Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Aus der Praxis für die Praxis

 

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Margitte Niederstucke

Das Feiern des Lebens auf dem Berg - unvergesslich

Autorin: Margitte Niederstucke

Margitte Niederstucke ist Lehrerin der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens. Sie lebt seit 2003 in dem von Joan Rieck und Willigis Jäger gegründeten „Sonnenhof“ im Schwarzwald, wo sie auch Kurse leitet und das Zentrum für Zen und Kontemplation maßgeblich mitgestaltet. (emü)

„Nehmt Brot und Wein mit, pflückt unterwegs Blumen, denkt an Kerzen und die Liederbücher, geht. Wir treffen uns oben am großen Stein!“ Schon vor Sonnenaufgang tönt so Willigis’ Stimme, worauf sich die KursteilnehmerInnen an der Treppe des Sonnenhofs versammeln. Schweigen. Dämmerlicht, es wird hell.

Feiern auf dem Berg2

In diesem Jahr – seinem 90. Lebensjahr – hat sich Willigis Jäger entschieden, am Sonnenhof keine Kurse mehr zu geben, aus Altersgründen, wie er sagt. „Warum?“, so wird gefragt, „warum kommt er nicht mehr? Geht es ihm so schlecht?“ Wenn man Willigis nach seinem Befinden fragt, antwortet er gern: „Mir geht es immer gut. Auch wenn es mir schlecht geht, geht’s mir gut“. Nein, schlecht geht es ihm nicht, aber er möchte nicht mehr die weite Reise auf sich nehmen, ebenso wenig die Unsicherheiten an einem nicht mehr so vertrauten Ort. Im Alter mag man keine langen Reisen mehr – früher hat er sie sehr gemocht!

Wenn ich ihn anschaue, freue ich mich über die helle Transparenz seiner zart gewordenen Gestalt, freue mich an seinen Bewegungen und dem Blick, der still ist und wach. Und ich verstehe Willigis, wenn er sagt: „Wer mich sehen will, soll zum Benediktushof kommen, da bin ich.“ Dort erlebt er jetzt sein zu Hause. Das ist sein Recht als Altgewordener, als Reisender, als Mensch der vielen Abschiede, als Vorübergehender. Jetzt ist es gut für ihn, einen Ort des Ruhestands zu haben und dort zu sein, an jenem Ort.

Feiern auf dem Berg2

In den vergangenen Jahren sprach er am Sonnenhof immer wieder über seine „Vision“: ein Zentrum für Kontemplation und Zen, eine „Stiftung West-Östliche Weisheit“, die er gründen wollte, eine große Weggemeinschaft von Menschen, die in ihrem Alltag einen spirituellen Weg gehen und sich treffen zum Feiern, zum Austausch und vor allem zum Sitzen in der Stille. Dies hatte er vor Augen und im Herzen. Mit Unterstützung vieler Menschen hat sich seine Vision erfüllt und dieser Ort, der Benediktushof, ist nun seine Heimat geworden.

Uns am Sonnenhof fehlen die Präsenz und die menschliche Nähe von Willigis Jäger. In letzter Zeit wurde er stiller und übergab seinen Co-Leitern deutlicher als zuvor, die Vorträge und die grundsätzliche Durchführung der Kurse. Doch, wenn er spricht, sind seine Worte voll Kraft und Ausdruck geblieben und lassen die Zeit mit ihm – von Moment zu Moment –, als Kostbarkeit erkennen, denn er ist im Alter sehr lebendig!

Es ist eine Tatsache, dass Willigis nicht mehr auf den Sonnenhof kommt, dass dafür seine Kraft nicht mehr reicht.

In weiser Voraussicht hat er seine Kurse seit 2006 mit einem Organisations-Team versehen und zusätzlich eine Co-Leitung bestimmt, darunter in den Kontemplationskursen neben mir, Franz-Nikolaus Müller und im Zenkurs u. a. Peter van den Hoeven. So gehören wir nun zu denen, die seine Arbeit am Sonnenhof in Zukunft weiterführen werden und sind unserem Lehrer sehr dankbar für sein Vertrauen, dass er uns diese Arbeit übergibt.

Der Sonnenhof wird von vielen als ein wunderbarer Ort der Stille, des Schweigens und der konzentrierten Übung in Kontemplation und Zen erlebt. Die Kraft der Natur mit dem Berg Belchen umgibt das Haus, und Willigis hat den Sonnenhof in seiner klaren Einfachheit mitgeprägt. Er hat stets die Schönheit und Dynamik der Wiesen und Tiere, der Sonne, des Regens, auch des Schnees in seine Übungen und die Rituale einbezogen. So hat er durch die Weite seiner Erfahrungen auch in uns die Saiten unseres Wesens zum Klingen gebracht.

Unvergesslich ist mir der Gruß Jesu: „Friede sei mit dir“ geblieben, den wir oft in den Sonnenaufgang hinein miteinander getönt haben, draußen, mit geöffneten Armen und Händen. Dieses Ritual haben wir von Willigis übernommen und führen es am Sonnenhof weiter, indem wir von der Terrasse, aus dem Garten, von der Feuerstelle und aus dem Zendo das hebräische „Shalom“ und das arabische „Salam“ weit in unsere Welt hinein erklingen lassen. Die uralten Worte des Friedens lassen wir damit in uns durch das Tönen zu einem Klang werden und sind selbst Klangkörper. Das Tönen jetzt und hier, zu dem wir uns immer wieder neu einfinden, überall auf der Erde, möge Frieden schaffen in unseren Herzen. Möge Friede sein zwischen uns und den nahen und fremden Menschen. Mögen wir den Berg der Entschiedenheit unter unsere Füße nehmen, und – wie Willigis es uns noch immer zeigt – das Leben feiern!

Ich danke Willigis, auch im Namen von Franz-Nikolaus und Peter, ganz herzlich für die intensiven Jahre seiner Begleitung am Sonnenhof, wo er uns oft und gerade auch im Schweigen durch seine Präsenz und Lebendigkeit den Weg zeigte.

Tee, Reis, Blätter,
Schnee und Wind –
Er schaut in seine Schale, der alte
Mönch,
und jeden Morgen
nickt er und lächelt:
Tee! Reis! Blätter!
Schnee! Wind!

Gundula Schneidewind

Margitte Niederstucke,
geboren 1940 in Berlin; dort evangelische Religionslehrerin. Seit 1985 Zen- und Kontemplationsschulung bei Willigis Jäger. Von 1992 an freiberufliche Kursarbeit. Lehrerin der Wolke des Nichtwissens – Kontemplationslinie Willigis Jäger.

 

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