Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Frauen und Männer der Mystik

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Gerhard Wehr

Jakob Böhme: Geistesschau und innere Erfahrung

Autor: Gerhard Wehr

Im Grunde ist der Görlitzer Schuster beides: Ein Mystiker, der am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs von einer geistigen Schau überrascht wurde, die bei ihm wiederholt aufbrandete, und ein Theosoph, d. h. ein Liebhaber der göttlichen Weisheit, die er bald innen, bald in der Vielfalt der Schöpfung erfuhr. Mancher Schwerverständlichkeit zum Trotz sind seine Schriften, allen voran die berühmte „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“, weltweit verbreitet: Ein spiritueller Schatz, dargeboten in der Sprache der Luther-Bibel.

Die Ausgangsfrage

Wie ergeht es einem jungen Menschen, den die Frage nach dem Unrecht in der Welt beunruhigt und der dem Ursprung des Bösen nachsinnt – dieser Menschheitsfrage? Bei Jakob Böhme war das so: 1575 als Sohn angesehener Bauersleute in Altseidenberg nahe der böhmischen Grenze geboren, wurde in jungen Jahren einem Schuhmacher in die Lehre gegeben. Einzelheiten über seine beiden ersten Lebensjahrzehnte kennen wir nicht. Was wir aber von ihm selbst wissen, das ist die Frage, die ihn beunruhigte und auf die er keine zufriedenstellende Antwort finden konnte. Es ist, wie erwähnt, die Menschheitsfrage: „Woher kommt das Böse? Warum ist so viel Ungerechtigkeit in der Welt?“ Und weil ihm niemand Bescheid geben konnte, suchte er nach einer Erklärung in der einen oder anderen Schrift, die dem kleinen Handwerksgesellen zu Gesicht kam. Doch über eine besondere Schulbildung verfügte er nicht.

Sein geistiger Durchbruch

Es schien so, dass es, wie er sagte, nichts gab, was ihn in seiner Situation „trösten“ konnte. Doch darüber nahm das alltägliche Leben seinen Lauf. Etwa fünfundzwanzigjährig ließ er sich in Görlitz nieder, erwarb das Bürgerrecht, heiratete die Fleischertochter Katharina Kuntschmann und ging als Schuhmachermeister neben den zahlreichen anderen Zunftgenossen, die es in der Stadt an der Neiße gab, seinem Gewerbe nach. Sein erster Sohn Jakob wurde ihm geboren. Man schrieb das Jahr 1600, ein bedeutsames Datum. Denn was ihm da widerfuhr, hing unmittelbar mit seiner leidvoll erlebten, ja erlittenen Erkenntnissuche zusammen. Im 19. Kapitel seines später berühmt gewordenen Erstlingswerks „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“ schreibt der 37jährige über sein spirituelles Durchbruchserlebnis. Da heißt es:

„Als sich aber in solcher Trübsal mein Geist … ernstlich in Gott erhub als mit einem großen Sturme, und mein ganzes Herz und Gemüte samt allen andern Gedanken und Willen sich alles darein schloss, ohne nachzulassen, mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu ringen, und nicht nachzulassen, er segnete mich denn, das ist: er erleuchtete mich denn mit seinem Heiligen Geiste … – so brach der Geist durch!“

Geradezu atemlos und noch bebend schreibt der Schuster diese Zeilen nieder, obwohl bereits mehr als volle zehn Jahre seit dem Ereignis verstrichen sind. Aber bis zum Jahre 1612 war er nicht imstande, das kaum Sagbare, jedenfalls nicht zureichend Beschreibbare, in Worte zu kleiden und zu Papier zu bringen. Denn diesen Durchbruch, den der Berichterstatter auch einen „Ansturm auf die Porten der Höllen“ nennt, bei dem es um Leben und Tod geht, ändert mit einem Male die innere Situation des zutiefst Beunruhigten. Dass in seine Schilderung bereits auch Worte der Deutung einfließen, bemerkt jeder Leser, jede Leserin der Luther-Bibel. Darin war Böhme firm. Schlägt man nämlich Genesis Kapitel 32 auf und lässt die Erzählung vom Ringen Jakobs mit dem Engel auf sich wirken, so findet sich diese Wendung: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn …“ Bedeutsam auch die Zeitangabe, d. h. der Ringkampf erfolgt um die Morgenröte, – ein bedeutsamer Hinweis auf Böhme, der ja auch Jakob heißt, und der sein Buch „Morgenröte im Aufgang“ betitelt. Keine Frage, er wendet den biblischen Bericht auf sich und sein Erlebnis an. Der Görlitzer Jakob deutet sein Widerfahrnis im Licht des biblischen Jakob.

Und so fährt er fort, gleichsam immer noch nach Atem ringend, als stünde er noch weiterhin unter dem unmittelbaren Eindruck seines Erlebens:

„Alsobald nach etlichen harten Stürmen ist mein Geist durch der Höllen Porten durchgebrochen, bis in die innerste Geburt der Gottheit, und allda mit Liebe umfangen worden, – wie ein Bräutigam seine liebe Braut umfähet. Was das aber für ein Triumphieren im Geiste gewesen, kann ich nicht schreiben oder reden. Es lässt sich auch mit nichts vergleichen als nur mit dem, wo mitten im Tode das Leben geboren wird, und vergleicht sich der Auferstehung von den Toten.“

Gewiss spielt auch das Geburtserlebnis seines Sohnes Jakob herein, zumal Böhme erstmals Vater geworden ist. Doch alles in allem sind das unerhörte Vergleiche! Es unterliegt keinem Zweifel: Hier stehen wir vor dem eigentlichen Lebensgeheimnis des Görlitzer Schusters. Hier lässt er uns in verborgene Tiefen seines Wesens blicken, von denen niemand in seiner Umgebung eine Ahnung haben kann. Dieser Blick nach innen soll aber niemanden zu der Annahme verleiten, der mystisch- theosophische Denker Jakob Böhme beschränke sich allein auf diese innere Dimension der Wirklichkeit. Er selbst nennt sie exakt die „Tiefe“ des Seins; er spricht später immer wieder vom „Ungrund“, also von dem, was jenseits jeder so oder so vorgestellten Grundlegung liegt. (Hierzu die Anmerkung: Die jüdische Kabbala kennt diesen Tatbestand; sie nennt die verborgene Jenseitigkeit Gottes „En sof“, das Grenzenlose.) Das heißt doch: Selbst diese Metapher der Tiefe muss transzendiert, preisgegeben werden, um nur ja keine räumliche Vorstellung aufkommen zu lassen.

Seine Schöpfungsnähe

Dessen ungeachtet ist Böhme – ähnlich wie nach ihm Goethe – ein anschauender Denker. Auch seine Religiosität, der biblische Schöpfungsglaube, lässt sich nicht einsperren, weder in die Enge seiner Görlitzer Schusterstube noch in die dogmatisch-konfessionalistische Enge der lutherischen Kirche seiner Zeit, die in dem biederen Handwerksmeister einen gefährlichen Ketzer vermutete. Der Görlitzer Oberpfarrer Gregor Richter unterzog sein kirchentreues Gemeindeglied denn auch einem strengen Glaubensverhör. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass der schlichte Mann für etwa einen Tag in den Karzer des Rathauses geworfen und sein umfangreiches, aber noch nicht abgeschlossenes Aurora-Manuskript für sein ganzes Leben eingezogen wurde. Er hat es also nicht mehr gesehen. Das Verbot, jemals wieder dergleichen zu Papier zu bringen, verhängte der Görlitzer Glaubenswächter ohnehin. Und was Böhmes Kreatur-Nähe anlangt, so drücken dies bereits die ersten Zeilen seines Buches aus, wo es heißt:

„So man aber will von Gott reden, was Gott sei, so muss man fleißig erwägen die Kräfte in der Natur, dazu die ganze Schöpfung, Himmel und Erden, sowohl Sternen und Elementa und die Kreaturen, so aus denselben sind herkommen …“

Auch das Widerwärtige, das Böse, das ihn viele Jahre so sehr beunruhigt hat, sieht der Schreiber der Aurora in diesen universalen Zusammenhang hineingenommen. Kurz: Alles liegt in Gottes Hand.

Und wenn er auch gelegentlich andeutet, dass er seine Niederschrift im Grunde nur sich selbst „zum Memorial“ verfasst habe, so unterliegt keinem Zweifel, dass er auch an andere Leser denkt, denen er Anteil an seinem Geist-Erleben vermitteln will. Tatsächlich gibt er verständnisvollen Freunden sein Manuskript, die es sogar kopieren. So trifft man im 11. Kapitel desselben Buches auf den Satz: „Siehe, du blinder Mensch, ich will dirs zeigen, gehe auf eine Wiese!“

Dann nochmals und immer wieder das Insistieren auf die Anschauung des Konkreten als Ort der Gottesbegegnung:

„Du wirst kein Buch finden, da du die göttliche Weisheit könntest mehr inne finden zu forschen, als wenn du auf eine blühende Wiese gehest. Da wirst du die wunderliche Kraft Gottes riechen und schmecken, wiewohl es nur ein Gleichnis ist; und ist die göttliche Kraft … materialisch worden und hat sich im Gleichnis offenbaret. Aber dem Suchenden ists ein lieber Lehrmeister. Er findet viel allda.“

Von der Theosophie zur Kosmosophie

Das heißt doch: Derselbe Schöpfer, dessen Ungrund niemand denkerisch, auch nicht visionär auszuloten vermag, lässt sich paradoxerweise dennoch finden, in unmittelbarer Nähe. Er lässt sich sehen, schmecken, mit allen Sinnen wahrnehmen. Böhmes Theosophie oder Gottesweisheit leitet damit alsbald über zu einer alle Bezirke und Zonen umspannenden Kosmosophie. Er ist theologischer Abstraktion ebenso fern wie einem schöpfungsfeindlichen Spiritualismus, der etwa eine seelenegoistische Innerlichkeit pflegt und der gegebenenfalls den Planeten Erde samt allen Kreaturen ausbeutet und dann verwahrlosen lässt. Wer sich über Böhmes Theosophie klar werden will, der muss sich deshalb immer wieder auch mit seiner Kosmosophie beschäftigen, auch wenn er selbst diesen Begriff nicht nötig hatte.

Hier im Kosmos, der natürlich sehr viel weiter und tiefer gefasst ist, als was wir im alltäglichen Sinn die „Umwelt“ nennen, nimmt er die Wirkungen von sieben „Naturgeistern“ wahr. Darunter sind nicht irgendwelche phantastische Gebilde zu vermuten, sondern sie sind für ihn vielmehr Inbegriff und Ausdruck des Dynamischen und des Qualitativen, das die Natur durchpulst. Es fällt ohnehin auf, dass Böhme seinen Blick auf das Lebendige, das Prozesshafte richtet.

Seinem Bedürfnis, möglichst konkret zu sein, begegnet man in seinen Schriften übrigens auf Schritt und Tritt. Eindrucksvoll und anschaulich ist in diesem Zusammenhang die Imagination eines Baumes, die der Verfasser in der Vorrede zur „Morgenröte im Aufgang“ vor seine Leserschaft hinstellt. Das Bild weitet sich zu einem Panorama der ganzen Welt, durchwirkt von den beiden einander polar entgegengesetzten Prinzipien des Positiven und des Negativen. An anderer Stelle (Kap. 2,6), in dem zweibändigen Hauptwerk „Mysterium magnum“, das man als eine Auslegung des Buches Genesis und der biblischen Urgeschichte ansehen kann, genügt es dem Kosmosophen Böhme, einen Stein oder einen Erdklumpen aufzuheben, um der kosmischen, geistdurchwirkten Ganzheit des Seienden gewahr zu werden:

„Wenn ich einen Stein oder Erdenklumpen aufhebe und ansehe, so sehe ich das Obere und das Untere, ja die ganze Welt darinnen, nur dass an jedem Dinge etwa eine Eigenschaft die größte ist, darnach es auch genennet wird. Die andern Eigenschaften liegen alle miteinander auch darinnen, allein in unterschiedlichen Graden … Es ist nur eine Wurzel, daraus alles herkommt.“

Sätze wie diese dürfen als Hinweis darauf genommen werden, dass sich Böhmes Erfahrung auf die äußere Welt ausbreitet. Die äußere Wirklichkeit wird für ihn transparent für die Dimension des Spirituellen.

Um die in Natur und Kosmos ausgelegte Gottesweisheit zu erfahren, ist es nötig, die Signaturen, im Sinne von Merkmalen, zu entziffern, die allem Sichtbaren anhaften, insbesondere bei Steinen und Pflanzen. Darin folgt der Görlitzer Meister den Naturphilosophen vor ihm, etwa den Arzt und Naturkundigen Paracelsus, von dem er durch kundige Freunde, unter ihnen Ärzte und Alchymisten, gehört haben muss, sofern er nicht das eine oder andere seiner Schriften zu Gesicht bekam. Hierzu nochmals eine Stelle aus „Mysterium magnum“:

„Wenn wir betrachten die sichtbare Welt mit ihrem Wesen, und betrachten das Leben der Kreaturen, so finden wir daran das Gleichnis der unsichtbaren geistlichen Welt, welche in der sichtbaren Welt verborgen ist wie die Seele im Leibe, und sehen daran, dass der verborgene Gott allem nahe und durch alles ist und dem sichtbaren Wesen doch verborgen.“

Vom Geheimnis der Sprache

Bemerkenswert ist ferner, dass die Sprache bei Böhme viel mehr ist als nur ein alltägliches Verständigungsmittel. Die gesamte Welt der Erscheinungen wird für ihn zu einem „Lautenspiel“. Noch mehr: Der Sprechende vollzieht mit jedem Wort die Schöpfung Gottes in individueller Weise gleichsam nach. Das biblische „Gott sprach“ durchtönt das Menschenwort, weshalb auf alles Sprechen zu achten ist. Mehrfach hat er sich zur Bedeutsamkeit des Wortes und der Sprache geäußert. In seiner Schrift „Vom dreifachen Leben des Menschen“ (Kap. 6) liest man hierzu:

„Wir dürfen – d. h. wir brauchen – kein ander Zeugnis als das große Buch des Himmels und der Erden, Sternen und Elementen mit der Sonnen, da wir dann das Gleichnis der Gottheit genug erkennen und noch viel hundertmal mehr in uns selber, so wir uns selber (er)kennen und betrachten. Denn der Geist gibt jedem Dinge Namen, wie es in der Geburt in sich selber stehet und wie es sich im Anfange hat geformet in der Schöpfung.“

Er geht in seiner Betrachtung noch weiter, indem er dem Sprechvorgang besondere Aufmerksamkeit schenkt, weil das Wort letztlich „aus dem Centro des Geistes“ nach Qualität und Dynamik hervortrete. „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder und aus Gott geboren sind. Denn wie Gott von Ewigkeit hat das Wesen dieser Welt in seinem Worte gehabt, welches er immer in die Weisheit hat gesprochen, also haben wirs auch in unserem Worte und sprechen es in die Wunder seiner Weisheit. Denn Gott ist selber das Wesen aller Wesen, und wir sind als (d. h. wie) Götter in ihm, durch welche er sich offenbaret.“

Nimmt man hinzu, was er in der zweiten seiner Schriften niedergelegt hat, die sich mit der ihm eigenen Lehre von drei Prinzipien beschäftigen, dann erfährt man:

„Höhere und größere Erkenntnisse hat ihm (dem Menschen) Gott gegeben, dass er kann allen Dingen ins Herze sehen, was Essenz, Kraft und Eigenschaft sie haben, es sei gleich in Kreaturen, in Erden, Steinen, Bäumen, Kräutern, in allen bewegenden und unbewegenden Dingen, sowohl auch in Sternen und Elementen.“

Begegnung mit der göttlichen Sophia

Auch wenn man mit der Absicht einer ersten Vorstellung Jakob Böhmes nur wenige Gesichtspunkte seines Wesens und Werkes beleuchten kann, so darf eine nicht unerwähnt bleiben, nämlich seine Lehre von der göttlichen Sophia und seine Begegnung mit ihr. Für einen lutherischen Christen, der er trotz herber Kritik an der „Mauerkirche“ der „Maulchristen“ zeitlebens geblieben ist, mag es erstaunen, wenn man – verkürzt gesagt – diesen weiblichen Aspekt in seinem Gottesbild antrifft. Zu bedenken ist, dass sich sein Leben zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges abspielt, der als Krieg der Konfessionen einst begann. Jedenfalls war in dieser Zeit von der lutherischen Orthodoxie nicht zu erwarten, dass die offensichtlich vernachlässigte Dimension der Glaubenswirklichkeit überhaupt zur Sprache kommt, wurde doch bei Protestanten selbst die Verehrung Mariens als „katholisch“ und als eine Irrlehre verdächtigt, die durch das lutherische „Solus Christus – allein Christus“ überwunden sei.

Nun spricht das Alte Testament (Sprüche 8) selbst von der Gottesweisheit (hebr. ‚Chochma‘, griech. ‚Sophia‘), die an der Seite des Schöpfergottes mitwirkend tätig gewesen ist. Eine weitere Anregung mag Böhme dank Vermittlung seiner gebildeten Freunde aus der Kabbala empfangen haben. Doch bei ihm erhält die Sophia einen Doppelaspekt. Da ist zum einen die aus der Bibel bekannte Funktion der Weisheit als schöpferische Potenz. Dies ist gleichsam der kosmologische Gesichtspunkt seiner Sophienanschauung. Sie verkörpert den Abglanz der ursprünglichen, guten Schöpfung, der auf allem Irdischen liegt. Zum anderen ist da noch ein anthropologischer, ein spirituell-menschenkundlicher Aspekt. Böhme denkt an eine innermenschliche Lichtgestalt, die im Menschen selbst liegt, zwar verborgen, weil der Mensch durch den tragischen „Fall“ diese lichte – er sagt: „jungfräuliche“ – Ursprünglichkeit verloren hat. Doch die Jungfräulichkeit und Unversehrtheit Sophiens ist für ihn durch den Kreuzestod Jesu wiedergewonnen worden. In einem größeren Zusammenhang findet man dies in „Mysterium magnum“ (Kap. 19,7) als ein Mysterium zum Ausdruck gebracht. Er tut es in der Weise, dass er das Rätsel der ursprünglichen Ganzheit („männlich-weiblich schuf Gott den Menschen“) und damit die Zweiheit der Geschlechter gelöst sieht, auch wenn der Görlitzer Theosoph damit allerlei Fragen aufwirft:

„Und als Christus am Kreuze unser jungfräulich Bild wieder erlösete vom Manne und Weibe und mit seinem himmlischen Blute in göttlicher Liebe tingierte (durchdrang), als er dies vollbracht hatte, so sprach er: Es ist vollbracht! … Groß und wunderlich sind diese Geheimnisse, welche die Welt nicht ergreifen mag, und ist ja so blind daran als der Blindgeborene an der Beschauung dieser Welt. Wer es aber achtet und findet, der hat große Freude daran.“

Wenn dem so ist, dann ist für Böhme klar, dass es darauf ankommt, ein geistliches Leben zu führen und einen meditativen „Weg zu Christo“ (Christosophia) zu gehen. In seinem gleichnamigen Büchlein, dem einzigen, das zu seinen Lebzeiten gedruckt worden ist, gibt er dazu Anleitung. Es handelt sich um die Betrachtung des Vollendungsweges Christi, wie ihn auch andere Mystiker gezeigt haben, etwa Ludolf von Sachsen in seinem Jesus-Buch oder Thomas von Kempen in „Nachfolge Christi“. Ziel ist für Böhme das „von neuem Geborenwerden“.

Von der Rose der Sophia

Den ersten Lesern seiner Schriften, für die er auch recht persönlich gehaltene „Theosophische Sendbriefe“ verfasst hat, gibt er zu bedenken, dass diese Christosophia, dieser „Weg zu Christo“, den Prozess beschreibe, den er selbst durchlaufen hat. Über sich und sein schriftstellerisches Schaffen gibt er Aufschluss, dass es letztlich die Jungfrau Sophia gewesen sei, die ihn inspiriert und zu seinem Tun ermächtigt habe. „Denn – so heißt es im Drei-Prinzipien-Buch Kap. 18, 62 f. – die Jungfrau hat uns eine Rose verehret, von der wollen schreiben mit solchen Worten als wir im Wunder sehen; und anderst können wir nicht oder es ist unsere Feder zerbrochen und die Rose von uns genommen … Darum schreiben wir aus einer andern Schulen, darinnen der irdische Leib mit seinen Sinnen nie studieret hat, auch das ABC nie gelernet. Denn in der Jungfrauen Rosen lerneten wir das ABC!“

Geschrieben sind diese Worte, wie er ausdrücklich hervorhebt, in der Erwartung des Kommenden, denn „Die Morgenröte bricht an … Der Bräutigam kommt!“ Daran knüpft der Görlitzer Meister keine Wiederkunftsspekulationen, wie sie von den Ungeduldigen aller Zeiten bekannt geworden sind. Denn die von ihm gemeinte Morgenröte kann ja nur im Menschen selbst erwirkt und geduldig erwartet werden. Schlicht und eindringlich ist letztlich sein Rat, den er in „Vom dreifachen Leben des Menschen“ (Kap. 3,30) gibt:

„Suche nur das Wort und Herze Gottes, welches Mensch worden ist, in der Krippen beim Ochsen im Stalle, in der finstern Nacht. So du dasselbe findest, so findest du Christus als das Wort im Vater mit samt dem Vater, Sohne und heiligen Geiste, dazu die ewige Natur, auch die englische Welt und Paradeis.“

Literatur
Zur Einführung in Leben und Werk Jakob Böhmes liegen von Gerhard Wehr vor: „Die deutsche Mystik“. Anaconda Verlag Köln 2006;
„Mystik im Protestantismus“. Claudius Verlag München 2000;
„Jakob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“. Rowohlt Taschenbuch rm 179;
„Jakob Böhme: Aurora oder Morgenröte im Aufgang.“ Insel Taschenbuch it 1411;
„Jakob Böhme: Im Zeichen der Lilie. Aus den Werken des Mystikers.“ Diederichs Gelbe Reihe DG 144.

Gerhard Wehr,
geb. 1931, Dr. theol. h.c., freier Schriftsteller, Diakon der bayerischen Landeskirche, zuletzt Dozent an der Diakonenschule Rummelsberg/ Nürnberg. Zahlreiche Studien zur Religions- und Geistesgeschichte, Biographien über Martin Buber, C. G. Jung, Rudolf Steiner, Jean Gebser, Friedrich Rittelmeyer, Helena P. Blavatsky. U. a. Herausgeber der Werke Jakob Böhmes. Übersetzungen in europäische und asiatische Sprachen.

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken