Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Willigis Jäger
"Das Eine ist meine wahre Natur"

Vorstellung eines langjährigen Lehrers

Autorin: Heidi Schoppenhorst

Willigis Jäger ist Benediktiner, Kontemplations- und Zen-Meister, einer der einflussreichsten Visionäre und Mystiker unserer Zeit. Im November 2003 begegnete ich ihm erstmals persönlich auf der Treppe im Kongresszentrum in Würzburg. Seitdem ziehe ich in der „Karawane“ mit. Es geht um eine Auslieferung an die Wirklichkeit, in der wir ein Atemzug, ein Wimpernschlag oder ein Tanzschritt in der Schöpfung des Tänzers, des Urprinzips, das wir Gott nennen, sind. In seiner schlichten, sehr präsenten Art, vermag er mit seiner Kernbotschaft „ Werde die/der du bist“ zu berühren. hS

Sein Wirken

Unzählige Menschen hat er inspiriert, wird nicht müde, das, was er im Innern zutiefst erfahren hat, für Einzelne wie auch für das Ganze, in diese Welt hineinzugeben.

Unter seiner Anleitung bildete sich die „Würzburger Schule der Kontemplation“, die ihren Ursprung im 1990 gegründeten „Ökumenischen Arbeitskreis für kontemplatives Gebet“ hatte. Sie war ein Teil des Vereins „Spirituelle Wege e.V.“ und hat seit 2003 ihr lokales Zentrum am Benediktushof in Holzkirchen/Unterfranken, in der Willigis heute in der Gemeinschaft von GefährtInnen lebt. Seine langjährige Schülerin Frau Gertraud Gruber, gab ihm die Möglichkeit, seine Lehrtätigkeit an diesem Ort fortzuführen und ein Zentrum für spirituelle Wege des Ostens und des Westens zu gründen. Sie kaufte die heruntergekommene Klosteranlage und investierte in Sanierung und Neubauten. Dieser Platz eines ehemaligen Benediktinerklosters schien für Willigis wie gemacht, bzw. auf ihn zu warten.

Die von ihm gegründete „Würzburger Schule der Kontemplation“ ist gewachsen und durch Mitgliederbeschluss 2011 in das „Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)“ übergegangen. Es versteht sich als Weggemeinschaft unter anderem mit dem Ziel, die Kontemplation als Lebensgrundhaltung neu zu beleben und ist ein Zusammenschluss von Lehrpersonen, die von ihren Schulen oder Linien bestätigt worden sind. Aus Altersgründen gab Willigis 2012 die spirituelle Leitung der Weggemeinschaft an den Vorstand des neu gegründeten Vereins (WFdK) ab, bleibt auf Lebenszeit jedoch als „Geistlicher Beirat“ dankenswerter Weise verbunden.

Am 25. 3. 2011 kam Willigis auf meine Anregung ins anthroposophische Zentrum nach Kassel, um im Rahmen einer Fortbildung für die spez. ambulante Palliativversorgung einen Vortrag zu halten. Im Südsaal fanden sich 120 Menschen ein, um seine Präsenz zu erleben.

Willigis Jäger KuM

Foto: Robin Hartschen

Willigis hielt unermüdlich im In- und Ausland Kurse und Vorträge, machte Einweihungen und trug so zur Wiederbelebung christlicher Mystik durch Kontemplation ganz erheblich bei. Es geht darum, ganz Mensch zu werden, weil Gott in uns Mensch sein möchte. Diese Herausforderung anzunehmen ist eine lebenswerte, lebenslange Aufgabe, mit der andere, wie auch ich, d’accord gehen. Inzwischen siedelten sich WeggefährtInnen rund um den Benediktushof an.

2007 gründete er mit Unterstützung von Prof. Dr. Hans Wielens die „West-Östliche Weisheit – Willigis Jäger Stiftung“ um eine Plattform für spirituelle Entwicklung zu sein. Unter ihrem Dach sind heute seine Zen-Linie „Leere Wolke“ und seine Kontemplations-Linie „Wolke des Nichtwissens“ vereint.

