Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Wilma Alfs: "Gott liebt, wie der Smaragd grün ist"

Vorstellung einer langjährigen Lehrerin

Autorin: Elisabeth Müller

Es gibt auch einige Lehrerinnen und Lehrer, die aus Altersgründen oder wegen Krankheit nicht mehr an den Tagungen teilnehmen können, aber von Anfang an tatkräftig am Aufbau der Würzburger Schule mitgewirkt haben und eng mit ihr verbunden bleiben. Dazu gehört die in diesem Heft porträtierte Kölnerin Wilma Alfs. (EMü)

Als ich telefonisch bei Wilma Alfs in Köln anfrage, ob sie uns für ein Porträt zur Verfügung steht, kommen wir auf das letzte Tagungsthema zu sprechen – jüdische Mystik –, und sie seufzt: Niemals habe sie es so bedauert, nicht dabei gewesen zu sein.

Ihr Vater, so erzählt sie, habe nämlich im Dritten Reich zahlreichen Juden zur Flucht verholfen, die später nach Deutschland zurückkehrten. Schon waren wir mittendrin im Gespräch über ihr Leben. Wilmas Vater war Versicherungsmakler, er habe mitgelitten, als seinen jüdischen Kunden die Ladengeschäfte zerstört wurden. Er hing an den Menschen, führt sie aus, auch an dem damaligen Gemeindepfarrer, einem Juden, der Wesentliches zu Wilmas spirituellem Selbstverständnis beigetragen hat. Es klingt transkonfessionell, wenn sie erzählt, dass sich diese gegenseitige Befruchtung heute bei der islamischen Schwiegertochter wiederhole, da gebe es keinen Disput, keine Vorbehalte, keine Überheblichkeiten, sondern ein Einvernehmen im religiösen Menschsein.

Da mir Wilma Alfs aus dem Haus St. Benedikt bekannt ist, ich sie aber schon lange nicht mehr gesehen habe, schließt sich die Frage an, seit wann sie nicht mehr zu den Tagungen der Würzburger Schule kommen kann. An Willigis Jägers 77. Geburtstag sei sie so ungünstig gefallen, dass sie sich das Steißbein brach, inoperabel. Seither macht ihr das Sitzen Mühe, hinzu kommt eine fortschreitende Osteoporose mit zahlreichen Brüchen der Brustwirbelsäule. Sie sagt dies mit einer so freien, festen Stimme, dass durchklingt: Wilma nimmt das Leben an, so wie es sich ihr zeigt, auch diese letzte Phase mit Alter und Krankheit. Der WSdK und allen Sitzenden, so setzt sie hinzu, fühle sie sich in ihrer täglichen Kontemplation herzlich verbunden.

Wilma Alfs 1

Nach ihrer religiösen Prägung in der Kindheit gefragt, erzählt Wilma Alfs, dass ihre Mutter zwar aus einer frommen Beamtenfamilie stammte, dass es aber eine frühkindliche Erfahrung war, die für ihren weiteren Lebensweg wegweisend und tragend wurde. "Ich war ein kleines Mädchen zwischen drei und vier Jahren und gerade vom Mittagsschlaf aufgewacht. Es war wie alle Tage, ich wollte aufstehen. Da kam mein Vater, ich sehe ihn noch so deutlich vor mir, dass ich ihn malen könnte: mit seinem Schreibstift quer im Mund und darüber die Augen, die lachten, als er mich auf den Arm hob. Und was dann kam, habe ich nie mehr vergessen und kann es eigentlich bis heute kaum beschreiben. Vielmehr gibt es da gar nichts zu beschreiben, denn es war plötzlich einfach da, nur das, dieser Augenblick, nur das Liebgehabtsein und das Liebhaben. Es gab nur noch diesen Augenblick, der blieb und bis heute geblieben ist, ohne Fragen, auch ohne jede Anbindung an die Person des Vaters. Kein Mühen mehr, etwas festzuhalten, denn alles war ganz gewiss und wahrhaftig. Diesen Moment habe ich als Kostbarkeit für immer in mich eingeschlossen. Er war wie Anfang und Ende zugleich und immerfort."

Alle nachfolgenden Ereignisse ihrer Biographie seien weitaus einfacher wiederzugeben, sagt Wilma, der dieser eine Moment ihres frühen Daseins als Lebensbericht völlig genügt. Dankenswerterweise fand sie sich dennoch bereit, in unserem Gespräch vieles vom weiteren Verlauf ihrer immerhin 83 Lebensjahre preiszugeben.

Mich interessiert, ob sie denn aus dieser Liebe nie mehr herausgefallen ist, ob es später nicht auch Phasen der Verzweiflung und Angst gegeben hat. Wilma berichtet mir von einem tot geborenen Kind und einem Sohn, der unter Sauerstoffmangel auf die Welt kam und bis heute ihre Unterstützung braucht, weil sich ein Anfallsleiden entwickelte. Ein weiterer Sohn ist autoimmunkrank und leidet an fortschreitendem Muskelschwund. Das seien sehr dunkle Jahre gewesen, aber sie habe stets gewusst: "Was auch immer auf mich zukommt, ist für mich bestimmt, ist mein Leben. Meine Großmutter war für mich ein Vorbild, ich habe sehr an ihr gehangen, und sie hatte in einem Jahr ein Kind und den Mann verloren."

