Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Frauen und Männer der Mystik

 

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Manfred Rompf

Gerhard Tersteegen, ein evangelisch-reformierter Mystiker

Autor: Manfred Rompf

Gerhard Tersteegen wurde am 25.11.1697 in Moers am Niederrhein geboren. Er war der Zweitjüngste von 8 Geschwistern. Als er noch nicht ganz 6 Jahre alt war, verstarb sein Vater, der ein angesehener Kaufmann war. T.s Elternhaus war reformiert geprägt. T. besuchte die Lateinschule von Moers, die im reformierten und humanistischen Geist geführt wurde. Dort lernte er außer Latein auch Griechisch, Hebräisch und Französisch. Seinen späteren Schriften kann man entnehmen, dass er das Neue Testament im griechischen Urtext zu lesen und zu deuten verstand. T. beherrschte auch das Holländische, mit dem Spanischen und Italienischen machte er sich später vertraut. Als er die Schule schon mit 15 Jahren verließ, hielt er eine öffentliche Rede in lateinischen Versen und zog die Aufmerksamkeit der Stadtverwaltung auf sich. Diese riet der Mutter, den hochbegabten Jungen studieren zu lassen. Aber diese entschuldigte sich mit den schlechten häuslichen Verhältnissen nach dem Tod des Mannes. So kam T. auf Wunsch der Mutter zu seinem Schwager nach Mülheim an der Ruhr in die Kaufmannslehre.

In Mülheim fand er im reformierten Pietismus mit quietistischer Prägung seine geistliche Heimat. Diese Christen liebten besonders die Stille und wurden darum auch die „Stillen im Lande" genannt. Mit 16 Jahren erfuhr er eine erste „Berührung der Gnade in seinem Herzen". Nach seiner Kaufmannslehre hatte er nur 2 Jahre ein eigenes Geschäft, das ihm weder genügend Geld einbrachte, noch genug Zeit für Sammlung und Stille ließ. So erlernte er die Leinen- und schließlich die Seidenbandweberei, eine Arbeit, die er in innerer Stille und Gebet verrichten konnte.

In den Jahren 1719 bis 1724 lebte er in härtester Askese nach dem Vorbild spanisch-mystischer Einsiedler und altkirchlicher Asketen. In dieser Zeit erlebte er anfangs auch ekstatische und visionäre Erfahrungen, von denen er sich aber wieder abwandte. Dann kamen zunehmend Phasen der inneren Dunkelheit, geistlicher Dürre, verzweifelter Suche nach Gotteserfahrung und radikalem Zweifel im Sinne der Aufklärung seiner Zeit, ob Gott überhaupt existiere. Die Familie distanzierte sich von ihm, der in völliger Armut lebte und sehr kränklich und schwach war und von dem wenigen, das er besaß, noch Arme unterstützte.

Am Gründonnerstag im Jahre 1724, also mit 26 Jahren, erlebte er nach etwa fünfjähriger geistlicher Dürre, innerem Ringen und Kämpfen seinen entscheidenden Durchbruch und verfasste ein Schriftstück, seine „Verschreibung" an Jesus, die er mit seinem eigenen Blut schrieb. (Ein ähnlicher Akt wie bei Madame Guyon 1672 und anderen aus quietistischen Kreisen - uns heute aber sehr fremd.) In der Verschreibung steht zu Beginn: „Meinem Jesu! Ich verschreibe mich Dir, meinem einigen Hevland und Bräutigam Christo JESU, zu deinem völligen und ewigen Eigenthum..." Er schließt seine Verschreibung mit den Worten: „Dein Geist versiegele es, was in Einfalt geschrieben." Nach dieser Verschreibung verminderte er die Strenge seiner Askese. Er blieb aber zeitlebens ehelos. Durch den Einfluss seines geistlichen Begleiters, des Mystikers Hoffmann, gab er seine Einsamkeit auf und nahm ab 1725 Heinrich Sommer als „Stubengesellen" auf. Diesen lehrte er das Bandweben und teilte mit ihm Arbeit und Gebet. Um 6.00 Uhr begannen sie ihre Arbeit, um 11.00 Uhr zogen sie sich für 1 Stunde zum persönlichen Gebet zurück. Von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr arbeiteten sie wieder. Danach verbrachten sie wieder eine Stunde in Gebet und Stille. Den Rest des Abends nutzte Tersteegen zum Lesen und Übersetzen mystischer Schriften und er begann Liedverse zu schreiben.

