Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Ursula Pöppinghaus: "Mit der Weisheit des Clowns ins umfassende Menschsein hineinwachsen"

Vorstellung einer langjährigen Lehrerin

Autorin: Elisabeth Müller

Ursula Pöppinghaus ist Kontemplationslehrerin der Linie Wolke des Nichtwissens und eins der ersten Mitglieder von deren Vorläufer, dem ökumenischen Arbeitskreis Kontemplation. Später gehörte sie zum ersten Vorstand der WSdK und lebt heute in Holzkirchen, wo sie am Benediktushof Kurse hält.

Wie Ursula habe ich jahrelang an den Tagungen der Würzburger Schule teilgenommen, ohne ihr je wieder zu begegnen. Daher zweifelte ich, ob sie es tatsächlich war, die Frau aus dem Kurs 1993 auf dem Monte de Silencio, mit der ich ins Zendo umzog, als die spanischen Willigisschülerinnen sie als Schnarcherin ausquartierten. Sie war es, stellten wir über zwanzig Jahre später fest. Dass sie aus Oberhausen kommt, verrät ihr leiser rheinischer Singsang. Dass sie dort mitten im 2. Weltkrieg im Bunker zur Welt kam, erzählt sie mir dann: „1941 rechnete man ja täglich mit den Bombardierungen der Aliierten“. So wurde die Mutter mit Ursula und der ein Jahr jüngeren Schwester 1943 ins Allgäu evakuiert, auf einen bayerischen Hof in der Nähe von Füssen, wo auch der kleinen Ursula nicht entging, dass die ‚Saupreussen‘ nicht wohl gelitten waren.

Es muss wohl diese frühe Flüchtlingserfahrung sein, die sie für die Menschen sensibilisiert, die jetzt in unserem Land Zuflucht suchen. Um einen von ihnen kümmert sie sich in Würzburg, geht mit ihm auf die Ämter und unterstützt ihn dabei, in der Fremde Fuß zu fassen. [Massoud ist Afghane, er ist 26 Jahre alt, sein Vater und seine Schwester wurden von den Taliban umgebracht.] Angefragt wurde ich, um ihm beim Erlernen der deutschen Sprache behilflich zu sein, doch es ist immer wieder notwendig, ihn bei der Lösung von Alltagsproblemen zu unterstützen. Er hofft, einmal wieder zurück - kehren zu können, ist zur Zeit aber nicht sehr optimistisch, was das angeht und wünscht sich nichts sehnlicher als die Anerkennung als Flüchtling.

Vielleicht leidet auch er an der Trennung von seiner Familie, wie sie, die als Kind im Allgäu schmerzlich den Papa vermisste, ihre Hauptbezugsperson, da die Mutter mit den beiden Kindern und dem Krieg nicht nur überfordert war, sondern, wie Ursula heute vermutet, in eine Depression rutschte. Trotz ihrer Not, verstand die Mutter es, den Blick auf das zu richten, was heil war. Der Vater ließ Ursula sehr viel später wissen, wie er darunter gelitten habe, nichts für die Familie tun zu können, während er in Oberhausen seinem Beruf als Stahlformer und später als Fahrer bei den Stadtwerken nachging. Es hat sie berührt zu erfahren, dass er Trost fand, indem er sie und die Schwester damals einfach „Gott hinhielt“.