Ich freue mich, dieses Porträt schreiben zu dürfen, und merke, wie der Herbst mit den reichlich von immer bunteren Bäumen fallenden Äpfeln mit hilft, mich auf Wilma einzuschwingen. Mit ihren 83 Jahren steht sie vor der Ernte und empfindet eine unterschiedslose Dankbarkeit für alles, auch für die in ihrem Leben nicht zu knapp bemessenen Schwierigkeiten. So musste sie ihren Berufswunsch der Kinderärztin aufgeben, als die kränkliche Mutter sie benötigte und Schule und Arbeitsdienst ihre übrige Kraft beanspruchten.

Damals, so erzählt sie ohne den kleinsten Anflug von Bitterkeit, sei sie als junges Mädchen nach der geschützten Kindheit und den Träumereien der Jugendlichen, die sich ausmalte, ihren inneren Reichtum über die Welt zu ergießen, in einen rauen, entbehrungsreichen Alltag hineingestoßen worden. In dieser Phase lernte sie ihren jetzigen Ehemann kennen und opferte zugunsten einer baldigen Eheschließung endgültig den Wunsch des Medizinstudiums. Sie stieg voll ein in den Familienalltag mit vier Kindern, drei Söhnen und einer Tochter. Immerhin hatten ihre Eltern darauf bestanden, sie nicht ohne Beruf in die Ehe zu entlassen, so dass Wilma eine Fachhochschulausbildung als Sozialarbeiterin mitbrachte und dann ab 1970, als die Kinder allmählich wieder das Haus verließen, Referentin beim Frauenseelsorgeamt wurde. Das lag ihr sehr.

Sie qualifizierte sich in Erwachsenenbildung weiter und hielt Kurse im katholischen Bildungswerk Köln. Ihre Kontemplationsangebote kombinierte sie stets mit sozialen Fragestellungen und engagierte sich in der Arbeit von P. Lombardi und für Eltern behinderter Kinder. Sie leitete Familienpflegekurse in der Gemeinde und gründete Gesprächskreise für Eltern behinderter Kinder.

Dieser Punkt interessiert mich besonders und ich erfahre, dass sie damals eine Saat legte, denn diese Gruppen existieren bis heute, unterstützt von Studenten, die sich während der Elterntreffen um die Kinder kümmern – das war Wilmas Idee gewesen, damit die betroffenen Eltern wenigstens punktuell entlastet würden.

In den 60er Jahren begann Wilma Alfs Kontemplationskurse zu leiten. Ihr erster Meditationslehrer war der Jesuit P. Lutze, später folgte P. Lassalle und von ihm kam sie zu P. Willigis. "Ihn bat ich, mich zu prüfen", so Wilma, "worauf Willigis mir Bibel-Koans gab, wie er das damals nannte, und mich einlud, im neu eröffneten Haus St. Benedikt Kurse zu halten." Die gemeinsame Kursarbeit in Würzburg von 1984 bis 1997 sei für sie und ihren Mann die schönste Zeit gewesen, schwärmt sie noch heute.

Das macht mich neugierig. "Eine Sozialarbeiterin und ein Partner, der im höheren Schuldienst seinen Mann steht, das ist keine leichte Kombination für die Kindererziehung", erklärt sie lachend. "Diese Differenzen fielen bei der Kontemplation alle weg und wir waren einer Meinung." Später blieben sie mit ihren Kursen, in denen Wilmas Mann Gert stets als Assistent mitwirkte, in ihrem Kölner Umfeld, mit einer Ausnahme: Einmal im Jahr hielten sie einen Auslandskurs, meist in Frankreich, z. B. in Burgund, und saßen mit ihrer Gruppe täglich in einer anderen romanischen Kirche. "Das war eine herrliche Zeit!" Das Thema ihres Lieblingskurses lautete frei nach Simone Weil, mit der sie viel verbindet: Gott liebt, wie der Smaragd grün ist.

Bis ins hohe Alter hinein hat und sucht Wilma Alfs ihre Aufgaben. Den kranken ältesten Sohn versorgt sie täglich mit einer warmen Mahlzeit. Sie begleitet Schwerkranke und viele ehemalige Schüler durch regelmäßige Telefonate. "Nach dem Steißbeinbruch habe ich neue Herausforderungen gesucht und gefunden." Er zieht sich durch, dieser Eindruck, dass sie das Leben ganz annimmt, kein Hader, kein Widerstand, eine bewunderungswürdige Leichtigkeit schwingt zu mir herüber, als Wilma erzählt, wie sie mit ihren oftmals argen Schmerzen umgeht: Sie lässt sich auf den Schmerz ein und meditiert nachts, wenn sie nicht schlafen kann. Sie heißt ihre Schmerzen willkommen, denn, setzt sie lachend hinzu: "Sie sind schließlich das Zeichen, dass ich noch lebe!"

Dann bedankt sie sich fürs Zuhören, und ich empfinde meinerseits Dankbarkeit, dass ich diese wahrhaft große Kontemplative näher kennen lernen durfte!

Wila Alfs 2

"Die Liebe allein macht heil, wo sie wirken kann, da IST sie – und das Leben strengt gar nicht an. Sie heilt dich, weil sie das Licht aller Entscheidungen ist. Sie heilt die Korrespondenz der Menschen untereinander. Sie ist der eine Atem, der alle Religionen und Transformationswege be-lebt, mögen sie noch so unterschiedlich erscheinen."

Wilma Alfs

Elisabeth Müller,
aufgewachsen als Pfarrerstochter in Mexiko-City. Lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Frankfurt; ein weiterer Sohn ist epilepsiekrank. Literaturübersetzerin und Lektorin für Spanisch und Französisch und Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin des WFdK, Ausbildung in transpersonaler Prozessarbeit "Schritte ins Sein" bei Richard Stiegler. Gibt Kontemplationskurse und begleitet Einzelne auf dem inneren Weg.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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