Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Frauen und Männer der Mystik

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Rolf Langendörfer

Dag Hammarskjöld - Die längste Reise ist die nach innen ...

Autor: Rolf Langendörfer

Eine weit verbreitete, oft kopierte und gedruckte Anleitung1 zur Kontemplation, Dag Hammarskjöld zugeschrieben, beginnt mit: „Die längste Reise ist die Reise nach innen …“. Von dem Verfasser der nach seinem Tod 1961 in seiner New Yorker Wohnung gefundenen Aufzeichnungen stammt aber nur dieser erste Satz, der einen Eintrag in „Zeichen am Weg“2 aus dem Jahre 1950 einleitet:

Die längste Reise
ist die Reise nach innen.
Wer sein Los gewählt hat,
wer die Fahrt begann
zu seiner eigenen Tiefe
(gibt es denn Tiefe?) –
noch unter euch,
ist er außerhalb der Gemeinschaft,
abgesondert in eurem Gefühl
gleich einem Sterbenden
oder wie einer, den der nahende Abschied
vorzeitig weiht
zu jeglicher Menschen endlicher Einsamkeit.

Zwischen euch und jenem ist Abstand,
ist Unsicherheit –
Rücksicht.

Selber wird er euch sehen
abgerückt, ferner,
immer schwächer eures Lockrufs
Stimme hören.3

Wie bei vielen Einträgen in seinen „Verhandlungen mit mir selbst – und mit Gott“ wählt Dag Hammarskjöld auch an dieser Stelle eine Sprache, die dicht an einem inneren Erleben bleiben will, knapp, nur andeutend, nicht ausmalend und lang beschreibend. Durchgehend bleiben die Aufzeichnungen dem vorangestellten Motto treu „Nur die Hand, die ausstreicht, kann das Rechte schreiben“ (39). Hammarskjöld dachte zuerst nicht an Leser, erst relativ spät in dem von 1925 bis 1961 reichenden Zeitraum der Eintragungen taucht der Gedanke an mögliche Adressaten auf:

„Lächerlich, dieses Mitteilungsbedürfnis! Warum bedeutet es so viel, dass wenigstens jemand das Innere deines Lebens sieht? Wofür schreibst du dies, gewiss durchaus für dich selbst – aber auch, vielleicht auch für andere?“ (1952, S. 104)

Um nachvollziehen zu können, wie DH seine Aufzeichnungen verstand, ist es gut, ihn selbst beim Wort zu nehmen. „Achtung vor dem Wort“4 gebietet, seine Formulierungen und Bilder auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen zu sehen. Er redet von „einer Art Tagebuch“ und umschreibt damit den Verzicht auf fortlaufende Kommentierung des Tagesgeschehens. Die Zahl der Eintragungen, die direkt in Zusammenhang mit oft einschneidenden Ereignissen wie der Wahl zum Generalsekretär der UNO im Jahre 1953 oder der Wiederwahl 1957 stehen, ist überschaubar. Oft sind die Zusammenhänge auch nicht zugänglich oder nur zu vermuten. „Vägmärken“, also Markierungen am Weg, sollen die Eintragungen sein. Vorzustellen sind dabei die vorgefundenen Steinhaufen von Wanderern in der Weite des nordischen Berglandes, die durch eigene Steinsetzungen ergänzt werden: Nicht in erster Linie Wegweiser wollen sie sein, sondern Zeichen: Du bist auf einem Weg, andere waren schon da, durch dich erst wird er zu deinem Weg. Bis zur letzten Eintragung vom 24. August 1961 taucht immer wieder das Bild von dem inneren Weg auf:

„…ich wohnte am innersten See und folgte dem Strom zu den Quellen. Jahreszeiten wechseln und Licht und Wetter und Stunde. Aber es ist das gleiche Land. Und ich beginne die Karten zu kennen, die Himmelsrichtungen.“(1961, 208)