Als sie 1945 zurückkam, war die Wohnung in Oberhausen an Ausgebombte vermietet und die Familie zog für die nächsten drei Jahre ins Haus der Großeltern. Dort lebten in acht Zimmern und einer Küche bis zu dreißig Menschen. Jede Familie bekam ein Schlafzimmer. „Ich habe meine Kindheit nicht als schwer oder schrecklich erlebt, es war einfach so“, erzählt Ursula, allerdings habe sich die Beziehung zum Vater verändert. Die Kriegs- und Evakuierungszeit hinterließen Spuren in ihr, sie wurde stiller, in sich gekehrt. Als der Vater sein fröhliches Mädchen von einst in ihr nicht wiederentdeckte, schob sich dies als Vorwurf zwischen sie. Ursula fühlte sich abgelehnt, weil sie nicht so war, wie der geliebte Vater sie gebraucht hätte. Die Einsamkeiten ihrer Pubertät mögen da ihren Anfang genommen haben, denn es war ihr auch zugefallen, der schwermütigen Mutter die Fürsorge für die Schwester abzunehmen. In den Hungerjahren, so erinnert sie sich, ging der Vater hamstern, weil die Versorgung über Lebensmittelkarten nicht reichte. Da war die Bisquitsuppe von den Amis ein Festmahl und jenes Weihnachtsfest, an dem sie das Wunder einer frischen Apfelsine kennenlernte, bleibt unvergessen.

Früh nahm das Leben Ursula in die Verantwortung, so erstaunt es nicht, dass Gott, solange sie zurückdenken kann, eine feste, nicht wegzudenkende Größe für sie war, ‚eine Gegenwart‘ zu der sie eine enge Beziehung knüpfte. Einen zornigen, strafenden Gott habe es in ihrer Kindheit nicht gegeben, führt sie aus, allerdings einen Allessehenden. Und sie lehnte sich zum ersten Mal mit 7 Jahren gegen diese Übermacht auf: „Diese Schnüffelei, die gefiel mir gar nicht. Deshalb versuchte ich Gott ein Schnippchen zu schlagen, indem ich kurzfristig meine Pläne änderte“. Gottesdienste und Gebete gehörten zur christlichen Erziehung, die den Eltern wichtig war, dennoch drückte die Mutter auch mal ein Auge zu, wenn die Kleine das Rosenkranzgebet schwänzte, um in den Trümmern zu spielen, was natürlich viel spannender war.

Neben Mädchenbüchern las Ursula auch Heiligenlegenden und sagte bei der Entlassung aus der Volksschule das Friedensgebet von Franz von Assisi auf, das ihr dann jahrelang Begleitung war. Ihre Berufung zum kontemplativen Weg zeigte sich bald: „Bereits im Religionsunterricht habe ich gelernt, dass Gottes Zeit der Augenblick ist, und bei Simone Weil, dass das Gegenteil von Aufmerksamkeit nicht Unachtsamkeit ist, sondern die Bilder und Konzepte, die die Ritze verschließen, durch die die Gnade eindringen könnte“.

Ursula Pöppinghaus

Als dann in der Schule die Epheserbriefe auf dem Lehrplan standen, „fand ich es Unsinn, dass die immer ‚An die Heiligen’ adressiert sind. Die ersten Christen waren doch ganz gewöhnliche Menschen und keine Heiligen“. Der Religionslehrer widersprach: Der Keim zum Heiligen liege in jedem. Wenn man ihn entfalte, wachse man ins umfassende Menschsein hinein. Bei Ursula fiel dieser Satz auf fruchtbaren Boden und sie richtete sich danach aus, den ‚Keim zum Heiligen‘ in sich zu nähren.

Zunächst galt es aber Schule und Ausbildung zu absolvieren. Die Mutter, eine Schneiderin, setzte beim Vater durch, dass Ursula auf Empfehlung ans Gymnasium gehen durfte. „In einer Arbeiterfamilie war das damals alles andere als selbstverständlich. Und es war nicht leicht. In der Pubertät fand ich keinen Platz mehr unter Meinesgleichen. Die alten Freundinnen rückten von mir ab, weil ich nach ‚Höherem‘ strebte“. Es gab jedoch den Heiland, ein Jugendverband der schulischen und studentischen Jugend, der sie sich anschloss und in der sie leitende Funktionen übernahm.

