Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Aus der Praxis für die Praxis

 

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Willigis Jäger

Begleitung auf dem Weg der Kontemplation

Autor: P. Willigis Jäger

Im Gespräch, im Anschluss des Vortrags von P. Anselm Grün, skizzierte P. Willigis ,Jäger seine Praxis der Begleitung auf dem kontemplativen Weg. Dies fasste er anschließend für die Kontemplation zusammen. SJH.

Begleitung auf dem Weg der Kontemplation

Kurz, ohne viel Beiwerk, möchte ich hier sagen, wie ich Menschen auf dem kontemplativen Weg begleite.

1. Wer kommt in die Kontemplationskurse?
  • Menschen, die nach dem Lebenssinn suchen.
  • Menschen nach einem Schicksalsschlag (Tod eines lieben Menschen, Krankheit, Arbeitslosigkeit).
  • Menschen, die von ihrer Religion enttäuscht sind.
  • Menschen, die psychisch labil oder krank sind und sich Heilung erhoffen.
  • Menschen, die eine tiefe spirituelle Erfahrung gemacht haben.
  • Menschen, die sich in einer spirituellen Krise befinden.
  • Junge Menschen, die in einer Drogenerfahrung auf eine transpersonale Ebene gelangt sind.
2. Die ersten Gespräche

In den ersten Gesprächen lernt man die einzelnen Teilnehmer kennen. Ich frage sie, warum sie gekommen sind. Viele sind bereits in einen Weg eingeführt. Ich frage, wo sie herkommen und was ihre Übung ist. Wichtig ist die Frage, ob sie in einer therapeutischen Behandlung sind oder waren. Psychisch Labilen rate ich vom Weg ab, es sei denn, ein Therapeut übernimmt gleichzeitig die Begleitung. Menschen, die nach einem Schicksalsschlag kommen, lasse ich von ihrer Bedrängnis sprechen. Zuhören und Anteilnahme sind in diesem Moment wichtig. Es muss sich herausstellen, ob sie wirklich auf einen spirituellen Weg wollen oder ob sie nur momentanen Trost suchen. Von einer eventuellen spirituellen Erfahrung lasse ich mir detailliert berichten. Oft sind diese echt, manchmal werden Erlebnisse aufgebauscht, die mehr im emotionalen Raum stattgefunden haben. Diese Menschen wünschen eine Bestätigung. Nach einer Klärung sind manche bereit, sich auf einen spirituellen Weg zu machen, andere zweifeln an der Kompetenz des Gegenübers und gehen wieder.

3. Ermutigung

Die Anfänger brauchen Ermutigung. Frustration, Zweifel, Schmerzen beim Sitzen tauchen auf. Die Erwartungen sind groß. Ein spiritueller Weg ist ein Lebensweg und kein Kurzstreckenlauf. Es geht um einen Wandlungsprozess von Innen, nicht um ein Lernen und Besserwerden wollen von Außen. Das aber braucht Zeit.

4. Wie erkennt man eine transpersonale Erfahrung?

Spirituelle Erfahrungen können verschieden tief und umfassend sein. Ich versuche ein paar Formulierungen zu geben, die auf meine eigenen Erlebnisse hinweisen, aber auch Aussagen von Schülern beinhalten. Man darf nicht vergessen, dass die Aussagen eine Beschreibung „aus dem Nachher" darstellen. Darum kommt auch immer wieder das Wort „Ich" vor, obwohl es in der wirklichen Erfahrung kein „Ich" gibt. Leerheit, die nicht leer ist, aus der Töne, Farben, Gefühle und Gedanken kommen. Es ist eine meta- oder suprakosmische Leerheit. Ich und Leerheit sind zusammengeflossen. - Leerheit, Gottheit, Nada kann auch Fülle bedeuten.

Es ist eine Fülle, die schwanger geht mit allen Möglichkeiten. Sie enthält alle Potenzen und ist Ursprung und Schöpfung. - Angekommen, daheim, nichts fehlt. - Lachen, aber es ist kein Lachen über etwas, es ist einfach Lachen. - Glück, aber es ist kein glücklich sein über etwas. Grenzenlose Liebe, aber kein „Ich liebe dich".

Gleichzeitig die Erkenntnis: Es gibt weder Liebe noch Hass, weder Leben noch Tod, weder Du noch Ich, keine Grenzen, nicht Raum, nicht Zeit. Und doch kann ein Mensch unsagbare Liebe erfahren. Sie ist ein wichtiges Kriterium für die Echtheit der Erfahrung. Die Liebe kann begleitet sein von großen Schmerzen in der Herzgegend. - Auf der anderen Seite kann die Erfahrung einhergehen mit Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Freiheit. - Alle Polarität ist aufgehoben. Nichts ist absurd, im Gegenteil, alles ist selbstverständlich. Da ist der Schlag einer Trommel. Die Töne tropfen aus dem Nichts wie Perlen und verschwinden. Kein Innen, kein Außen. Ein Schluck Saft, da ist nur dieser intensive Geschmack. - Gehen, nur dieser Schritt. ES geht, ES sieht, ES fühlt, ja so widersinnig das scheint: ES denkt. Auch Gedanken perlen hervor und verlieren sich wieder. ES kann sich im Alltag ausdrücken. Die Erfahrung wirkt im Alltag fort.

Eine Frau, verheiratet und drei Kinder, sagte mir: „Heute habe ich zum ersten Mal ein Bett gemacht". Eine andere kam aus der Stadt zurück und sagte erschüttert: „Ich bin der Bettler, der an der Ecke saß".

Die Erfahrung kann sich auch in christlichen Worten ausdrücken. „Ich weiß jetzt, dass es Gott gibt, ich habe ihn gefunden". „Ich habe keine Angst mehr vor dem Sterben". „Die Bibel ist wahr, aber ganz anders. „Ehe Abraham war, bin ich". Das gilt nicht nur für Jesus". „Ich verstehe jetzt die Gleichnisse ganz neu". „Ich lebe schon ewig". Weitere Erfahrensberichte sind in meinen Büchern veröffentlicht.

5. Körperliche Phänomene

Der Mensch ist eine Einheit von Körper, Psyche, Ratio und Bewusstsein. Darum kommt es bei einigen Menschen auch zu körperlichen Phänomenen, wenn sie den Weg der Kontemplation intensiv gehen. Die häufigsten Symptome sind Schwanken nach rechts und links oder auch nach vorne oder hinten, Verdrehen des Körpers nach einer Seite, Gefühl des Aufgeblasenseins oder auch des Dünnerwerdens; Kribbeln auf dem Scheitel, der Stirne oder entlang der Wirbelsäule; Tränen, ohne dass man einen Grund dafür angeben könnte.

Man rät, die Phänomene möglichst nicht zu beachten. Solange sie nicht andere stören, solange Schwankungen nicht zu stark werden, kümmert man sich am Besten nicht darum. Wenn die Betroffenen ständig an sich herumkorrigieren, kommen sie nie in eine ruhige Phase. Sollten die Schwankungen zu stark werden, rate ich, sich mit dem Rücken an eine Wand zu setzen. Für Viele sind diese körperlichen Symptome sogar zeitweise eine Sammlungshilfe.

6. Stimmen und innere Ansprachen

Wenn jemand Stimmen hört, ist genau zu unterscheiden, ob sie psychotische Anteile enthalten und eine zwingende Form einnehmen. Der innere Schub ist dann stärker als der Rat von außen. Diese Teilnehmer sind für den kontemplativen Weg nicht geeignet. Sie sollten aufhören und stattdessen in eine therapeutische Behandlung gehen.

Auch Menschen mit Zwangsvorstellungen sollten besser in eine Therapie gehen. Sollte jemand unbedingt weitermachen wollen, geht es nur mit gleichzeitiger Begleitung durch einen Therapeuten. Dass sich im Menschen ein Wort formuliert, z.B. beim Aufstehen oder bei einer schlagartigen Erkenntnis, bedeutet nichts Abnormales.

7. Visionen

Visionen im weitesten Sinn des Wortes, kommen selten aber doch immer wieder vor. Sie können für den Einzelnen die Bedeutung von archetypischen Träumen haben. Mehr sollte man daraus nicht machen. Sie sind Konkretisierungen einer inneren Wahrheit und haben mit historischen Gestalten, die dabei auftauchen (Maria, Engel), nichts zu tun.

Oft kommen Menschen mit der Gabe der Präkognition. Sie können Ereignisse voraussehen. Im Allgemeinen ist das eine Belastung und die Anweisung lautet immer: Nicht darauf einlassen, nicht direkt aktiv werden, z. B. niemand warnen, wenn die Gewissheit aufkommt, dass der Betreffende bald stirbt.

Häufiger ist die Gabe, die von den Alten Kardiagnosie (Schauen ins Herz) genannt wurde. Man erkennt z. B. deutlich, dass jemand nicht die Wahrheit sagt oder eigentlich etwas ganz anderes sagen möchte, als das, was er vorbringt. Von diesen eigentlich parapsychischen Erscheinungsformen gilt: Nicht beachten, nicht daran festhalten, sich nichts darauf einbilden. Johannes v. Kreuz sagt dazu: „Daher kommen die Ekstasen, die Stigmata, die Gliederverrenkungen, die immer auftreten, wenn die Mitteilungen nicht rein geistig sind, nicht nur dem Geist gelten.

Rein geistig sind sie bei den Vollkommenen, die nach der Läuterung durch die zweite Nacht, jener des Geistes, nicht länger von solchen Verzückungen und körperlichen Qualen heimgesucht werden und die Freiheit des Geistes ohne Umwölkung und Hinübergehen der Sinne genießen". (DN,II,1-2)

8. Übertragung und Gegenübertragung

In jedem therapeutischen Lehrbuch kann man Näheres darüber nachlesen. Hier sei nur von einem Phänomen berichtet. Zwei Menschen „fallen einfach ineinander". Sie sind sich im Kurs zum ersten Mal begegnet. Sie haben noch nie ein Wort miteinander gesprochen. Sie sind vielleicht glücklich verheiratet, haben Kinder. Das Ganze scheint zunächst keinen erotischen oder sexuellen Hintergrund zu haben. Die Anziehung ist so stark, dass sie alte Bindungen bedeutungslos werden lässt. Manchmal 'trifft es nur einen von beiden. - Hier ist Aufklärung von größter Bedeutung. Diese Erfahrung liegt auf einer anderen Realitätsebene. Es kann sich darin die Sehnsucht nach dem ganz Anderen, nach Gott, ausdrücken. Es wäre schade, wenn man sie vordergründig interpretieren würde. Am einfachsten ist die Lösung, wenn der (die) Andere keine Ahnung hat und sich distanziert.

9. Vorträge

Die Schriften der großen Mystiker geben reichlich Stoff. Aber auch die eigene Erfahrung spielt eine wichtige Rolle.

10. Spirituelle Krisen

Erste Stufe. Krisen auf dem spirituellen Weg können zunächst ganz normale Lebenskrisen sein, wenn ein lieber Mensch stirbt, ein Unternehmen bankrott geht, eine Scheidung ansteht, usw.. Eine spirituelle Krise wird es erst, wenn nach dem Sinn einer solchen Situation gefragt wird und damit nach dem Sinn des Lebens überhaupt. Jedes Wachstumsstadium bringt Veränderungen, die leidvoll erfahren werden können. Das ist die Dialektik des Fortschrittes auch auf spirituellem Gebiet.

Die zweite Stufe tritt ein, wenn die Gottesbilder fallen. Wenn der religiöse Unterbau, der Halt gegeben hat, wegbricht. Der alte Glaube trägt nicht mehr. „Gott ist tot". Die mystische Literatur ist voller Klagen: „Gott, warum hast Du mich in die Wüste geführt, warum muss ich durch diese Nacht gehen? Warum hast Du mich verlassen?" Die Tage sind ohne Geschmack. Das Leben ist öde und fad geworden. Aber die Sehnsucht bleibt. Der Mensch weiß, es gibt eine Heimat, wo alles in Ordnung ist. Wir haben eine Ahnung von unserer Herkunft bewahrt, von unserem wahren Wesen. Immer wieder sagen mir Menschen, dass sie ihre Eltern als Kinder schockiert haben mit der Bemerkung: „Ich bin nicht Euer Kind". Ihr habt mich nur zu ernähren und zu kleiden. Ich komme von anderswo her". Andere berichten mir: „Ich komme aus einem atheistischen Elternhaus, aber ich wusste mit sechs Jahren schon, dass meine Eltern lügen". Diese Menschen haben sich gleichsam eine Erinnerung auf ihre wahre Herkunft, auf ihr wahres Wesen bewahrt.

Die dritte Stufe ist der „Tod des Ich". Der Tod des Ich ist die Voraussetzung für die Erfahrung Gottes. Alle Hoffnungsbilder und religiösen Versprechen fallen wie ein Kartenhaus zusammen. Johannes vom. Kreuz hat diese Situation mit erschreckenden Worten charakterisiert: „Ringsum Geröchel des Todes - Qualen der Hölle - in die Finsternis geworfen - versenkt in den Pfuhl der untersten Tiefe - lichtlose Schatten des Todes - Todesschatten, Todesstöhnen, Höllenqualen - beklemmendes Leiden - aufgehängt in der Luft, ohne atmen zu können, die Knochen müssen im Feuer verbrennen - weggezehrt wird das Fleisch - die Gliedmaßen werden zerlöst (Ez 24,10) - tödliches Hinschmachten - die Seele sieht die Hölle vor sich aufklaffen" (Jäger, W., Kontemplatives Beten, Münsterschwarzach 1985, S.15).

Was hilft in einer solchen Situation? Ein Begleiter, der sich auskennt und zum Durchhalten motiviert. Der Prozess ist positiv zu sehen. Es geht um Reinigung, um Individuation. Der gewöhnliche Seelsorger ist auf solche Fälle im Allgemeinen meistens nicht vorbereitet. Er schickt solche Menschen eher zum Psychiater. Mystik und mystisches Gebet wird in den Priesterseminaren so gut wie nicht gelehrt und nicht praktiziert. Psychosomatische Kliniken sind heute besser gerüstet, solchen Menschen Hilfe zu geben, als Seelsorger. Umfragen bestätigen dies. (Belscher W., empirie spiritueller Krisen, in Transpersonale Psychologie 1/1999, S.78).

Johannes vom Kreuz wendet sich gegen Seelsorger, die Menschen auf dem spirituellen Weg aufhalten: „Sie (die Seelenführer) aber bleiben bei ihrer niedrigen Weise, mit Gott zu verkehren, weil sie es nicht anders wollen oder wissen oder niemand da ist, sie auf den Weg des Lassens jener Anfänge führt. Begnadet unser Herr sie (die Menschen, die geführt werden) endlich so sehr, dass sie ohne dieses und jenes hindurch kommen, so gelangen sie doch viel später und mühseliger und weniger verdienstlich ans Ziel." (ABK Vorrede).

Die vierte Stufe: Rückkehr in den Alltag. Die Rückkehr in den Alltag kann sich ganz plötzlich ereignen. Manchmal ist sie begleitet von depressiven Zügen. Man möchte zurück in den verlassenen Zustand. Manche bleiben Wochen auf einer alles übersteigenden Seinsebene, manche nur Augenblicke. Das Abklingen ist oft sehr schmerzhaft. Manchen kommen Zweifel, ob das wirklich das Ziel ist. Manche sind sich absolut sicher, dass sie ihre wahre Identität gefunden haben. - Madame Guyon hat die spirituelle Krise in vier Stufen beschrieben. Die erste Stufe hat vier Ebenen:

  1. Ein Angerührt sein, das den Menschen einlädt, nach Innen zu gehen, während die äußeren Sinne austrocknen. Die Welt wird schal.
  2. Ein passiver Reinigungsprozess, in dem Gott die Führung übernimmt, in dem die „inneren Sinne", Verstand, Gedächtnis und Wille „sterben".
  3. Das Loslassen auch des religiösen Haltes. Gott ist nicht mehr erfahrbar. Der Mensch fühlt sich von allem verlassen. Es ist die Stufe es mystischen Todes.
  4. Hier geschieht die Rückkehr ins Leben. Die Auferstehung und Integration der Erfahrung in den Alltag. Über das Nichts führt der Weg ins Alles. „Es gibt nur diese zwei Wahrheiten, das Alles und das Nichts. Alles andere ist Lüge." „Wir können dem göttlichen Alles nur dadurch Ehre erweisen, dass wir zunichte werden. Und kaum sind wir zunichte geworden, da wird uns Gott, der keine Leere zulässt, ohne sie zu füllen, mit sich selbst erfüllen (Jungklausen E., Suche Gott in dir, Freiburg 1986)."
 

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