Stille und Schweigen

Wir wissen nicht, ob DH eine bestimmte Übung, z.B. das Sitzen in der Stille, praktiziert hat. In dem von ihm selbst verfassten Text zu dem 1957 neu gestalteten Meditationsraum im UN-Gebäude unterscheidet er „silence“ im Sinne eines äußeren Raumes der Stille und „stillness“ als inneren Raum des Schweigens: „We all have in us a center of stillness surrounded by silence“5. Seine Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass für ihn dieser innere Raum des Schweigens in ganz unterschiedlichen Situationen präsent und erfahrbar war:

„Mitten im Gelärm das innere Schweigen bewahren. Offen, still, feuchter Humus im fruchtbaren Dunkel bleiben, wo Regen fällt und Saat wächst – stapfen auch noch so viele im trockenen Tageslicht über die Erde in wirbelndem Staub.“ (1952, 101)

Zeiten am Morgen spielen eine besondere Rolle:

„Jeder Tag der erste –. Jeder Tag ein Leben. Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens hingehalten werden, um aufzunehmen, zu tragen und zurückzugeben. Leer hinreichen – denn was vorher war, soll sich nur spiegeln in ihrer Klarheit, ihrer Form und ihrer Weite.“(1957, 151)

„So wird die Welt jeden Morgen neu geschaffen, verziehen – in dir, von dir.“ (1958, 163)

Einträge zu Neuanfängen wie Neujahrs- und Geburtstagen lassen einblicken in die Praxis, sich Zeit zur Reflexion zu nehmen und die Kernsätze von Gelesenem festzuhalten. Bei anderen einschneidenden äußeren Ereignissen sind die Zusammenhänge oft nicht so deutlich. Worte und Bilder erwachsen aus dem Erleben von Landschaften beim Wandern in den Bergen Nordschwedens, an Stränden, beim Segeln:

„Eine Landschaft kann von Gott singen, ein Leib vom Geist.“ (1953, 108)

Das Ich, die anderen und Gott

Ein durchgehendes Motiv ist die kritisch prüfende Auseinandersetzung mit dem Streben, anerkannt zu werden, mit den Tendenzen zur Eitelkeit und Selbstbespiegelung. In einem Eintrag aus den Jahren 1941/1942 geht DH streng, mit einem ironischen Unterton, mit sich um:

„Er stand aufrecht – wie ein Kreisel, solange die Peitsche pfeift. Er war bescheiden – kraft eines vierschrötigen Überlegenheitsgefühls. Er war nicht anspruchsvoll: was er erstrebte, war nur Freiheit von Unruhe, und die Niederlagen der anderen erfreuten ihn tiefer als eigene Siege. Er bewahrte das Leben, das er nie wagte. – Und er beklagte sich darüber, dass man ihn nicht verstand.“(1941–1942, 45)

Im Jahr seiner Wahl zum Generalsekretär der UN – 1953 – finden sich Bilder für eine neue Erfahrung. „Durch ein bedingungsloses Bejahen des Schicksals“ (1953, 106) tritt das Ego zurück. Die eigene Person wird zum Werkzeug dessen, der ihn gepackt hat:

„Nicht ich, sondern Gott in mir.“ (1953, 106)

„Ich bin das Gefäß. Gottes ist das Getränk. Und Gott der Dürstende.“ (1953,107)

Innen und außen

Obwohl Dag Hammarskjöld bald nach seiner Wahl zum Generalsekretär in einem Radio-Interview6 über seine familiäre Herkunft und seinen geistigen und geistlichen Hintergrund Auskunft gab, blieben diese Hinweise auf sein Verwurzeltsein in der Tradition der mittelalterlichen Mystiker und in der Ethik Albert Schweitzers wenig beachtet. Nach außen erschien er als der unermüdliche und gewandte Diplomat mit einem hohen Anspruch an seine Mitarbeiter und an sich selbst. Seine eigene Sicht bringt gegenwärtige Erfahrung des „Unerhörten“ zusammen mit dem Wirken nach außen hin:

„Das ,mystische Erlebnis?‘ Jederzeit: hier und jetzt – in Freiheit, die Distanz ist, in Schweigen, das aus der Stille kommt. Jedoch – diese Freiheit ist eine Freiheit unter Tätigen, die Stille eine Stille unter Menschen. Das Mysterium ist ständig Wirklichkeit bei dem, der inmitten der Welt frei von sich selber ist; Wirklichkeit in ruhiger Reife unter des Bejahens hinnehmender Aufmerksamkeit. Der Weg zur Heiligung geht in unserer Zeit notwendig über das Handeln.“

Zeichen am Weg für heute

Im Gedenkjahr zum 100. Geburtstag von Dag Hammarskjöld am 29. Juli 2005 werden hoffentlich viele der alten Vorurteile und Missverständnisse zu seinem Wirken nicht mehr aufgefrischt. Die Biographie von Manuel Fröhlich, der auch das Vorwort zu der Neuausgabe von „Zeichen am Weg“ geschrieben hat, und das Buch von Ruth und Karl-Heinz Röhlin öffnen einen Zugang dazu, bei diesem ungewöhnlichen Menschen das äußere Wirken und das innere Leben zusammen zu sehen. Dass er unter die großen modernen Mystiker zu zählen ist, zeigen seine Aufnahme in den Band „Große Mystiker“ von Gerhard Ruhbach und Josef Sudbrack und die Würdigung durch Dorothee Sölle in „Mystik und Widerstand“. Zwischen dem Bewundern einer außerordentlichen Gestalt der Zeitgeschichte und dem Verwundern über die oft schwer zugänglichen, manchmal anstößigen Äußerungen eines religiös besonders begabten Menschen, in keinem Fall für das eigene Leben kopierbar, ist zu fragen, wie die „Zeichen am Weg“ nach ihrem eigenen Anspruch angemessen zu lesen sind:

„Diese Aufzeichnungen –? Sie waren Wegzeichen, … Für manchen könnte es doch von Bedeutung sein, einen Schicksalsweg zu verfolgen, über den der Lebende nicht sprechen mochte. Ja, aber nur wenn deine Worte aufrichtig sind, jenseits von Eitelkeit und Selbstbespiegelung.“ (1956, 148)

Hammarskjoeld1

Steinkreis hinter Dag Hammarskjöldsn Haus

So gesehen, können sie Gradmesser für die eigene Aufrichtigkeit sein, in ihrer Unerbittlichkeit den am Ego haftenden Zügen der eigenen Person gegenüber Prüfstein für die Echtheit annehmender Demut:

„29. 7. 1959: Demut ist in gleichem Grade der Gegensatz zur Selbstdemütigung wie zur Selbstüberhebung. Demut heißt sich nicht vergleichen. In seiner Wirklichkeit ruhend ist das Ich weder besser noch schlechter, weder größer noch kleiner als anderes oder andere. Es ist – nichts, aber gleichzeitig eins mit allem. In diesem Sinne ist Demut völlige Selbstvernichtung. In der Selbstvernichtung der Demut nichts zu sein und doch in der Kraft der Aufgaben ganz ihr Gewicht und ihre Autorität zu verkörpern, ist die Lebenshaltung des Berufenen. Vor Menschen, Werk, Gedicht und Kunst geben, was das Ich dabei vermittelt, und, einfach und frei, entgegennehmen, was ihm zukommt an Kraft der inneren Identität. Lob und Tadel, die Winde von Erfolg und Misserfolg blasen spurlos über dieses Leben hinweg und ohne sein Gleichgewicht zu erschüttern.
Dazu hilf mir, Herr –“ (171)

Hammarskjöld2

Man kann, mit einem Schlagwort, Dag Hammarskjöld einen modernen Christen nennen, der seinen Weg der Nachfolge ging. Eine altfranzösische Ausgabe der „Imitatio Christi“ des Thomas von Kempen war die ihn ständig begleitende Lektüre. Es ist nicht zu gewagt, mit den Gedanken eines anderen Lesers der „Imitatio“, Dietrich Bonhoeffer, die Glaubenshaltung von DH zu deuten. Dietrich Bonhoeffer hatte eine lateinische Ausgabe in seiner Tegeler Zelle, in der Zeit, in der 1944 die Briefe entstanden, in denen er – sehr suchend – die Vorstellung eines religionslosen Christentums andenkt: „Gibt es religionslose Christen? Wenn die Religion nur ein Gewand des Christentums ist – und auch dieses Gewand hat zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden ausgesehen – was ist dann ein religionsloses Christentum?“7 In seinem Gedicht „Stationen auf dem Weg zur Freiheit“ kommen Wendungen vor, die eine große Nähe zu Eintragungen in „Zeichen am Weg“ aufweisen: „… nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit“8. Und ähnlich wie in den Christusmeditationen9 Hammarskjölds gehört zur Erfahrung Gottes in der gegenwärtigen Welt das Wachsein mit Christus in der Nacht von Gethsemane: „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – … und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist metanoia, und so wird man ein Mensch, ein Christ.“10

Die ganz unterschiedlichen „Zeichen am Weg“ lassen sich nicht abschließend als ein zusammenhängendes Dokument lesen. Eher eignen sie sich dazu, auf dem eigenen Weg Anstöße, Verunsicherungen und an vielen Stellen auch Vergewisserungen zu erfahren. Sie lassen teilhaben an dem Weg eines Menschen, von dem das Wort Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahre 1944 gilt: „… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“11

Anmerkungen
1 Z. B. in Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen, Mystik – Die Zukunft des Christentums, Stuttgart 1997, S. 272 f.
2 Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, Knaur Taschenbuch Verlag 2005. Die Seitenzahlen (ZaW) beziehen sich auf diese Neuausgabe.
3 ZaW 81.
4 ZaW 122: „Achtung vor dem Wort ist die erste Forderung in der Disziplin, durch welche ein Mensch zur Reife erzogen werden kann – intellektuell, im Gefühl und sittlich.“(1955).
5 Aus dem Faltblatt, das für die Besucher des Meditationsraumes bereitgehalten wird.
6 ZaW, S. 18.
7 Dietrich Bonhoeffer, Werke 8, S. 404.
8 Werke 8, S. 571.
9 Z.B. in ZaW, S. 89 und 110.
10 Werke 8, S. 542.
11 Werke 8, S. 435. 12 Aus dem Faltblatt, das für die Besucher des Meditationsraumes bereitgehalten wird.
Literatur
Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs, deutsch von Anton Graf Knyphausen.
Überarbeitete Neuausgabe mit einem Vorwort von Dr. Manuel Fröhlich, Knaur Taschenbuch Verlag 2005.
Manuel Fröhlich, Dag Hammarskjöld und die Vereinten Nationen – Die politische Ethik des UNO-Generalsekretärs, Paderborn 2002.
Ruth und Karl-Heinz Röhlin, Dag Hammarskjöld – Mystiker und Politiker – Visionen für heute, München 2005.
Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand „Du stilles Geschrei“, Hamburg 1997.
Karlmann Beyschlag, Dag Hammarskjöld (1905– 1961), in: Gerhard Ruhbach/Josef Sudbrack (Hrsg.), Große Mystiker – Leben und Wirken, München 1984, S. 317 ff.
Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, Gütersloh 1998.
Loccumer Arbeitskreis für Meditation (Hrsg.), Verstehen durch Stille, Loccumer Brevier, Hannover 2003.

Rolf Langendörfer, Klinikseelsorger am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden. Klinische Seelsorgeausbildung in den USA, Lehrer der WSdK.

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken