unsere Gefühle. Sie sind niemals die Ursache für unsere inneren Reaktionen.

Gefühle entstehen, wenn ein Bedürfnis erfüllt oder nicht befriedigt ist. Andere Personen oder äußere Ereignisse können, wie gesagt, Auslöser sein für Wut, Trauer oder Freude. Sie sind jedoch nicht deren Ursache. Deshalb ermutigt uns Rosenberg, die Verantwortung für die eigenen Emotionen zu übernehmen. Statt zu sagen, „Du hast mich wütend gemachte,“ lädt die GFK ein, Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen als Quelle unserer Gefühle aufzunehmen: „Nachdem du das gesagt hast, fühlte ich mich verärgert und traurig, weil ich den Wunsch nach … hatte.“

Wichtig ist dabei zu unterscheiden zwischen echten Gefühlen, also emotionalen Zuständen, und körperlichen Empfindungen wie „traurig“, „wütend“ oder „zufrieden“ und Annahmen über das mögliche Verhalten des anderen. So beinhalten Aussagen wie „ich fühle mich verraten, ignoriert und missverstanden“ ein Urteil über die Absichten des anderen. Hier wird eine Meinung mitgeteilt, nicht ein Gefühl.

8. Bedürfnisse als Ursache für Gefühle

Wenn ich mich selbst wahrnehmen möchte, ist es wichtig, meine Gefühle mit dem Bedürfnis (oder den Bedürfnissen) zu verbinden, das in der Situation unerfüllt blieb. („Ich war verärgert, als ich das Fernsehen hörte, denn ich brauchte Stille.“) Die GFK anerkennt nicht nur allgemeine menschliche Bedürfnisse wie Luft, Nahrung und Bewegung, sondern auch komplexe Bedürfnisse wie kreativen Ausdruck, Achtung und Liebe.

Ein Bedürfnis ist nach Rosenberg immer etwas Lebensbejahendes. Neben den existentiellen Bedürfnissen bestimmt im Besonderen unser Wunsch nach Selbstbestimmung, Anerkennung, Sicherheit und Gemeinschaft unsere Emotionen und unser Handeln.

9. Bitte statt Forderung

Um Wünsche, Interessen oder Bedürfnisse zu erfüllen, gibt es eine ganze Palette von Lösungswegen, die wir in konkreten, positiv formulierten und machbaren Bitten ausdrücken können („Könntest du den Fernseher ausschalten?“). Unbestimmte Verallgemeinerungen (wie zum Beispiel: „Ich brauche jetzt Ruhe!“) gilt es zu vermeiden, sodass die andere Person genau weiß, welches neue Verhalten uns zufrieden stellt. Bittet um das, was ihr wollt, nicht um das, was ihr nicht wollt.

10. Ein „Nein“ dankbar annehmen

Die Haltung, die eine echte, konkrete Bitte oder einen Lösungsvorschlag begleitet, ist offen, ein „Nein“ als Antwort zu erhalten. Der Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung besteht nicht in der Süße unserer Worte, sondern darin, ob wir mit mehr oder weniger subtilen Mitteln jemanden bestrafen, der Nein sagt. Ein „Nein“ auf eine echte Bitte ist gegebenenfalls Ausdruck der Aufrichtigkeit und Freiheit in unseren Beziehungen.

11. Analogien und Ergänzungen

Nachdem ich nun Grundlegendes zur Kontemplation geschrieben und Wesentliches der einfühlsamen Kommunikation dargelegt habe, möchte ich auf einige Analogien und Ergänzungen im Sinne von Geisteshaltung und Lebensgestaltung eingehen.

12. Achtsames Leben im Hier und Jetzt

Meditation ist ein Übungsweg, um anzukommen, um heim zu gelangen in das Mysterium des Augenblickes. Wer gedanklich nicht mehr abschweift in Vergangenes oder Zukünftiges, mag vielleicht ein Gespür bekommen für das „Ewige“, das „Heilige“ im Gegenwärtigen.

Die Übungen der GFK führen uns immer wieder in den konkreten Augenblick. Sei es, dass wir unsere momentanen Gefühle wahrnehmen, sei es, dass es darum geht, eine konkrete, erfüllbare und aktuelle Bitte auszusprechen. Was kann dir jetzt helfen? Oder was brauchst du jetzt?

Eine spirituelle Wachsamkeit für Gottes Gegenwart und eine handlungsorientierte Aufmerksamkeit für das alltägliche Miteinander ergänzen sich.

13. Ohne Urteil – absichtslos

Eine der wichtigsten Übungen in der GFK ist, zu unterscheiden zwischen der Wiedergabe einer beobachteten Handlung und deren Interpretation. Oft vermischen wir beides, dann kann sich unser Gegenüber zur Verteidigung aufgerufen meinen.

Wenn wir jedoch die verschiedenen Abläufe in einer Situation ohne Wertung wiedergeben, dann gibt es weder Anklage noch Vorwurf – und es fällt leichter, dem anderen zuzuhören.

In diesem ersten Schritt – „Beobachtung statt Beurteilung“ – findet sich bereits eine absichtslose Geisteshaltung. Entscheidend ist diese Einstellung auch bei der Äußerung unserer Bedürfnisse und Bitten. Nur wenn ich sie eigenverantwortlich äußere, kann vermieden werden, dass die andere Person meint, verantwortlich für unser Wohlergehen zu sein oder fremdbestimmt zu werden.

So wichtig es ist, Bitten und konkrete Wünsche zu äußern, so entscheidend ist es, dies in einer Geisteshaltung zu machen, die den anderen nicht manipulieren möchte. Die GFK ermöglicht eine einfühlsame, urteilsfreie Begegnung mit dem anderen – ohne dass ich mit der anderen Person inhaltlich übereinstimmen muss. Die mystische Absichtslosigkeit oder ein sich und den anderen Wiedererkennen in der grundlosen („warumlosen“) Liebe Gottes bekräftigt die Möglichkeit im Alltag, doch noch Zugang zu einem Konfliktpartner zu finden.

14. Ohne Not Bedürfnisse äußern

Das Wahrnehmen der eigenen Gefühle und der des anderen, die ihre Ursache in unseren erfüllten oder nicht gestillten Bedürfnissen haben, ist ein Herzstück der GFK. Es ist ein Intimwerden mit uns selbst, wie es sich auch in der Kontemplation ereignet. Wobei beim intensiven, stillen Sitzen wir nicht nur mit unseren Emotionen in Berührung kommen, sondern, bildhaft gesprochen, durch sie hindurchtauchen und dann frei von ihnen inmitten von Gefühlen und Gedanken meditieren können.

Es bleibt also nicht nur beim Wahrnehmen unserer selbst. Wir können ein Stück weit Abschied von uns nehmen, uns nicht mehr identifizieren mit unseren Emotionen – ohne sie zu verleugnen. Es ist eine befreiende Erfahrung, die uns aus einer möglichen Fremdbestimmung durch Gedanken und Gefühle entlässt.

Ähnliches gilt im Bezug zum Erkennen unserer grundlegenden Bedürfnisse. So heilsam es ist, diese wahrzunehmen, sich ihrer bewusst zu werden, so befreiend ist es, wenn wir bei der Befriedigung dergleichen nicht uns oder andere zu Sklaven machen.

So ist es in einer Beziehung beispielsweise wichtig, dem Partner erkennen zu geben, dass man selber ein Bedürfnis nach Anerkennung hat. Doch kann ein anderer Mensch – oder können wir selbst – je diese grundlegende Sehnsucht nach Lieben und Geliebtwerden stillen?

Hier bietet die Kontemplationsübung einen unauslotbaren Quell einer lebendigen Liebe, die uns ein Stück weit frei macht von der Anerkennung anderer. Dieses Geborgensein in einer unbedingten Liebe ermöglicht es, Bedürfnisse nach Wertschätzung, Selbstbestimmung, Sicherheit oder nach Gemeinschaft… frei zu äußern, ohne andere dadurch zu bedrängen oder zu überfordern.

15. Resümee

Das Verhältnis von Kontemplation und gewaltfreier oder einfühlsamer Kommunikation kann als ein symbiotisches bezeichnet werden. Beides sind lebenslange Übungswege, wobei die Kontemplation als die Quelle oder der innere Saft angesehen werden kann, aus dessen Kraft wir Menschen wieder in Verbindung mit uns und anderen – gerade in konfliktvollen Situationen – treten können.

Ein kontemplativer Lebensweg wird immer wieder herausgefordert durch die Anfragen alltäglicher Lebensgestaltung. Die einfühlsame Kommunikation bietet mit ihren Grundprinzipien und den vier Schritten ein praktikables Handwerk, um spirituelle Einsichten emphatisch, verletzlich und mutig – mitten unter uns – wirksam werden zu lassen.

Die Kontemplation wiederum verhilft Menschen, die sich in der einfühlsamen Kommunikation üben, dazu, dass sie sich nicht nur eine Redetechnik aneignen, vielmehr durch entsprechende Übungen des Schweigens und der inneren Reinigungen authentisch und angreifbar bleiben.

Wem die Kontemplation den Weg ebnet zur Selbst-Erkenntnis in der Liebe Gottes, dem wird Großartiges zuteil. Doch braucht unsere Erde mit all ihren Wunden, Kriegen, Ausbeutungen, Verwüstungen auf globaler, kommunaler oder individueller Ebene gerade heute Menschen, die in ihrer Betroffenheit und Liebesfähigkeit auch über ein geeignetes Handwerkszeug verfügen, um in großen oder kleinen Konflikten vermittelnd und lösungsorientiert wirken zu können.

Hier reichen sich Kontemplation und GFK die Hände im Sinne jener chassidischen Weisheit, die da lautet: „Wie kannst du mich lieben, wenn du nicht weißt, was mich verletzt.“

 

Ein Konflikt ist tragischer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Willst du lieber Recht haben oder glücklich sein? Beides zusammen geht nicht.

Marschall B. Rosenberg

 

Dr. Isolde Macho,
evangelische Theologin und Mediatorin, Meditationsbegleiterin.
Thomas Wagner,
kath. Theologe und Erwachsenenbildner im Bistum Limburg, Supervisor und Meditationsbegleiter.
Internet: Link

 

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