Die Lektüre des mittelalterlichen Thomas von Kempen inspirierte sie zur Nachfolge Christi, denn sie war noch immer verliebt in diesen Gott und hielt ihm nun selbst ihr Leben hin. „Am liebsten wäre ich Priesterin geworden, um auch andere für diesen Gott zu begeistern“. Aber sie war katholisch und eine Frau. Dass sie auch ein Kriegskind war, erwies sich hier als ihr Vorteil, denn sie hatte früh gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und sich nicht allzu lange daran aufzuhalten, wie sie sein sollten.

Also suchte sie einen anderen Weg: „Wenn ich nicht predigen darf“, dachte sie, „kann ich leben, wovon ich erfüllt bin“. Da der geistliche Stand damals Priestern und Ordensleuten vorbehalten war, hielt sie Ausschau nach einem Kloster. Bis zum Abitur hatte sie nicht das passende gefunden. So begann Ursula zunächst in Bonn Theologie zu studieren. Als sie während der Semesterferien in der Abtei St. Hildegard bei Rüdesheim, wo etwa 100 Benediktinerinnen lebten, bei der Weinlese half, glaubte sie, endlich ihren Platz gefunden zu haben. Nach dem fünften Semester trat sie dort als Postulantin ein. Für die Eltern war das schwer. In seiner Angst, die Tochter ganz zu verlieren, schlug der Vater ihr einmal gar vor, ihr ein Ohr abzuschneiden, damit sie nicht genommen werde. Ursulas Schwester war damals schon seit zwei Jahren bei den Dominikanerinnen. Kurz nach ihrer Aufnahme wurde Ursula jedoch schwer krank. Die langen Krankenhausaufenthalte, die sie immer wieder benötigte, führten letztlich dazu, dass sie nach 15 Monaten mit wehem Herzen von ihrem Kloster Abschied nehmen musste. Sie dachte und empfand nicht anders und so sickerte durch die Ritze der zerstörten Bilder und Vorstellungen die Gnade einer Erkenntnis: Ein spirituelles Leben ist in jedem Stand möglich. Und was hier erst eine Ahnung war, sollte sich durch Ursulas Berufsleben mehr als bestätigen.

So orientierte sie sich um und machte eine Ausbildung im Seminar für Seelsorgehelferinnen und Katechetinnen, um ab 1969 Gemeindereferentin im Erzbistum Köln zu werden, wo sie 13 Jahre blieb. 1981 wurde sie ihrer Kompetenzen wegen vom Bistum Aachen abgeworben und war dort weitere 20 Jahre als Referentin für die Schulung und Begleitung haupt- und ehrenamtlicher MitarbeiterInnen tätig, zuletzt mit dem Schwerpunkt Spirituelle Gemeindedienste. Immer noch das Ziel der Entfaltung ihres ‚Keims zum Heiligen’, zum ganzheitlichen Menschsein vor Augen, nutzte sie die vielfältigen Angebote zu Aus- und Fortbildungen, u. a. in Themenzentrierter Interaktion, Supervision, Psychodramatischem Bibliodrama, später in Sakralem Tanz und im Handauflegen bei Anne Höfler.

Sie empfindet es als Segen, dass ihre Berufstätigkeit in die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962–65) fiel, das dem Glaubenssinn und der Mitverantwortung aller Gläubigen eine große Bedeutung gab. Und sich für einen verstärkten Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen aussprach. Dieser spürbare Aufbruch der katholischen Kirche öffnete für Ursulas Tätigkeit und eigene Entwicklung neue Türen. Sie lernte bei einem Studientag für Gemeindereferentinnen die ‚Meditation im Stil des Zen’ kennen. „Für mich war das nichts Neues“, sagt sie, „das Sitzen in der Stille habe ich praktiziert, solange ich denken kann, ohne zu wissen, dass es eine spezielle Weise des Gebets ist. Das wurde mir erst an diesem Studientag klar. Daher wusste ich sofort: Das ist meins.“ Wilma Alfs (s. Porträt KuM 1/2009) begann damals einmal im Monat Sitztage in Köln anzubieten. Daran nahm Ursula teil, so dass Wilma ihre erste Kontemplationslehrerin wurde. Sie ermutigte sie ab 1981, in diesem Bereich tätig zu werden, woraufhin Ursula viele Jahre Menschen in Kursen auf dem kontemplativen Weg begleitete. Gegen 1983 hatte sie erstmals Kontakte zu Willigis Jäger und machte 1984 im Haus St. Benedikt (HSB) in Würzburg eine Einführung bei Cäcilia von Schöning. Anschließend wurde Ursula Schülerin von Willigis Jäger, nahm regelmäßig an Schweigekursen,1989 an einem dreimonatigen Kontemplationstraining teil und gehörte von Anfang an zum Arbeitskreis Meditation für Kirchenmitarbeiter im HSB.

Vor weiteren Krisen bewahrte sie dieser Weg freilich nicht. In einer ausweglos erscheinenden Situation zog sie ihren engsten Verbündeten zur Rechenschaft: „Was soll ich mit einem Leben als Geschenk, das ich nicht zu leben weiß“, klagte sie, worauf ihr die innere Gewissheit: Du hast alles, was du zum Leben brauchst, antwortete.

1981 wurde sie konfrontiert mit der Diagnose Krebs. Neben allem Unangenehmen, das sich damit verbindet, war auch verbunden die innere Gewissheit, dass sie gehalten war in ihrer Beziehung zu Gott.

Ihr kontemplativer Weg brachte weitere Bilder ins Wanken und sie erfuhr Gott weniger als Subjekt, denn durch seine Eigenschaften: Gott ist für mich wie … Eine Zeitlang beschäftigte sie sich mit feministischer Theologie und näherte sich auf den Spuren weiblicher Gottesbilder – jenseits von Heiligen und der Jungfrau Maria –, ihrer eigenen Gottesebenbildlichkeit. Sie entfaltete eine neue Beziehung zur Natur, zu den Jahreszeiten und ihren Rhythmen, stieß auf das Priesterinnentum aus matriarchalen Zeiten, auf moderne Hexen und die spirituell-ökologische Aktivistin Starhawk. „Vor drei Jahren“, erzählt sie, „war ich noch auf dem Muttergipfel, aber jetzt ist das für mich nicht mehr so wichtig.“

Nach ihrer Pensionierung zieht Ursula nach Holzkirchen und genießt die Kontakte in der spirituellen Gemeinschaft: „Nie habe ich daran gedacht, nach Süddeutschland zu ziehen. Dann war ich einmal bei der Projektgruppe „Gemeinsam leben im Alter“ und mir kam der Gedanke: Mit denen könntest du wohl auch leben. Beim nächsten Treffen äußerte Josef Brändle seinen Unmut darüber, nicht zu wissen, wer mitmache. Da hörte ich mich sagen: Ich mache mit. Dieser Schritt hat innerlich so gestimmt, dass ich mich verwunderlich leicht von meinem großen Umfeld in Aachen verabschieden konnte. Und so lebe ich jetzt hier.“

Im Ruhestand entfaltet Ursula ihre musische Seite, Sie spielt nicht nur Cello in einem Kammerorchester, sie singt auch im Chor, macht Playback-Theater und hat als weitere Einübung in die Wirklichkeit des Augenblicks eine dreijährige Ausbildung zur Clownin hinter sich. „Die Clownin“, erzählt sie, „nimmt wahr, was ist, guckt, was kommt, ohne Regieanweisung oder Skript. Sie geht mit Nichtwissen auf die Bühne und lässt sich vom Augenblick inspirieren.“

Elisabeth Müller,
aufgewachsen als Pfarrerstochter in Mexiko-City. Lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Frankfurt; ein weiterer Sohn ist epilepsiekrank. Literaturübersetzerin und Lektorin für Spanisch und Französisch und Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin im WFdK, Ausbildung in transpersonaler Prozessarbeit "Schritte ins Sein" bei Richard Stiegler. Gibt Kontemplationskurse und begleitet Einzelne auf dem inneren Weg.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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