Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Frauen und Männer der Mystik

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Anna Osterkamp-Brändle

Madame Guyon –
eine vergessene Meisterin aus der Blütezeit der französischen Mystik

Autorin: Anna Osterkamp-Brändle

„Mutter der innerlichen Seelen“ wurde sie liebevoll von ihren Schülern und Schülerinnen genannt, Jeanne-Marie Guyon, geb. Bouvier de la Motte. Mit ihrer Lehre des Inneren Weges und ihren mystischen Schriften erreichte sie katholische und protestantische Christen und gewann bedeutenden Einfluss auf die innerkirchliche Erneuerungsbewegung des 17. Jahrhunderts in Frankreich.

Wichtige Stationen im Leben der Madame Guyon

Jeanne-Marie wird am 13. April 1648 südlich von Paris als schwächliches Siebenmonatskind in eine angesehene Adelsfamilie hinein geboren. Die Kindheit verbringt sie bei Klosterfrauen in wechselnden Klöstern; bereits mit zweieinhalb Jahren geben die Eltern sie in die Obhut der Ursulinen. Als sie mit zehn Jahren an Windpocken erkrankt, steckt man sie – aus Angst vor Ansteckung – kurzerhand in ein Isolierzimmer, in dem das Kind als einzige Unterhaltung eine Bibel vorfindet, die sie mit Hingabe studiert. Durch die Lektüre der Philothea des heiligen Franz von Sales und eine Biografie der heiligen Johanna-Franziska von Chantal vertiefen sich ihre spirituellen Neigungen. Baronin von Chantal, die im Juni 1610 den Orden der Heimsuchungsschwestern (heute auch Salesianerinnen genannt) gründete, ist lange Zeit ihr großes Vorbild; wie sie will Jeanne-Marie in den Orden eintreten.

Doch die Eltern haben andere Pläne. In Paris wird sie in das glanzvolle Leben der höheren Gesellschaft eingeführt; sie liest gerne Romane, lernt sich selbst als eine schöne und anziehende junge Frau kennen. Mit knapp 16 Jahren wird Jeanne- Marie einem sehr reichen und angesehenen adeligen Herrn angetraut. Die Ehe mit dem 22 Jahre älteren jähzornigen Mann, den sie zwei Tage vor der Hochzeit zum ersten Mal sieht, wird zum Martyrium. Sie bringt fünf Kinder zur Welt, von denen zwei bereits im Kindesalter sterben.

Immer wieder begegnet Jeanne-Marie Menschen, die ihre spirituelle Suche beeinflussen und vertiefen. So wird im Jahre 1671 Jacques Bertot, ein auch in Adelskreisen geschätzter Weltpriester, ihr Seelenführer. Er führt sie ein in die „Lehre von der reinen Liebe“ und vom „Sich-verlieren in den Willen Gottes“. Nach dem Tode ihres Vaters und ihrer kleinen Tochter Maria-Anna (1672), ist es die Benediktinerin Geneviève Granger, unter deren geistlicher Begleitung sie in eine mystische Verbindung mit Jesus dem Kinde eintritt – eine Strömung der damaligen Zeit, in der die Kindheit-Jesu-Verehrung populär wurde.

Wenige Monate nach der Geburt des fünften Kindes stirbt der Ehemann. Madame Guyon ist mit 28 Jahren Witwe. Sie spürt, dass ihr Leben nach einer totalen Neuorientierung verlangt. In dieser Zeit wird Pater La Combe ihr Seelenführer.

Nach einer tiefen mystischen Erfahrung, in der sie die völlige Verschmelzung mit dem Willen Gottes erfährt, folgt sie dem Ruf des Bischofs von Genf und übernimmt die Leitung eines so genannten „Neukatholikenhauses“ in Gex. Hier – mitten im Verbreitungsgebiet des Protestantismus – sollten protestantische Mädchen und Frauen zum Katholizismus „umerzogen“ werden. Madame Guyon weiß bald, dass sie hier nicht ihre Lebensaufgabe findet und wechselt nach Thononles-Bains in ein Haus der Ursulinen, die sie auch mit der Erziehung ihrer jüngsten Tochter betraut. Ermutigt von Pater La Combe verfasst sie ihr erstes Buch „Die geistlichen Ströme“, das sie wie unter einem inneren Diktat niederschreibt. Es wurde schon bald in zahlreichen Abschriften verbreitet.

Kommunikation im Schweigen

Die Erfahrung der „Kommunikation im Schweigen“, die sie mit Pater La Combe erlebt, bewegt sie tief. „Ich vernahm eine Sprache, die mir vorher unbekannt war. Ich erkannte allmählich, wenn Pater La Combe eintrat, dass ich nicht mehr zu sprechen brauchte. Es bildete sich in meiner Seele dieselbe Art der Stille zu ihm, wie sie sich auch im Blick auf Gott bildete. Dabei lernten wir durch eigene Erfahrung die Wirkung des himmlischen Wortes kennen, wenn es die Seelen in die Vereinigung mit sich selbst führt, und welch eine Reinheit man in diesem Leben erreichen kann.“ – schreibt Madame Guyon in ihrer Autobiografie. Und sie nimmt auch andere Menschen in diese innere Kommunikation mit hinein. „Ich teilte ihnen die Gnade mit, mit der sie sodann erfüllt wurden, wenn sie mir in dieser heiligen Stille nahe waren, und sie verlieh ihnen eine außergewöhnliche Kraft, doch ich empfing nichts von ihnen, während bei Pater La Combe die Gnadenmitteilung wechselseitig war: „Er empfing von mir und ich von ihm in der größten Reinheit.“

Reisen und Widerstand gegen ihre Lehren

Gemeinsam mit Pater La Combe unternimmt Madame Guyon ausgedehnte Reisen – Turin, Grenoble, Marseille, Nizza, Genua, Verceil. Weitere Schriften und mystische Kommentare zur Heiligen Schrift entstehen. Überall auf ihren Reisen ruft sie auf zum Inneren Gebet; zahlreiche Anhänger – Ordensleute ebenso wie Laien – schließen sich ihr an. In Paris gewinnt sie unter der Protektion von Madame de Maintenon, die spätere Gemahlin Ludwig XIV., großen geistlichen Einfluss auf adelige Kreise.

Erster Widerstand regt sich. Die gemeinsamen Reisen mit Pater La Combe werden beiden angelastet. 1686 kommt es zur Festnahme von La Combe. Beide werden des Quietismus angeklagt. Auf Betreiben des Erzbischofs von Paris wird Madame Guyon zu Klosterhaft verurteilt; ihre Schrift „Der kurze und sehr leichte Weg zum Inneren Beten“ kommt auf den Index der verbotenen Schriften. Während Pater La Combe lebenslänglich in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert bleibt, wird Madame Guyon durch Vermittlung von Madame de Maintenon und anderen einflussreichen Freunden freigelassen.

Im Jahr 1688 begegnet sie Abbé Fénelon. Von nun an ist sie seine geistliche Lehrerin. Beide verbindet eine tiefe geistige Freundschaft, von der ein berührender Briefwechsel beredtes Zeugnis gibt.

Wieder kommt es zu Anschuldigungen, Intrigen und Verdächtigungen. Gegen Madame Guyon wird wegen des Verdachtes der Häresie ermittelt. Fénelon kann die Argumente zwar weitgehend entkräften, aber die Frage inwieweit mystische Liebe ohne jedes eigene Interesse sein kann, konnte nicht geklärt werden. Kirchlichen Würdenträgern ist sie wegen ihrer Eigenständigkeit verdächtig, und am französischen Hof bekämpft man sie für ihren wachsenden Einfluss auf adelige Kreise. Auch Madame de Maintenon stellt sich jetzt gegen sie, und im Dezember 1695 wird Madame Guyon inhaftiert. Fast acht Jahre verbringt sie im Gefängnis, davon fünf Jahre in der Pariser Bastille.

Nach ihrer Entlassung im März 1703 kauft sie ein Haus südlich von Orléans. Hier lebt sie in Stille und Abgeschiedenheit, hier kann sie endlich ihren inneren Ruf als „ Mutter der innerlichen Seelen“ erfüllen. Christen aus England, Schottland, Deutschland und den Niederlanden fühlen sich von der Lehre der Madame Guyon angezogen. Sie betreut Katholiken und Protestanten gleichermaßen und könnte so als Wegbereiterin der ökumenischen Bewegung angesehen werden.

▲ zum Seitenanfang

Im Folgenden soll eine ihrer bedeutendsten Schriften kurz vorgestellt werden:

Kurzer und sehr leichter Weg zum Inneren Beten

So betitelt Madame Guyon ein kleines Büchlein, das auch für heutige Menschen, besonders auch für Kontemplationslehrer/innen ein Leitfaden auf dem inneren Weg sein kann. In einfacher, klarer Sprache, gewürzt mit prägnanten Beispielen, führt es durch die verschiedenen Übungsstufen bis hin zur Unio Mystica, der „Vereinigung mit Gott“.

Der Weg des inneren Schweigens ist für alle Menschen zugänglich, „die gerne wie die Kinder sein wollen“, schreibt Madame Guyon, einfach, schlicht und hingebungsvoll im Glauben, dass Gott nur im eigenen Herzen zu finden ist. Man soll ihn mit Zartheit und Liebe gehen, ohne Anstrengung, ohne Zwang, ohne besondere Technik.

Zu Anfang übe man sich ein in Betrachtung und betrachtendes Lesen. Ein kurzer Text sammelt die Sinne ins Innere und beruhigt die Gedanken. Im Innehalten wird eine erste Ahnung von Gottes Gegenwart spürbar.

Das Gebet der Einfachheit

Die zweite Stufe nennt Madame Guyon „Gebet der Einfachheit“ – es wird ein Methodenwechsel notwendig. Die Sammlung gelingt müheloser, die Seele empfindet innere Ruhe und Liebe. Anstrengungslos und ohne Eigeninteresse verweilt sie still in Gottes Gegenwart. Wenn sich die innere Befindlichkeit ändert, bedarf es nur einer zarten Liebesregung, um wieder zurück zu finden.

Treten Zeiten der Trockenheit und Gottferne auf, so sorge man sich nicht. Man versuche auch nicht, durch gewaltsame Anstrengung des Willens oder des Verstandes eine Besserung zu erzwingen. Man übe sich in Geduld und Achtsamkeit, in Schweigen und beständiger, liebevoller Hinwendung zum Gebet. „Unser Inneres ist keine Festung, die man mit Kanonen und Gewalt einnimmt. Es ist ein Reich des Friedens, das sich mit Liebe in Besitz nehmen lässt.“

Die Stufe der Hingabe

Nun gilt es, sich vorbehaltlos dem Höheren Willen, der inneren Führung, zu überlassen und alles anzunehmen, was im Bewusstsein erscheint. „Man nehme alles gleichermaßen an, …Licht oder Finsternis, Leichtigkeit oder Trockenheit, Stärke oder Schwäche, … Versuchung oder Zerstreuung, Schmerzen, Unannehmlichkeiten…“. Und an anderer Stelle rät Madame Guyon, man solle „die Vergangenheit vergessen, die Zukunft der Vorsehung überlassen und die Gegenwart Gott übergeben. Lassen wir es genug sein mit dem gegenwärtigen Augenblick.“

Das Gebet der einfachen Gegenwart Gottes

Bewertungen, Vorlieben, Wünsche kommen zur Ruhe. Alle inneren und äußeren Kräfte schweigen. Auf dieser Stufe macht Stillschweigen das ganze Innere Gebet aus. Gott handelt durch den Menschen. Die Taten eines solchen Menschen entspringen nicht länger eigenen Interessen – er lässt sich bewegen vom göttlichen Geist.

Vom Ruhen vor Gott

Übt man beharrlich weiter, kommt es zum „eingegossenen Inneren Gebet“, das sich über den ganzen Tag ausdehnt. „Die Seele … spürt, dass Gott mehr in ihr ist als sie selbst. Sie muss nur mehr eines tun, um ihn zu finden: sich in sich selbst versenken.“ Äußere Übungen, selbst Beichte und Kommunion, werden überflüssig. Tugend und Moral stellen sich von selbst ein. Auf dieser Stufe soll man „das Ohr öffnen und hinhören …, um das Wort zu empfangen“, das im eigenen Herzen gesprochen werden will.

Der Weg zur Vereinigung

Je weiter der Mensch voranschreitet, desto mehr gilt es, das eigene Tun und Wollen zurückzunehmen und sich ganz der inneren Führung, dem Wirken Gottes, zu überlassen. Am Ende müssen alle Seelenkräfte zur Ruhe kommen, alles eigene Bemühen, jegliche Methode und vor allem „die Eigenmächtigkeit“. Ein langer, oft schmerzhafter Läuterungsprozess, die passive Reinigung, führt zu radikaler Beschneidung des Eigenwillens. Erst wenn das Feuer der Reinigung alle Unreinheiten verzehrt hat, ist der/die Übende fähig, sich vom Geist Gottes bewegen zu lassen. „Doch das dauert lange Zeit“, – so Madame Guyons knapper Kommentar.

Mahnung an die Seelsorger

Madame Guyon, die tiefgläubige, kirchentreue Christin, spart nicht mit Kritik an den Seelsorgern. Deren dringlichste Aufgabe bestehe darin, die Menschen auf den Weg des Inneren Gebetes zu führen. Nicht durch Gebote und Gesetze verändere sich der „verirrte Bruder“, nicht durch Diskussionen, Predigten und Gebete. Man gebe ihm den Schlüssel zu seinem Inneren, und das äußere Leben ändere sich von selbst.

Radikal fordert sie die Seelenführer auf: „Macht eigene Katechismen, um zu lehren, wie man innerlich betet, und zwar nicht mit Verstandeskräften oder bestimmten Methoden, … vielmehr: Lehrt sie das Gebet des Herzens und nicht des Kopfes, das Gebet des Göttlichen Geistes und nicht menschlicher Erfindungsgabe.“

Meister und Meisterinnen aller Kulturen und Religionen haben die Tiefenerfahrung gemacht, zu der Madame Guyon mit ihrer Lehre vom inneren Beten hinführen will. Sie ist den Weg selbst gegangen, durch Zeiten der Trockenheit und Gottferne bis hin zur Verschmelzung mit dem göttlichen Urgrund. Sie war Krankheit, Verleumdung und Gefängnishaft ausgesetzt. Dennoch beschwört sie ihre Anhänger: „Wenn man doch diesen Weg gehen wollte – man würde finden, dass er der leichteste der Welt ist.“

Anmerkung
Die mit „…“ gekennzeichneten Zitate sind entnommen aus: Jeanne-Marie Guyon, Kurzer und sehr leichter Weg zum Inneren Gebet. In: Jungclaussen, Suche Gott in dir.
Literatur
Emmanuel Jungclaussen, Suche Gott in dir, Freiburg 1986
Ute Egner-Walter, Das innere Gebet der Madame Guyon, Münsterschwarzach 1989
Willigis Jäger, Madame Guyon (1648–1717). In: Suche nach dem Sinn des Lebens, Petersberg 1991

Anna Osterkamp-Brändle,
geb. 1941, Lehrerstudium auf dem 2. Bildungsweg mit Schwerpunkt Psychologie, Kunst und Deutsch. Ausbildungen im Bereich Humanistische und Transpersonale Psychologie. Klinikseelsorge, Hospizarbeit, Trauerbegleitung, Erwachsenenbildung. Seit 1987 Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin der Wolke des Nichtwissens, Kontemplationslinie Willigis Jäger

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken