Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Frauen und Männer der Mystik

 

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Willigis Jäger

Miguel de Molinos

Autor: Willigis Jäger

Miguel de Molinos war ein spanischer Mystiker. Sein Schicksal machte mich sehr betroffen. – Miguel de Molinos wurde 1628 in Muniesa in Spanien geboren. Sein theologisches Studium machte er in Valencia, in dem damals eine starke mystische Strömung lebendig war. Er promovierte und wurde zum Priester geweiht. Schon damals war er ein gesuchter Beichtvater und Seelenführer. Nach einem Lehraufenthalt in Coimbra in Portugal ging er nach Rom, weil er die Seligsprechung des Priesters Simon von Valencia vorbereiten sollte.

In Rom schrieb er auch sein Hauptwerk: „Guia espiritual“ (Der spirituelle Weg). Durch diese Schrift wurde er bekannt. Er hatte viele Vornehme, die ihm zugetan waren. Selbst viele Kardinäle und vor allem der Papst selbst hatten vor ihm große Achtung. Das Buch erreichte bald eine hohe Auflage und wurde in verschiedenen Sprachen gedruckt. 1681 schrieb der Erzbischof von Palermo zu einer neuen Ausgabe ein Vorwort, in dem er dem Inhalt hohes Lob spendete. Besonders in Frankreich und Deutschland wurde das Buch häufig gelesen. Es trug viel zur geistigen Erneuerung bei.

Um so erstaunlicher war sein späteres Schicksal, das die Macht fanatischer Gruppen in der Kirche deutlich macht, die sich mit der Berufung auf Rechtgläubigkeit radikal durchsetzten. Heute ist das nicht anders. Am Ende konnte nicht einmal der Papst ihn vor inquisitorischen Maßnahmen schützen.

Quellen, aus denen Molinos schöpfte, waren Dionysius, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und die rheinische Mystik, die in der „Devotio moderna“ ihren Niederschlag gefunden hatte. – Das Anliegen von Molinos war das aller Mystiker. Sie versuchen, die in der Dogmatik erstarrte Religiosität zu befreien, um Menschen in die Erfahrung des Glaubens zu führen. Er lehrte den üblichen Weg der Mystiker, das Ruhegebet. Denn nur in der Ruhe hat Gott die Möglichkeit sich zu offenbaren. Er riet, wie Meister Eckhart, von allen anstrengenden asketischen Übungen ab, die den Menschen glauben machen wollen, sie könnten eine tiefere Erfahrung erzwingen. Nur in der Ruhe ist Gott zu finden und nicht im „Geplapper der Rezitation“ und dogmatischer Aussagen.

Seine Lehre enthält die üblichen Anweisungen der Mystik. Er spricht von den zwei Wegen, auf denen man zu einer tieferen Erkenntnis gelangen kann: „Der erste ist der Gebrauch des Verstandes, der es erlaubt, aus Gedachtem Schlussfolgerungen zu ziehen. Der zweite ist die Versenkung – ein vertrauensvolles Loslassen von allem.“ Auf dem zweiten Weg wird die geistige Aktivität zurückgenommen, damit die Seele von bildlichen und sinnlichen Begrenzungen frei wird, um zu einem Zustand zu kommen, der nicht mehr mit Worten beschrieben werden kann. Sie erhebt sich aus dem, was ihre eigene göttliche Natur ist.

Den Unterschied zwischen Betrachtung und Gebet der Ruhe oder Gebet der inneren Einkehr stellt er klar heraus. Betrachtung ist ein Erwägen von Wahrheiten kraft unseres Denkens und unserer Vorstellungen. Der menschliche Verstand ist damit beschäftigt, tiefere Wahrheiten zu erkennen. – Im Gebet der Ruhe ist die Seele, wenn sie ohne Hindernisse auf ihren Ursprung ausgerichtet ist. – Das Gebet der Ruhe geschieht ohne jegliche Überlegung und ohne Nachsinnen. Versucht man aber göttliche Wahrheiten mit dem Verstand zu erkennen, dann hat das nichts mit dem Gebet der Ruhe zu tun. Selbst die Vorstellung eines Weges wird aufgegeben, um in ein erfülltes Schweigen zu gelangen. – „Das Lesen eines geistlichen Textes kann man mit dem Bereiten der Speise vergleichen, die Betrachtung mit dem Essen. ... Das Ruhegebet führt noch einen Schritt weiter: Es verleiht Wohlgeschmack und ist der Seele Nahrung, indem sie gestärkt, vor allem aber erfreut wird.“

Der Alltag erbringt den Beweis für die Richtigkeit der Erfahrung. Für Molinos wird sie in der Veränderung des Lebens sichtbar und bestätigt. Wer sich auf diesen Weg einlässt, erlebt eine Führung und Deutung seines Lebens, wie sie ihm durch Denken und Sinneserfahrung nicht zuteil werden kann. Andere mögen diesen Weg für Müßiggang und Zeitverlust halten, doch ist es der Weg in die Fülle des christlichen Lebens. Denn Gott ist nicht zu benennen und nicht vorstellbar, weder als Güte, Schönheit noch als irgendein Bild. – Es sind dies die gewohnten mystischen Hinweise und Ratschläge, die Molinos in seinem Buch und in seinen Briefen erbringt. Er spricht von der Dürre, vom Zweifel am Weg, die aufkommen können, und von der Suche nach einem geistlichen Begleiter und vom Gehorsam ihm gegenüber. Er wendet sich gegen übertriebene Askese und warnt vor verkopfter geistlicher Lektüre. Er erwartete Hingabe und Ausdauer. Hin und wieder ist seine Sprache voller für uns ungewohnter Ausdrücke, auf der anderen Seite aber sehr klar und auch heute gut lesbar.

Die Inquisition

Die Jesuiten wachten zu jener Zeit in Rom über den Glauben. Molinos legte daher sein Buch den Zensoren sowohl in Rom als auch in Spanien vor. Das Buch wurde von angesehenen Theologen durchgesehen und als rechtgläubig und der kirchlichen Gebetslehre entsprechend zur Veröffentlichung freigegeben. Er bekam von den maßgeblichen Stellen die Druckerlaubnis. Selbst Benedetto Odescalchi (der spätere Papst Innozenz XI.) gab dem Buch seine Anerkennung. Papst Innozenz, der allem Pomp abhold war, bat Molinos, in seiner Nähe zu bleiben. Das wiederum schadete sowohl dem Papst als auch Molinos. Dem Papst unterstellte man, er sei durch Molinos weltfremd geworden. Dabei kritisierte dieser nur den übertriebenen Lebensstil in Rom und rief zur Einfachheit auf. Die Kritik der Gegner am Papst wiederum schlug auf Molinos zurück und brachte ihm viele Neider und viele Missgünstige, vor allem unter den Jesuiten. Dem Papst gegenüber musste man vorsichtig sein, daher richteten sich die Anklagen und Attacken gegen Molinos selbst. Und weil man wusste, dass der Papst Molinos schätzte und man daher nichts gegen ihn ausrichten konnte, wandte man sich an König Ludwig XIV., der gerade in Frankreich die „Ketzer“ auszurotten versuchte. Man verklagte den Papst bei ihm: „Er dulde gefährliche Ketzer in seiner Nähe.“ Damals wie heute lautete die Begründung der Fundamentalisten in Rom: Die Gläubigen und die ganze Christenheit nehmen großen Schaden. Der König von Frankreich befahl seinem Gesandten, gegen Molinos vorzugehen. Obwohl auch dieser und der Papst Molinos wohlgesonnen waren, landete die Anklage am Ende bei der Inquisition. Nichts war der Inquisition mehr zuwider als eine persönliche Spiritualität, die Dogmen, Rituale, Sakramente und Bußübungen an den ihnen zustehenden Platz verweist und eine beschauliche Spiritualität lehrt. Auch heute kann die katholische Kirche eine solche Spiritualität nicht dulden, wenn sie an die Öffentlichkeit geht. Es kommen dann schnell die alten Vorwürfe: Quietismus, Häresie, Bezweiflung des freien Willens und vor allem Missachtung der kirchlichen Autorität.

Kerker und Tod

Obwohl der Papst selbst den mystischen Weg seines Freundes Molinos praktizierte, stand er dem kriminellen Verfahren ohnmächtig gegenüber und konnte nicht verhindern, dass dieser 1685 verhaftet wurde. 1687 erfolgte die Verurteilung zu lebenslänglicher Haft. Die 68 Thesen und die zahlreichen Briefe, die für seine Verurteilung herangezogen wurden, führten zu fadenscheinigen Begründungen. Da die Prozessakten verbrannt wurden, weiß man heute wenig darüber. Damals wie heute sollten solche Maßregelungen andere abschrecken. Die eigentliche Triebfeder für Verurteilungen ist die Angst vor Machtverlust.

Papst Innozenz muss man den Vorwurf machen, dass er Molinos der Inquisition überließ, obwohl er ihn für unschuldig hielt. Molinos wurde auf Lebenszeit in den Kerker eines Dominikanerklosters verbannt. 1696 starb er. Man vermutet, dass man ihn langsam vergiftete. Das Buch „Der spirituelle Weg“ zeigte einen lauteren spirituellen Menschen, der nicht den Kerker, sondern die Heiligsprechung verdient hätte.

Worte von Miguel de Molinos

Voraussetzung für einen geistlichen Führer: „Freude am Vermitteln geistlicher Werte. Erkenntnis tiefer Glaubenswahrheiten. Das Gehen eines spirituellen Weges. Ausschaltung von Ehrgeiz und Geltungsdrang, Fanatismus und Aufdringlichkeit. Unabhängigkeit von Meinungen anderer, von zeitlichen Strömungen und weltlichen Dingen.“

Willigis Jäger, OSB
Priester und Zenmeister. Er führt Menschen in die christliche Mystik und Zen ein und wendet sich vor allem auch an Menschen, die sich keiner Konfession zuzählen, aber einen spirituellen Weg suchen. Willigis Jäger, Balthasar-Neumann-Str. 4, 97292 Holzkirchen.

 

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