Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Aus der Praxis für die Praxis

 

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Matthias Donner

"Dass es so ruhig sein kann in der Schule ..."

- Schweigeübungen mit Schülern

Autor: Matthias Donner

Matthias Donner gibt einen kleinen Einblick in seine Arbeit mit SchülerInnen. Dabei wird deutlich, welche Bedeutung Schweigeübungen für die Schüler erhalten können, wenn Sie aus dem Zen-Bewusstsein bzw. einem kontemplativen Bewusstsein heraus angeleitet werden. Vielleicht können seine Erfahrungen denjenigen Mut machen, die schon immer gedacht haben: „Man könnte doch und sollte doch.“ (MB)

In meiner Erfahrung als Klassenlehrer mit Schülerinnen und Schülern im Alter von 10 bis 13 Jahren hat sich gezeigt, dass sich regelmäßige Meditationsübungen gut in den Klassen- und Schulalltag integrieren lassen. Da ich schon mehrmals nach Sesshins gefragt wurde, wie genau Meditationsübungen im Schulalltag zu integrieren sind, habe ich im Folgenden einfach ein paar Beispiele aufgeschrieben.

Für jüngere Schülerinnen und Schüler ist es beispielsweise eine Übung, sich einmal ganz und gar auf einen Kieselstein zu konzentrieren, um nur bei dem Stein zu sein, alles andere dabei als unwichtig anzusehen.

Schon am ersten Schultag der Klasse 5 erhielten die Schüler jeweils einen Kieselstein und wir haben die Übung immer wieder aufgegriffen und dabei auch immer mehr eine wachsende Verbundenheit ohne Worte in der Klasse erlebt.

Entscheidend für jede Übung erscheint mir, den Schülerinnen und Schülern zu erklären, warum man eine solche Übung mit ihnen machen will und wie diese Übung mir selbst hilft. Die meiste Zeit des Tages gehen mir eine Menge Dinge durch den Kopf. Die Konzentration auf den Stein kann mir helfen, mich auf eine Sachen einzulassen, anstatt mich in vielen Dingen zu verlieren. Wenn ich es schaffe, durch stete Wiederholung mich mit meinem Stein anzufreunden, dann kann er mir in Momenten der Aufregung mit einer kurzen Konzentration zu Gelassenheit verhelfen.

So haben einige Schüler auch nach anderthalb Jahren, mittlerweile in Klasse 6, noch den Stein in ihrer Federmappe und man sieht bei so mancher Klassenarbeit einen Stein auf dem Tisch liegen.

Ein Junge erzählte, dass sich seine Eltern zur Zeit abends öfter streiten und er dann schon mal den Stein zur Hand nimmt, um einschlafen zu können.

Insgesamt lässt sich sagen, dass gemeinsame Übungen im Schweigen Vertrauen schaffen und Raum für Gespräche.

„Ich finde es spannend, was man mit Ruhe alles machen kann …“

Seit einem Jahr biete ich dieser Klasse auch jede Woche in einer Pause eine zwanzigminütige Zeit der Stille an. Die Teilnahme ist freiwillig und kann durchaus unregelmäßig sein. Dennoch nehmen in der Regel ca. 20 der 35 Schüler der Klasse teil.

Nachdem ich den Schülern eine Reihe von Übungen vorgestellt habe, wählen sie nun meist selbst, welche Übung sie in der Zeit ausführen wollen. Die Verbindung ist dabei, bei jeder Übung sich möglichst bewusst zu sein, was in mir geschieht, wie mein Körper sich fühlt.

Beliebt sind aktive Übungen, wie das imaginäre Barfuß-Gehen über Eis oder das Gehen über heißen Wüstensand … oder das gegenseitige Massieren, wobei man sich z. B. einen Regenschauer (Niesel, Wind, Hagel, Donner, Sonnenschein …) vorstellt.

Im Laufe der Zeit hat sich bei den Schülerinnen und Schülern immer mehr ein Verständnis entwickelt, was es heißt, einfache Dinge ganz aufmerksam zu tun.

Bei einem Kurzgespräch im Anschluss erzählen die Schüler:

„Wenn es hier ganz still ist, dann höre ich draußen den Lärm der Pause. Es war mir vorher noch nicht aufgefallen, wie laut es in der Pause ist.“

„Ich finde das spannend, was man mit Ruhe alles machen kann; z. B. Musik hören oder irgendetwas fühlen. Mandalamalen würde ich gerne öfter machen.“

„Ich finde es gut, dass wir so viele verschiedene Sachen machen.“ „Ich finde das klasse, wenn wir das vor einer Klassenarbeit machen, denn dann bin ich viel ruhiger und schaffe das besser.“

„Eigentlich ist es ganz gut, weil wenn man sich in der Pause so ausruht, anstatt nur herumzutoben, dann fühle ich mich danach viel besser. Wie soll ich das noch erklären?“

„Also, unser Lehrer macht gerne so Atemübungen, aber ich kann mehr mit Massagen und Mandala anfangen.“

Der aufmerksame Blick auf die Schüler

Mittlerweile haben wir die alte Gymnastikhalle der Schule als Übungsraum und es ist geplant, diesen Raum schrittweise zu einem Raum der Stille auszubauen. Die Schüler haben dazu schon einige von ihnen gemalte Mandalas an den Wänden aufgehängt. Ich halte es dabei für wichtig, sich eine solche Idee nicht als Konzept auszudenken, sondern von den Schülerinnen und Schülern her zu entwickeln, d. h. genau zu beobachten, welche Übungen sie wirklich als ihre entwickeln und welche sie als aufgesetzt ansehen.

Der aufmerksame Blick für die Anliegen und das Empfinden der jungen Schüler hilft vor allen Dingen auch, authentisch zu bleiben. Sich selbst glaubhaft einzubringen ist wohl eine der Grundvoraussetzungen, um die Schüler auf Dauer regelmäßig an derartige Übungen heranzuführen. Die Schüler wollen sowohl etwas über die Erfahrungen des Lehrers hören als auch eigene entwickeln und von ihnen erzählen.

Nach anderthalb Jahren als Klassenlehrer lässt sich feststellen, dass Stilleübungen zu einem klaren Bestandteil unseres Klassenlebens geworden sind, der immer wieder von den Schülern gefordert und gestaltet wird. Begleitet wird dieser Prozess durch Gesprächsübungen in den Klassenlehrerstunden, bei denen die Schülerinnen und Schüler sich in kleinen Gruppen nach bestimmten Gesprächsregeln über Themen austauschen wie „was mich ärgert“, „worüber ich mich in letzter Zeit sehr gefreut habe“…

Beispiele für Aufmerksamkeitsübungen 10- bis 14jährige

  • Meditation mit Gegenständen wie Steinen, Blättern usw.
  • Mandala ausmalen
  • Einfache Eutonieübungen
  • Aufmerksame Körperwahrnehmung, wenn man auf einer Matte liegt
  • Konzentration auf die Atemzüge, auf den Klang einer Glocke
  • Musik hören, beliebt ist z. B. Obertonmusik
  • Phantasiereisen, aus denen anschließend ein Bild gemalt wird
  • Gegenseitige Massageübungen
  • Aufmerksames Gehen/Bewegen unter Vorgabe einer bestimmten Situation
  • Einfache Yoga-Übungen.
„Eine Kuh auf der Wiese – Gemüse zum Mittagessen“

– ein Schweigetag mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12

Als ich meinen Oberstufenschülern nach den Weihnachtsferien kurz von den Tagen des Schweigens während des Sesshins Anfang Januar erzählte, kam spontan die Anfrage, ob nicht auch wir einmal zusammen schweigen könnten. Verständlich schien es den meisten Jugendlichen, sich angesichts der ständigen Anforderungen, des vollen Tagesprogramms, eine Auszeit zu nehmen. So wurde Ende Februar an einem Samstag ein Tag der Stille für die Jahrgangsstufe 12 angeboten. 21 Schülerinnen und Schüler nahmen daran teil und es war beeindruckend, wie sehr sie sich darauf einließen, einmal ganz bei sich zu bleiben und alle eigenen Bewegungen nach Möglichkeit bewusst wahrzunehmen.

Schülerinnen und Schüler schätzen Rituale

Begonnen haben wir direkt mit einer Bestandsaufnahme ohne lange Voreinleitung. Wenn ich mich einfach auf ein Kissen, ein Bänkchen setze und versuche in mich hinein zu schauen, wie erlebe ich mich? Da gibt es eine Menge Stimmen, Wahrnehmungen und Gedanken, alles darf sein, ich beobachte es nur und bemühe mich, ihm nicht nachzuhängen. Danach gab es eine kurze Einführung in bewusstes Sitzen und Gehmeditation, es folgten Eutonieübungen. Dabei ließ sich beobachten, wie groß das Interesse vieler Schüler war, sich bewusst mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Im Abschlussgespräch erzählten einige, wie überraschend hilfreich für sie die Verbindung von Atmung und Bewegung bei den Übungen war.

Beim anschließenden Mittagessen gab es eine Reihe von Ritualen, um die Aufmerksamkeit auf den Augenblick zu üben. So blieb jeder auf seinem Kissen oder Bänkchen sitzen, während zwei Schüler das Essen austeilten. Jeder verneigte sich einzeln, bekam das Essen und verneigte sich wieder. Als das Essen an alle verteilt war, gab es eine gemeinsame Verneigung und alle aßen.

Drei Schüler erzählten hinterher, wie sehr sie dieses gemeinsame Essen im Schweigen geschätzt haben. Zuhause sei es oft laut beim Essen, es bliebe kaum Zeit, einfach einmal dazusitzen und zu essen. Einer fand es spannend, sich ganz auf den Gemüseeintopf zu konzentrieren. Bemerkenswert war auch, dass sich für den Dienst des Essen-Verteilens gerade zwei Schüler gemeldet hatten, die in der Schule öfter durch das Nicht-Einhalten von Regeln auffallen. So hatte der eine schon einen Prozess wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz hinter sich, der andere nach zwei Lehrerkonferenzen eine Androhung des Schulverweises.

Überraschend erlebnisreich kann ein Spaziergang sein

Nach dem Mittagessen folgte ein gemeinsamer Spaziergang. Eine Schülerin meinte bei der Aussprache, es sei ein wirkliches Erlebnis gewesen, die Verbundenheit mit der Gruppe zu spüren, auch wenn sie versucht habe mit ihrer Aufmerksamkeit ganz bei sich zu bleiben.

Ein anderer erzählte, dass er eine Kuh auf einer Wiese stehen sah und das Gefühl hatte, zum ersten Mal ganz aufmerksam eine Kuh zu sehen.

Alles in allem ließ sich spüren, wie überrascht die Schüler durch das Erleben des Spaziergangs waren.

Im Anschluss haben wir noch dreimal 15 Minuten gesessen und ein kleines Abschlussritual durchgeführt.

Bei der abschließenden Aussprache kam heraus, dass die Schülerinnen und Schüler den Tag sehr individuell intensiv erlebt hatten. Die meisten sagten, sie würden sich gerne einmal wieder auf Übungen im Schweigen einlassen.

Matthias Donner,
1971, Lehrer an einem Gymnasium in Wuppertal für Mathematik, Katholische Religionslehre und Philosophie, Vorstandsmitglied des Zen- und Meditationsvereins Little Way in Köln, Jugendbeauftragter der Entwicklungshilfeorganisation Lichtbrücke in Engelskirchen, freier Mitarbeiter des Ausbildungsinstitutes für personenzentrierte Gesprächsführung (AIP) in Bonn.

 

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