2003 im Dezember erlebte ich erstmals diesen Ort, diese Stille und die Zeit in einem Sesshin mit diesem Meister, der aus seiner inneren Mitte lebt.

Stationen seines Lebens

Doch kommen wir zunächst zu einzelnen Stationen seines Lebens.

Am 7. 3. 1925 wurde er, namentlich als Wunibald Jäger, in Hösbach bei Aschaffenburg in eine katholische Familie mit 6 Geschwistern geboren. Er trieb gern Sport, spielte Fußball und traf sich zu vielerlei Dingen mit seinen Freunden. Schon mit 6 Jahren hatte er eine tiefe religiöse Erfahrung, die ihn aufhorchen ließ. Als in der Kirche die monotone Wiederholung des Rosenkranzgebetes während der „Ewigen Anbetung“ auf ihn wirkte, offenbarte sich ihm etwas Großes, Geheimnisvolles, etwas Wirkliches. Er ahnte, dass sich hinter dem Vordergründigen etwas Eigentliches, Wesentliches vollkommen Stilles verbirgt.

„Was wirklich ist, erfährt man in einem anderen Zustand“. (Willigis).

So prägende innere Erfahrungen setzten ihn auf die Fährte seines Lebens. Schon als Kind war er neugierig, nicht zimperlich, wenn es darum ging, neue Erfahrungen zu machen. Er kletterte gern über Abzäunungen, obwohl es verboten war. Damals wie auch heute, noch im Alter von 91 Jahren, inzwischen in Begleitung seines Stockes, den er durchaus spielerisch, elegant zu schwingen vermag. Seine Leichtigkeit ist geblieben. Er wuchs in der Zeit des nahenden II. Weltkriegs auf, in welchen er als 18-Jähriger eingezogen und zum Jagdflieger ausgebildet wurde.

„Es war eine schlimme Zeit, die ich im Grunde nur zufällig überlebt habe, weil ich zum richtigen Zeitpunkt nicht in der Feuerlinie lag, wie vier Fünftel meiner Einheit, die an einem einzigen Tag umkamen. Ich selbst erhielt einen Lungensteckschuss, kam ins Lazarett, und damit war der Krieg für mich im März 1945 zum Glück aus“. (W. Jäger)

Diese Bedrohungen werden es für ihn gewesen sein, den Fragen nach dem Sinn des Lebens in besonderer Weise nachzugehen.

Eine tiefe Beziehung zu Gott bestimmte seine Kindheit und Jugend. Willigis bemerkte, dass sein Vater nach den Gottesdiensten noch lange in der Kirche blieb, um offenbar mehr bei sich zu sein und innere Sammlung in der Stille zu erfahren.

1946 trat Willigis in das Benediktinerkloster Münsterschwarzach ein, eine entscheidende Veränderung in seinem leben. Dort fand er in der Klosterbibliothek die Schriften christlicher Mystiker wie die des Johannes vom Kreuz und von Teresa von Avila. Er versenkte sich da hinein und wurde von den erlebten mystischen Erfahrungen tief ergriffen. Sie ließen ihn bewusster, noch wacher werden für das „Ganz andere“. Umso unverständlicher für ihn, dass gerade diese Lektüre ihm beinahe zum Verhängnis auf dem Weg geworden wäre. Mystische Sprache war offenbar mit einem Tabu belegt.

1948 hatte er sein Studium in Philosophie und Theologie begonnen. Er beendete es 1952 und wurde in diesem Jahr zum Priester geweiht.

Als Präfekt des Internats gab er bis 1964 an der Schule der Abtei Unterricht in Religion, Stenografie und Sport. Die Schüler hatten ihn sehr gerne, weil er zuhörte, Verständnis für sie hatte und frischen Wind brachte.

Mission und Entwicklung

Ab 1960 referierte Willigis für „Mission und Entwicklung“ beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend in Düsseldorf. Dort hatte er Gelegenheit, seinen Mut und seine Spontanität unter Beweis zu stellen. Die evangelische Pfarrerin Frau Annette Nuber bildete mit ihm ein ökumenisches Team und suchte Mitwirkende, die Dritte-Welt-Erfahrung hatten, um auf die christliche Verantwortung der Arbeit in der dritten Welt hinzuweisen. 1961 wurde so von Willigis Jäger die ökumenische „Aktion Missio“ mitbegründet, für die er in die dritte Welt nach Afrika ging. Pater Georg Raiml war mit im fahrenden Volk der Aktion.

Im Januar 1970 kamen Georga Willems, als Hospitierende und im Sommer 1971 Pater Guido Joos hinzu, um nur einige zu nennen. Sie wollten konkrete Hilfen und Aufklärung fördern und transportierten kritisches Gedankengut. Die Einheimischen sollten nicht wie bisher zu Rohstofflieferanten degradiert werden, damit ihre Produkte billig von Industriellen eingekauft werden konnten, sondern deren Talente und Fähigkeiten sollten gefördert werden, um selbst allmählich besser für sich und ihr Land sorgen zu können. Sie führten viele Gespräche und hatten eine Vision von veränderten Handelspraktiken.

„Weltverantwortung kann nur tragen, wer im Innersten erfahren hat, was er zutiefst ist – einer, der die Zusammenhänge von Individuum und Ganzheit erfasst hat.“ (Willigis Jäger).

Durch die „Aktion Missio“ wurde Willigis in viele Länder der dritten Welt geführt, auch nach Asien und Japan, wo er mit dem fernöstlichen Weg des Chan (Zen) in Kontakt kam. Hier zündete etwas oder „Es“ in ihm. So übte er ab 1969 Zen in Japan, zuerst im Zentrum von Hugo Lassalle in Shinmeikutsu, wurde dann Schüler des Zen-Meisters Yamada Ko-un Roshi und lebte sechs Jahre in Japan. 1980 erhielt er von Yamada Roshi die Beauftragung Zen zu lehren.

Willigis Jäger als 86. Nachfolger von Buddha Shakyamuni

Der Nachfolger des inzwischen verstorbenen Yamada, Kubota Roshi, übertrug ihm 1996 die Lehrerlaubnis „Inka shomei“, welche Willigis Jäger als 86. Nachfolger von Buddha Shakyamuni ausweist und ihn ermächtigt, andere in dieser Nachfolge als Meister zu bestätigen.

Willigis ist dem westlichen wie dem östlichen Weg ohne Konfessionsschranken zugewandt.

Das leerstehende Abtei-Internat St. Benedikt in Würzburg wurde 1983 zu einem Kurshaus umgebaut und ihm anvertraut. Dort gründete er das Meditationszentrum St. Benedikt, das er 18 Jahre bis 2001 leitete. Er wurde immer mehr zu einem glaubwürdigen Bezugspunkt für viele Menschen.

Im November 2003 erlebte ich ihn persönlich erstmals auf dem Kongress mit dem Thema: „Die spirituelle Dimension im wirtschaftlichen Handeln“. Wir begegneten uns auf der Treppe und ich hatte kurz Gelegenheit ihn zu begrüßen und zu erwähnen, dass ich zu seinem Sesshin im Dezember angemeldet sei. Auf dem Kongress war bei allen Beteiligten ein großes Engagement wahrnehmbar. Willigis kam als Vertreter einer modernen und transkonfessionellen Spiritualität, hielt seinen Vortrag, ebenso wie Prof. Ervin Laszlo, ein ungarischer Wissenschaftsphilosoph, Systemtheoretiker und Autor, dessen große Präsenz beeindruckte. Damals wurden Ansätze geschaffen, die ein von Achtsamkeit, Sorge und Liebe getragenes Denken und Handeln fördern. Dr. Gerald Grisse, auch ein Schüler von Willigis, damals noch Generaldirektor der Europäischen Zentralbank, war als Referent dabei, um über spirituelle Aspekte des Geldes zu referieren, wie auch Prof. Dr. Theo Gottwald, Professor für Landwirtschafts- und Unternehmensethik der Vorstand der Schweisfurth-Stiftung in München ist und leidenschaftlich von seinem eindrucksvollen Weg berichtete. Pia Gyger, Psychologin und Zen-Meisterin, Mitbegründerin des Lassalle-Instituts, war anwesend sowie Prof. Dr. Margrit Kennedy, Architektin, Ökologin, Schriftstellerin und Kapitalismus-Kritikerin, die das Geld schon damals abschaffen wollte.

2012 gab Willigis Jäger die Leitung seiner gegründeten Linie „Wolke des Nichtwissens Willigis Jäger“ an Fernand Braun, Beatrice Grimm, Petra Wagner und Dr. Franz Nikolaus Müller ab.

Konflikt mit der Kirche

Es kam zum Bruch: Unter der Überschrift „Zen-Meister in Konflikt mit Rom“ berichtete die Fuldaer Zeitung am 24. Januar 2002, dass die Glaubenskongregation des Vatikans ein Verfahren gegen ihn eingeleitet habe. Ob dafür am Ende auch sein Beitrag in der Heiligabendausgabe 2001 dieser Zeitung den Ausschlag gegeben hat, bleibt fraglich.

Er schrieb, dass die Jungfrauengeburt ein in vielen Religionen wiederkehrender Topos sei. Es gehe an Weihnachten nicht darum, „die Geschichtlichkeit der Geburt Jesu zu beweisen oder zu feiern“. Weihnachten sei „die Feier unserer Geburt aus Gott und die Feier des Kosmos aus Gott“.

Was auch immer den Ausschlag gegeben hat, das Verfahren endete damit, dass ihm „zum Schutze der Gläubigen“ alle öffentlichen Tätigkeiten – Vorträge, Meditationskurse, Veröffentlichungen – untersagt wurden. Daraufhin bat Willigis um eine Beurlaubung vom Kloster. Sein unkonventioneller Zugang mit Betonung der Erfahrbarkeit dessen, was wir Gott nennen, führte 2002 unter Leitung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger zur Exklaustrierung (eine Art Beurlaubung aus dem Kloster), da er Glaubenswahrheiten der persönlichen Erfahrung unterordne. Dennoch ist er nach wie vor Mitglied seiner Klostergemeinschaft. Pater Fidelis und seine Gemeinschaft standen in der schwierigen Zeit loyal zu ihm.

Willigis Jäger vertritt weiterhin den Anspruch, alte Glaubenswahrheiten für die Gegenwart neu zu deuten. Manchmal, wenn wir uns unterhielten, sagte Willigis: „Gut, dass ich nicht zur Zeit der Hexenverbrennung gelebt habe!“

Prof. Michael von Brück meint zu diesem Konflikt mit der Kirche, dass es weniger ein Konflikt sei, den Willigis Jäger mit der Kirche habe, als ein Konflikt, den die Kirche mit sich selbst hat. Der Benediktinermönch Anselm Grün sagt über Willigis Jäger: „Ich schätze Pater Willigis als einen leidenschaftlichen Gottsucher, als einen Mann mit viel Energie und großer Weite!“

Das Leben ist Religion

In dem Buch Willigis Jäger „Das Leben ist Religion“, das anlässlich seines 80. Geburtstags 2005 erschienen ist, kommentierte er den Vorgang: „Die ganze Auseinandersetzung erzeugt in mir nur Trauer und Scham. Aggressionen gegen die Glaubenskongregation kommen nicht auf, nur Trauer, weil so viele Menschen zutiefst in ihrem christlichen Selbstverständnis getroffen und verwirrt werden und Scham, weil ich mich einer Institution schäme, die sich nach außen hin für Menschenrechte einsetzt, in ihren eigenen Reihen aber dagegen verstößt.“

Seine Gedanken und Bücher decken sich nicht mit dem römischen Dogmatismus, treffen aber einen Nerv der Zeit, und seine Ansichten stoßen bei traditionellen Theologen oft auf Kritik, denn für starre Theorien ist bei ihm kein Platz.

Im Buch von Eugen Drewermann „Glauben in Freiheit“ inspirierte mich dazu eine kurze Geschichte von De Mello: „Eines Tages machte der Teufel mit einem Freund einen Spaziergang. Sie sahen, wie sich vor ihnen ein Mann bückte und etwas aufhob. „Was hat dieser Mann gefunden?“, fragte der Freund. „Ein Stück Wahrheit“, sagte der Teufel. „Beunruhigt dich das nicht?“, fragte der Freund. „Nein durchaus nicht“, sagte der Teufel, „ich werde ihm gestatten, ein religiöses Glaubensbekenntnis daraus zu machen.“ (De Mello: Warum der Vogel singt, S. 35–36)

Seine Botschaft

Weil Gott in uns Mensch sein möchte, sind wir Mensch geworden.

Er spricht nicht von Gott, Himmel oder Hölle, sondern von einem „Urgrund“, einer „Urwirklichkeit, die wir Gott nennen. Es geht um das, was hinter der Egozentrik unserer Ich-Struktur unser Menschsein ausmacht: eine Ebene, die das Rationale und Personale übersteigt“.

Willigis führt an: „Was dem Christentum die Mystik, sind dem Islam der Sufismus, dem Judentum die Kabbala, dem Buddhismus das Zen und dem Hinduismus verschiedene Yogaformen. Alle fünf Religionen führen nach seiner Ansicht hinaus in eine transkonfessionelle Erfahrungsebene, wo mehr begriffen wird, was diese Urwirklichkeit, die wir Gott nennen, eigentlich ist“.

„Religionen“, so sagt Willigis, „sind wie Landkarten, die veralten, wenn sie nicht von der gespürten Erfahrung her immer neu belebt werden. Er billigt allen Religionen ihren Wert zu und meint, dass sie ihre Starre überwinden müssen, um den Menschen auf neu gestellte alte Menschheitsfragen Antwort geben zu können. Er bedauert sehr, dass das mystische Gebet nicht gelehrt wurde. Die Evolution wird neue Bewusstseinsebenen hervorbringen. Lebendiges ist nicht starr. Gotteserfahrung ist die Erfahrung von Liebe und sogar Religionen sagen uns das. Aldous Huxley spricht von der Sophia Perennis als konvergierender religiöser Weisheit.

Das Wirkliche scheint erst im transzendenten Erleben auf, da, wo die Fokussierung auf das eigene Ego klein wird und schließlich verschwindet. Willigis lehrt, durch schweigende Versenkung, Vertrauen in den Urgrund des Seins zu entwickeln, und aus dieser inneren Vertiefung, durch regelmäßige Übung, Wesentliches auftauchen zu lassen, das Wandlung, Transzendierung des Lebens ins Eine, alles inkludierendes Sein bewirkt. Im Alltag soll es sich bewähren.

Mit dem Altwerden beschäftigt sich Willigis Jäger schon lange. Gemeinsam mit Petra Wagner hat er zu diesem Thema Kurse gegeben. Sie gehört der spirituellen Leitung der Kontemplationslinie „Wolke des Nichtwissens“ an und ist freischaffende Künstlerin. Er spricht offen und ehrlich über das, was ihn bewegt und teilt mit, dass er eigentlich alles gesagt habe. In dem Büchlein Willigis Jäger „Jenseits von Gott“, mit Bildern von Petra Wagner, einer Live-CD von ihm, herausgegeben von Beatrice Grimm, „findet sich das Wichtigste, was ich zu sagen habe, zusammengefasst…“ (Willigis). Beatrice Grimm schreibt im Vorwort „In diesem Buch bringt er uns nun die Essenz jenseits dessen, was gedacht werden kann – die Essenz jenseits von Gott – nahe.“

Sein Bekenntnis, S. 85–90 in diesem Buch, gilt es zu kennen. Klar, deutlich, voll tiefer Erfahrung vermittelt der Meister sein Werk, seine Essenz in geradezu poetischer Form und wen wundert es, das diese Strophen vertont wurden?!

„Alt werden ist eine Lebensaufgabe, wie auch das Sterben. Es ist die Vollendung der Geburt. Die Form, die ich angenommen habe, löst sich irgendwann wieder auf und sinkt zurück in den Ozean des Daseins, von dem sie niemals getrennt ist, wie die Welle niemals vom Meer getrennt ist.“ (Willigis).

Viele seiner Worte haben große Wirkung, weil sie das Eigentliche berühren.

Bekenntnis

Das EINE ist meine wahre Natur
und die Natur aller Wesen.
ES ist zeitlos und unwandelbar,
ES entfaltet sich in der Zeit.
ES offenbart sich als diese Form, die ich bin.

ES entstand nicht bei meiner Geburt,
ES vergeht nicht im Tod.
ES ist weder gut noch böse
und mit nichts vergleichbar.
ES ist wie der Ozean,
der unverändert bleibt,
auch wenn er Millionen von Wellen wirft.

Dieses EINE ist der Urgrund aller Dinge.
ES ist unendlich.
ES hat nie angefangen
und ES hört niemals auf,
denn ES kennt keine Zeit.
ES ist gleichsam der <Zeuge>,
der hinter allen Handlungen steht.
Als dieser <Zeuge> ist ES mein wahres Wesen.

ES übersteigt alle Theologie, Philosophie,
Theodizee und Metaphysik.
ES hat nichts mit Glauben zu tun.
ES lässt sich nur erfahren.
ES ist das grenzenlose, absolute Jetzt.

Aus diesem absoluten Jetzt
steigen die vielen Formen
und Wesen des Universums auf
wie aus einem unendlich tiefen,
nie versiegenden Brunnen.

ES ist die Ursache der Ursache der Ursache,
aber nicht im Sinn von Ursache und Wirkung.
ES ist das <Nichts>, das sich immer wieder neu ausformt. Alle Dinge und alle Lebewesen - und auch wir Menschen -  bestehen aus dem reinen, ursprünglichen Nichts.

Wir sind eine Form des Nichts,
so wie ein goldener Ring die Form des Goldes ist.
Der Ring ist nicht das Gold und das Gold ist nicht der Ring -
aber als Ring aus Gold sind sie eins.
Das Gold gibt dem Ring die Existenz,
bleibt aber davon unberührt.

So bestehen Menschen,
Tiere, Bäume, Blumen,
Steine, Wasser, Berge,
Planeten, Monde, Sonnen,
Spiralnebel und wir selbst,
unsere Gefühle, Gedanken und Intentionen
aus dem EINEN.
Das EINE ist gleichsam unser Familienname.
Wir sind alle von dieser <einen Familie>.
ES ist der Nenner, an dem alle Zähler partizipieren.

Da wir dieses EINE sind,
sind wir auch nicht entstanden
und werden nicht vergehen.
Unser wahres Wesen ist ungeboren und unsterblich.
ES war immer schon da -
nur die Form ändert sich in jedem Augenblick!
So wie die Wellen immer ihre Form verändern
und doch der gleiche Ozean bleiben.
ES ist nicht immer die gleiche Welle,
aber immer das gleiche Wasser.
Das EINE bleibt immer gleich
und wandelt sich nie.

Die äußere Form wird sterben,
aber was wir zutiefst sind
ist unvergänglich und unzerstörbar.
ES entsteht nicht bei unserer Geburt.
ES grenzt sich nur ein in diese Form.
ES geht im Tod nicht unter,
ES verliert nur diese Form.

Auch wenn es Menschen gibt;
die Erinnerungen haben,
als hätten sie schon einmal
oder gar mehrmals gelebt,
wäre ES immer nur dieser Urgrund,
der die vielen Erfahrungen macht.
Die äußere Form wird sterben,
aber was wir wirklich sind,
kennt keine Zeit.

Wir tragen das Gesicht des EINEN.
ES lässt sich auch hinter dem Bösen nicht verbergen.
Wenn Du im EINEN ankommst,
wirst du ES wiedererkennen.
ES ist dir urvertraut.
Dann wirst du wissen,
dass ES immer dasselbe war,
schon vor deiner Geburt,
vor der Geburt deiner Eltern,
vor ewigen Zeiten
und am Ende der Welt.

Die Welt mag untergehen,
doch auch als Untergang manifestiert sich das EINE. Untergang ist nie Untergang,
sondern Fortgang auf einer anderen Ebene und Neubeginn.

In der tiefen spirituellen Erfahrung
werden wir gewahr,
dass ES selbst ganz still ist
und nur die äußeren Formen kommen und gehen.
Dann endlich erkennen wir,
dass wir uns immer schon gekannt haben
und entdecken,
dass wir wiedergefunden haben,
was wir immer schon gewusst
und nur vergessen hatten.
ES gibt nur das zeitlose Jetzt.

Wer in diese Erfahrung gelangt,
erfährt sich als Einheit, Verbundenheit und Liebe.
Diese Liebe führt zu Gemeinschaft mit allem und jedem.
Sie zeigt sich als Sinn unseres Menschseins.
Sie führt zurück zu den Menschen in den Alltag.
Sie lässt das Leben neu begreifen
und deutet den Sinn unserer kurzen Lebenszeit
in diesem zeitlosen Universum. (Willigis Jäger)

Unsere Sehnsucht nach Frieden mit den Mitmenschen und mit uns selbst ist im Grunde jedem Menschen ins Herz gelegt. Liebe ist die Grundlage allen Seins, sie vermag unsere Ego-Struktur aufzubrechen, ist die eigentliche Dimension der Evolution. Willigis Jäger durchdringt ein besonderes Licht und in diesem Licht erlangt er eine ganz einzigartige Stärke zum Wohle aller, gerade weil er ganz und gar Mensch ist.

Willigis Jäger KuM

Willigis Jäger bei seiner Leidenschaft dem Fußballspielen, Foto: F. Pscheidl

Die Saat ist aufgegangen

Nicht nur das Buch „JETZT NICHTS SEIN“, ein Inspirationsbuch zum 90. Geburtstag von Willigis Jäger, belegt: Die Saat ist aufgegangen.

In Dankbarkeit und Freude lasst uns weiter den Weg der aufmerkenden liebe im Gehen, Stehen, Sitzen, bei der Arbeit, im Tanz, in der Yogaübung oder weiterem in jedem Augenblick versuchen.

Quellenangaben
  • Willigis Jäger (2002):
    „Suche nach der Wahrheit“, Petersberg, Vianova.
  • Christoph Quarch (2007):
    „Willigis Jäger Das Leben ist Religion“, München, Kösel.
  • Willigis Jäger (2007):
    „Anders von Gott reden“, Petersberg, Vianova.
  • Ursula Richard und Christa Spannbauer (2009):
    „Willigis Jäger Über die Liebe“, München, Kösel.
  • Willigis Jäger (2010):
    „Die Welle ist das Meer“, Freiburg, Kreuz.
  • Willigis Jäger (2010):
    „Kontemplation – ein spiritueller Weg“, Freiburg, Kreuz.
  • Willigis Jäger und Beatrice Grimm (2009):
    „Die Flöte des Unendlichen“, Holzkirchen, Wege der Mystik.
  • Beatrice Grimm (2012):
    „Willigis Jäger – Jenseits von Gott“, Holzkirchen, Wege der Mystik.
  • Willi Massa (2012):
    „Wolke des Nichtwissens“ Freiburg, Kreuz.
  • Willigis Jäger, Doris Zölls, Alexander Poraj, Fernand Braun, Dirk Ahlhaus (2013):
    „Raum und Gegenwart“, München, Kösel.
  • Winfried Nonhoff (2013):
    Anselm Grün/Willigis Jäger „Das Geheimnis jenseits aller Wege“, Münsterschwarzach, Vier-Türme.
  • Björn Pollmeyer (2015):
    „Jetzt nicht sein“, Würzburg, bonitasprint Gmbh.
  • Weiterhin:
    Pressemappe des Benediktushofs und persönlich von W. Jäger überlassene Schriften (Vorträge)

„Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg“. Willigis Jäger

Heidi Schoppenhorst,
Sonnenstraße 18, 97292 Holzkirchen. Kontemplationslehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens Willigis Jäger“ und des WFdK; Kurstätigkeit am Benediktushof: integrale Medizin, Lehrerin für Liturgie des Tanzes, Meditation des Tanzes und Sakraler Tanz; Fachärztin Psychosomatische Medizin, Palliativmedizin.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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