Ab 1726 gab T. Übersetzungen mystischer Schriften mit längeren Vorworten heraus, u.a. 1730 von Thomas von Kempen „Die Nachfolge Christi" und Schriften von Madame Guyon. 25 Jahre arbeitete er an dem mehrbändigen Werk „Auserlesene Lebensbeschreibungen Heiliger Seelen", das er in Einzellieferungen veröffentlichte. In diesem Werk beschreibt er das Leben von 25 Heiligen, u. a. Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Catharina von Siena, Franz von Assisi, Johannes Tauler, Heinrich Seuse, Bruder Laurentius, die er ausführlich zu Wort kommen lässt. Über den Zwiespalt der Christenheit war er erhaben. Aber im Protestantismus wurde dieses Werk abgelehnt und von seinen Kritikern als eine Werbung für die katholische Kirche angesehen. T. ging es darum, eine Anzahl leuchtender Vorbilder für ein Leben in Heiligung in der mystischen Vereinigung mit Gott aufzuzeigen. T. selbst hat sich am Leben dieser Mystikerinnen und Mystiker orientiert. In besonderer Weise haben ihn die Schriften von Madame Guyon, die er mehrmals ins Deutsche und Niederländische übersetzte, durch sein ganzes Leben begleitet.

Schließlich ließ T. auch eigene Schriften drucken. Bereits 1729 erschien die 1. Auflage des „Geistlichen Blumengärtleins" mit Versen, die bald vertont und gesungen wurden, darunter bereits das Lied „Gott ist gegenwärtig". Seine Arbeit als Übersetzer, Schriftsteller, Seelsorger und Prediger nahm so zu, dass er 1728 seine Arbeit als Bandwirker aufgab und fortan von den Erträgen der Bücher und der Unterstützung seiner Freunde lebte.

1727 gründete er in Velbert eine „Pilgerhütte" für eine Bruderschaft. Anfangs lebten und arbeiteten dort 8 Brüder besonders in der Weberei. Für sie verfasst T. eine geistliche Ordnung, aber keine strengen Klosterregeln. Auf protestantischem Boden war eine solche Bruderschaft damals etwas Merkwürdiges. T. betätigte sich auch als Heilpraktiker, ohne dafür Geld zu nehmen, und stellte eigene Medizin her, die er besonders an Bedürftige abgab. Auch dazu hatte er Vorbilder in der Tradition der Mystikerinnen und Mystiker.

Ab 1732 unternahm er als Prediger und Seelsorger Reisen bis nach Holland. Dort entstanden wie auch in Mühlheim und Umgebung Freundeskreise. 1746 nach dein Tod von Hoffmann zog er mit Heinrich Sommer in dessen Haus, gegenüber der evangelischen Kirche, das er bald darauf als Eigentum übernahm. Hier konnte er seine Hausmittel- und Kräutersammlung unterbringen und hatte Räume für seine Ansprachen und Seelsorge. Nicht selten sollen ihm über 500 Personen zugehört haben. Die Ansprachen wurden durch geöffnete Fenster nach draußen übertragen. Seine Haushälterin Sybille „Bille" Enschermann, die ihm 30 Jahre lang den Haushalt führte, lebte mit im Haus. Auch Pilger, die zum seelsorgerlichen Gespräch kamen und warten mussten, bis sie an der Reihe waren, fanden hier Herberge.

Ab 1750 entstand eine Erweckungsbewegung. T. schreibt: „seit einigen Wochen hintereinander hat immer vom Morgen bis zum Abend der eine auf den anderen warten müssen, um mich sprechen zu können. Manche müssen fünf bis sechsmal wieder umkehren, ehe ein Viertelstündchen kann gefunden werden, um mich allein zu sprechen. Es ist wohl geschehen, dass ich zehn, zwanzig, ja dreißig und mehr bekümmerte Seelen zugleich bei mir hatte."

In dieser Zeit versuchte ein Pastor von Mühlheim vergeblich, über die Obrigkeit ein Verbot der Versammlungen zu erreichen. 1761 übernahm Pastor Conrad Engels die Pastorenstelle in Mühlheim, dieser wurde ein großer Verehrer von Tersteegen. Es ist zu bedenken, dass dies die Zeit der Aufklärung war, mit der sich T. auch auseinandersetzte und sogar eine sowohl sehr kritische als auch verständnisvolle Abhandlung zur Philosophie des Königs Friedrich II. von Preußen schrieb. Der König hat sie gelesen und voll Verwunderung gesagt: „Können das die Stillen im Lande?"

In den Jahren 1733, 1738 und ab 1756 war T. durch Krankheiten in seinen Tätigkeiten sehr eingeschränkt, aber bis kurz vor seinem Tod kamen noch Menschen zur Seelsorge zu ihm. Am 3.4.1769 verstarb er mit 71 Jahren.

Einige seiner Lieder stehen im Evangelischen Gesangbuch (EG) und werden noch heute gesungen. Die bekanntesten sind: „Ich bete an die Macht der Liebe" (EG 661) und „Gott ist gegenwärtig" (EG 165). Letzteres kommt ganz aus seinen Erfahrungen der Meditation und der Kontemplation und ist eine Anleitung zu dieser. Es genügt natürlich nicht, dieses Lied nur herunter zu singen, sondern man sollte sich in den Vollzug dieser Liedverse begeben, um in die Meditation und Kontemplation zu kommen.

Wir schauen uns dieses Lied näher an, damit es uns in unserer Übung der Kontemplation motivieren kann.

„Gott ist gegenwärtig", so beginnt das Lied. Von der Gegenwart Gottes ist T. aus eigener Erfahrung überzeugt. Um aber Gottes Gegenwart zu erfahren, ist es wichtig, sich in der Stille zu üben und in sich alles zum Schweigen zu bringen. So dichtet er: „Gott ist in der Mitten. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder, kommt, ergebt euch wieder." Das ist das, was wir im Sitzen in der Stille in wacher Aufmerksamkeit üben und in schlichter Gegenwärtigkeit unsere Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Die weiteren Strophen betrachte ich nach den drei Stufen in der Mystik, die T. vertraut waren:

Reinigung, Erleuchtung, Einung
1. Die innere Reinigung oder der Klärungsprozess

Hier dichtet T. (Strophe 7): „Mache mich einfältig,/ innig abgeschieden, sanft und still in deinem Frieden". Mit „einfältig" ist für Tersteegen gemeint, sich nicht in all dem Vielen zu verlieren, das uns in Gedanken gefangen hält, sondern sich ganz dem Einen zu ergeben. „Mach mich reines Herzens,/ dass ich deine Klarheit/ schauen mag in Geist und Wahrheit." Hier geht es um den inneren Reinigungs- und Klärungsprozess und um das „Schauen" Gottes. Er bezieht sich hier auf die Seligpreisung Jesu (Matth. 5, 8): „Glücklich bis ins Innerste der Seele sind die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen." Das „reine Herz" ist das Leersein von allen Dingen, das eine Voraussetzung für „das Gottschauen" ist. „Contemplari" heißt: Beschauen, betrachten. Gemeint ist das innere Beschauen und Betrachten des Göttlichen ohne Gegenstand und sich von Gott erkannt und geliebt erfahren. T. bittet um dieses „Gottschauen", bezieht diesen Wunsch aber nicht nur auf die Übung der Stille, sondern auch auf den Alltag: „wo ich geh,/ sitz und steh,/ lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken."

Bei der „Reinigung" wird in der mystischen Tradition vom „Ich-Sterben" und „Ich-Tod" gesprochen. Wir sprechen heute besser von „Ich-Relation oder Ich-Reduktion". T. formuliert dies mit Worten wie: „lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden." (Strophe 5). Oder in seinem Lied „Ich bete an die Macht der Liebe": „ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken." (EG 661,2).

2. Die Erleuchtung

Das, was in der mystischen Tradition Erleuchtung - Illuminatio - genannt wird, klingt als Bitte in der 6. Strophe des Liedes an: „Du durchdringest alles,/ lass dein schönstes Lichte,/ Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen/ willig sich entfalten/ und der Sonne stille halten,/ lass mich so, still und froh,/ deine Strahlen fassen/ und dich wirken lassen". Das ist zunächst noch Meditation, geht aber über in die Kontemplation: Was in der Stille bleibt, ist:
1. Die stille Haltung: „still und froh";
2. die Aufmerksamkeit: „deine Strahlen fassen" und
3. die offene Passivität: „dich wirken lassen".
Die Erleuchtung kann nur als Geschenk, als Gnade erfahren werden.

3. Die Einung

Auf dem Weg der Kontemplation sprechen wir in der Mystik von der Communio mystica und der Unio mvstica. Statt Communio mystica können wir auch von Einung mit dem göttlichen Urgrund und statt Unio mystica von „Versenkung" oder vom „Eintauchen" in das Göttliche sprechen. Paulus formuliert aus solcher Erfahrung: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir." (Gal. 2.20) T. dichtet aus solcher Erfahrung in der 5. Strophe: „Ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehen und finden", oder: „ins Meer der Liebe mich versenken" (in „Ich bete an die Macht der Liebe"). Wenn T. von solchen Erfahrungen spricht, kommt er mit dem nur personalen Gottesbild nicht aus und gebraucht apersonale Bilder: „Luft, die alles füllet", „aller Dinge Grund und Leben", „Meer und Grund und Ende", „Wunder aller Wunder", an anderen Stellen: Atem, Geist, Quelle. Trotz solcher apersonaler und transpersonaler Gotteserfahrung, wie sie hier zum Ausdruck kommt, ist sie bei T. immer auch noch personal; so ist gerade in diesem Vers seine Anrede an das göttliche Du besonders innig: „Ich in dir, du in mir." In den Strophen 5 und 8 kommen besonders der Wunsch und die Erfahrung der Vereinigung mit dem Göttlichen zum Ausdruck, dem eigentlichen Ziel auf dem Weg der Kontemplation. In Strophe 8 ist u. a. die Bitte enthalten, ein Tempel Gottes zu sein bzw. dies immer mehr zu werden und Gott im Alltag in allen Dingen und Begegnungen zu erfahren: „wo ich geh,/ sitz und steh,/ lass mich dich erblicken/ und vor dir mich bücken."

Die so genannten „Stufen" der mystischen Erfahrung - Reinigung, Erleuchtung, Einung - überlappen sich. Die „Reinigung" ist immer wieder nötig. Auch geht es nicht um einen moralischen, leistungsbezogenen „Aufstieg"! Mystische Erfahrungen sind immer Geschenk und auch ohne besondere Übungen erfahrbar.

Auch aus solcher Erfahrung sagt Jesus: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen." Frei übersetzt und positiv: „Wenn ihr werdet wie Kinder in ihrer offenen und vertrauensvollen Art, dann könnt ihr die eine Wirklichkeit, Gott erfahren." Darin üben wir uns im Sitzen in der Stille und im Alltag.

Literatur
Gerhard Tersteegen, Geistliches Blumengärtlein. J. F. Steinkopf Verlag Stuttgart, 17. Aufl. 1988.
Cornelis Pieter van Andel, Gerhard Tersteegen, Leben und Werk - sein Platz in der Kirchengeschichte. 1973 Neukirchner Verlag.
Wolfram Janzen, in Biographisch Bibliographisches Kirchenlexikon, Band XI (1996) Spalten 674-695 , Verlag Traugott Bautz.
Literaturempfehlung
Reinhard Deichgräber, Gott ist genug - Liedmeditationen nach Gerhard Tersteegen, 2. Aufl. 1997, Vandenhoeck & Ruprecht.

Manfred Rompf,
geb. 1936, Pfarrer i.R. verheiratet, Zen und Kontemplation seit 1974 bei Dr. Willi Massa, P. Enomia-Lassalle, japanischen Zen-Meistern, F. X. Jans-Scheidegger, P. Willigis Jäger. Kontemplationslehrer der WSdK, Leiter von Meditations- und Kontemplationskursen. Adresse: Schliepersberg 9 h, 45257 Essen.

 

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