Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Anna Osterkamp-Brändle

Petra Wagner
"Das Wesentliche ist allein die Liebe"

Vorstellung einer langjährigen Lehrerin

Autorin: Anna Osterkamp-Brändle

Im Jahr 2011 wurde Petra Wagner – gemeinsam mit Beatrice Grimm, Fernand Braun und Franz-Nikolaus Müller – von Willigis Jäger mit der Leitung der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens betraut. In Petras Leben hat das künstlerische Gestalten schon immer einen hohen Stellenwert eingenommen, und die intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Aquarell hat sie auf ihren spirituellen Weg geführt. In dieser Ausgabe möchten wir sie und ihren Werdegang ausführlicher vorstellen. Os

„Wir sind nicht hierher gekommen
Um einander gefangen zu nehmen
Sondern um uns sogar noch tiefer
Der Freiheit und Freude auszuliefern.“

Diese Worte des Sufi-Mystikers Hafiz drücken aus, was ich bei der ersten Begegnung mit Petra empfand: Freiheit – Offenheit – und ein weites liebendes Herz. Wir lernten uns am Benediktushof in Holzkirchen kennen. Petra leitete mit Willigis zusammen den Kurs „Altwerden – Aufbruch nach innen“. Ich assistierte, und es entwickelte sich eine Arbeitsatmosphäre, die geprägt war von Vertrauen und Herzlichkeit.

Petra lebt als freischaffende Künstlerin und Kontemplationslehrerin mit ihrer Familie in Kaufering (Süddeutschland). Ihre große Leidenschaft ist der Garten. Seit mehr als 20 Jahren widmet sie sich intensiv der Malerei. Ihre Bilder entstehen in der Stille der Kontemplation, sie leben durch die Stille und wollen in die Stille führen. In ihnen wird tiefe spirituelle Erfahrung transparent, vielleicht sogar erlebbar für den Betrachter. Alle Bilder, die die Texte von Willigis Jäger in „Anders von Gott reden“ begleiten, hat Petra in der Abgeschiedenheit von Kloster Windberg gemalt. Sie schaffen hauchzarte Beziehungen zu den spirituellen Texten und verdeutlichen und ergänzen sie durch die ureigene Sprache der Formen und Farben, die Petra entwickelt hat.

In Zeubelried, einem Hundert-Seelendorf bei Ochsenfurt, verbrachte Petra die ersten elf Lebensjahre. Sie lebte zusammen mit ihren Eltern und den beiden jüngeren Schwestern im Haus der Urgroßeltern. Nach ihren eigenen Worten war sie ein stilles, eher zurückgezogenes Kind, das gern allein durch Wald und Feld streifte. Sie liebte die Natur, Pflanzen und Tiere, und immer sah man sie in Begleitung ihrer Katze.

Petra erzählt gern eine kleine Episode aus dieser Zeit: Damals gab es nur eine einklassige Dorfschule in Zeubelried, in der alle 26 Kinder des Dorfes zusammen unterrichtet wurden. Schon mit 5 Jahren stahl sie sich ab und zu heimlich ins Klassenzimmer und wurde dort von den Großen unter dem Tisch oder im Schrank versteckt. Aber – die Katze saß vor der Tür, und die kleine Verschwörung wurde schnell aufgedeckt.

Der sonntägliche Kirchenbesuch – auch hier wartete die Katze natürlich vor dem Portal – war fester Bestandteil des dörflichen Lebens. „Die katholische Kirche war allgegenwärtig in meiner Kindheit, für mich allerdings nicht einengend, sondern eher beruhigend“, erzählt Petra. Die vertrauten Rituale des Gottesdienstes vermittelten dem Kind ein Gefühl von Geborgenheit und Ruhe, und die gelegentlichen Kirchenbesuche der Familie in auswärtigen Gemeinden schufen Offenheit gegenüber Neuem.

Aus der idyllischen „Dorfkindheit“ in enger Verbundenheit mit der Natur wurde Petra jäh herausgerissen, als die Eltern 1970 nach Würzburg übersiedelten – für die Elfjährige „ein Kulturschock der schlimmsten Art“. Der geliebte Wald… unerreichbar… das Gewimmel von Menschen, Autos, Bussen, Straßenbahnen… alles war zu viel, zu schnell, zu laut….

Petra war eine gute Schülerin, auch wenn die Lehrer sie als „zu ruhig“ einstuften. Einzig im Kunstunterricht kam sie – die heute als freischaffende Künstlerin anerkannt ist – nie über eine Vier hinaus. Es war einfach immer „falsch“, wie sie malte. Rückblickend weiß sie, dass es wohl etwas in ihr gab, „das sich der Norm verweigerte und sich auch nicht zerstören ließ“, und sie freut sich an der Unbefangenheit des Kindes, das einfach malt, was es wahrnimmt.

Nach Abschluss der Realschule absolvierte Petra eine Ausbildung zum Bürokaufmann (die „Bürokauffrau“ war damals noch unbekannt). Mit 20 Jahren heiratete sie den gleichaltrigen Thomas Wagner. Er studierte, während sie bei verschiedenen Behörden arbeitete und für die finanzielle Grundlage sorgte. Die Geburt ihrer ersten Tochter – mitten in Thomas‘ Studium – empfand sie als übergroßes Glück. Gleichzeitig begann eine finanziell nicht einfache Zeit, denn für Petra war es selbstverständlich, dass sie zu Hause bei dem Kind bleiben würde. 16 Monate später wurde die zweite und nach weiteren 3 Jahren die dritte Tochter geboren. Es muss ein tief eingeprägtes Urvertrauen gewesen sein, das ihnen half, diese Jahre gut zu bestehen. „Geld war und ist mir unwichtig“, sagt Petra. „Es ist nützlich, aber unwesentlich. Und in mir wohnte schon immer ein Vertrauen, dass es ausreichen wird, was wir zur Verfügung haben.“ Und das hat sich auch in diesen schwierigen Zeiten bestätigt.

Trotz der existentiellen Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche und dem geballten Widerstand gegen die sakral-geprägte Umgebung, meldete sich Petra zu einem Aquarell-Malkurs im Kloster Windfeld an. Der Wunsch, tiefer in die Geheimnisse des Aquarellierens einzudringen und der damals noch unbewusste Ruf nach Vertiefung des spirituellen Lebens waren stärker, und nur hier bot sich die Gelegenheit, einen dreiwöchigen Aquarell-Malkurs bei Prof. Heribert Losert zu belegen.

Prof. Losert eröffnete seiner Schülerin einen intensiven und völlig neuen Zugang zum Aquarellieren. Die sogenannte „Blauübung“ – ein Kristall, nur aus der Farbe blau geboren, und mit einem flachen, schmalen Pinsel gemalt – hatte Prof. Losert bereits in den 60-er Jahren entwickelt. Für Petra eine zutiefst kontemplative Aufgabe. Denn die Übung verlangte mehr als die perfekte technische Umsetzung. „Der Kristall birgt in sich die Möglichkeit, wirklich in die Tiefe zu führen – in jedem Fall ins Hier und Jetzt. Er verzeiht alles und zugleich nichts. Ungenauigkeiten, Wasserflecken usw. werden im Laufe des Prozesses eingewebt, werden zum Teil des Ganzen. Andererseits ist es bis zum letzten Pinselstrich möglich, die komplette Arbeit zu ruinieren. Die Idee ‚noch schnell eine Runde malen‘ verzeiht diese Übung nicht.“ Das WIE ist wesentlicher als das WAS, so Prof. Losert. Und so wurde die „Blauübung“ zum Grundstein für Petras spirituellen Weg: „Dieser eine Pinselstrich – JETZT. Nicht der, der war und nicht der, der kommt.“ Wie in der Kontemplation: Nur dieser eine Atemzug, nur dieser Schritt… Das große Aquarell im Zendo-Vorraum des Benediktushofs atmet diesen Geist des Augenblicks und stellt eine eindrucksvolle Vertiefung der damals begonnenen Übung dar.

Zeitgleich mit den neuen Erfahrungen in der Malerei durchlief Petra eine siebenjährige Ausbildung zur Schulung der Wahrnehmung, Intuition und Medialität bei Paul Meek, einem Engländer. Es war ihr wichtig, die Wahrnehmung zu vertiefen und zu lernen, der innewohnenden Intuition zu vertrauen. Sie lernte tiefere Informationsebenen kennen, die sie auch heute noch als unterstützend in der Begleitung anderer Menschen schätzt. Dennoch ist die achtsame und unvoreingenommene Wahrnehmung des Gegenübers für sie das wirklich Wesentliche, denn „wir alle wünschen uns erkannt und geliebt zu werden". Liebe und Wahrnehmung gehören für sie untrennbar zueinander: „Etwas in uns weiß sehr genau, dass wir nur dann wirklich geliebt werden, wenn wir erkannt sind. Erst wenn wir uns wahrgenommen fühlen, genau so wie wir sind, müssen wir nicht länger perfekt sein, brauchen wir keine vermeintlichen Schwächen mehr zu verstecken. Erst dann darf das Spiel der Masken ein Ende finden.“

Bei einem Vortrag in Landsberg am Lech begegnete Petra im Jahr 1993 zum ersten Mal ihrem zukünftigen Meister – Willigis Jäger. Sie war tief beeindruckt; und als Willigis während der Fragestunde von zwei Teilnehmern aggressiv angegriffen wurde und unerschütterlich in der Liebe blieb, sprang der Funke über. „Dieser tiefe Friede trotz der enormen Aggression hat mich in jeder Zelle erschüttert.“

Noch im gleichen Jahr besuchte sie einen Zen-Einführungskurs im Haus St. Benedikt in Würzburg und wenig später ein Sesshin mit Willigis und Doris Zölls. Alles war neu … und gleichzeitig so vertraut! Zum ersten Mal konnte sie über ihre spirituellen Erfahrungen sprechen – und Petra wusste, dass sie ihre geistige Heimat gefunden hatte. Doris hat sie dann auch ermuntert, Willigis um die Schülerschaft zu bitten – sie selbst wäre zu schüchtern gewesen – und ihre tiefe Freude über das JA mit ihr geteilt.

Petra Wagner

Später schickte Willigis sie zu Beatrice Grimm zum Tanzen mit den Worten: „Geh mal tanzen – du brauchst das!“ … und sie ging. Die Sesshin und die Ausbildung im Sakralen Tanz intensivierten die Körperwahrnehmung und bewirkten eine spürbare Veränderung. Für sie, die den Körper vorher weitgehend ausgeblendet hatte, erwies sich dieser Weg in all seinen Facetten als heilend und führte hin zu unserem großen Ziel: ganz Mensch zu sein.

„Das intensive Spüren des Körpers, die damit einhergehende Bewusstseinsveränderung und die geschulte Wahrnehmung sind für mich heute wesentliche Bestandteile der Kurstätigkeit. Es eröffnet die Möglichkeit, jede Person in ihrer individuellen Situation, in ihrem Sein in diesem Moment zu ,sehen‘, anzunehmen und mit ihr weiterzugehen. Ob es immer gelingt… ich weiß es nicht, aber es ist möglich.“

Die Basis für Petras Kurse, für die Malerei, für ihr ganzes Leben ist die Stille – die Stille hinter der Stille, die sie schon in ihrer Kindheit immer wieder erfahren durfte. Aus der Stille – durch die Stille – den Betrachter (vielleicht) in die Stille zu führen, das ist ihre Intention beim Malen ihrer Bilder. Die Erfahrung der Stille hat auch ihre Malweise völlig verwandelt.

Obwohl sie eine sorgfältige Ausbildung in verschiedenen Techniken genossen hatte und ihr Handwerk sehr gut beherrschte, verloren plötzlich alle Konzepte, Ideen und Vorstellungen an Wirkungskraft, und ein schmerzhafter Transformationsprozess setzte ein. Jede Sicherheit, die die Malerei ihr bislang gegeben hatte, war weggebrochen. Und sie begann, in der Nacht zu malen, wenn der Intellekt schlief, bis die Rebellion des Verstandes abgeklungen war. Heute bedarf es lediglich des einfachen Sitzens in der Stille, um dem Raum zu geben, was in diesem Augenblick durch sie einen Ausdruck finden möchte.

Der Zen-Weg in seiner Strenge und Klarheit entsprach Petras Wesen. Trotzdem hat Willigis sie irgendwann in die Kontemplation „umsortiert“. Sie hat sich nie gefragt, warum – für sie sind beide Wege GLEICH-GÜLTIG, wesentlich ist ihr einzig die Stille – die Liebe, zu der beide Wege führen. Durch die kontemplative Übung lernte sie, die vertrauten Texte neu zu lesen und auf einer anderen Ebene zu verstehen, ohne ihre christlichen Wurzeln ausreißen zu müssen. Und es gelang, in dieser Klarheit und Tiefe anders da zu sein im Leben – im Hier und Jetzt zu sein – einfach zu sein…

Willigis hat Petra auf ihrem spirituellen Weg immer wieder „ins kalte Wasser geworfen“. Ob es darum ging, zum ersten Mal an der Glocke zu sitzen oder während eines Kurses Assistenz zu machen – jedes Mal wurde Petra ohne Vorwarnung in die neue Aufgabe eingewiesen. Im Februar 2006 wurde sie von ihm als Kontemplationslehrerin bestätigt. „Es ist an der Zeit – die Menschen brauchen dich,“ sagte Willigis, und Petra tat den nächsten Schritt, der ihr aufgezeigt wurde. Heute leitet sie neben den Kursen „Altwerden – Aufbruch nach innen“ als Co-Leiterin von Willigis auch eigene Kontemplationskurse am Benediktushof, sowie eine Reihe von Kursen „Kontemplation und Malen“ im Kloster Windberg.

Das Zitat von Joseph Beuys „Das Mysterium findet am Hauptbahnhof statt“ wurde für Petra im Februar 2011 konkrete Wirklichkeit. Sie hatte Willigis am Münchner Hauptbahnhof getroffen, und mitten im Getümmel von Menschen, Lautsprecheransagen und Zügen erklärte er ihr – wieder einmal für sie völlig überraschend – dass er sein Testament gemacht und seine Nachfolge in der Kontemplation bestimmt habe „… und du bist eine davon“ …

Die Stille war überall – trotz des Trubels ringsumher. Petras erste Reaktion war: Das ist zu groß für mich! Die Größe der Verantwortung, die Kontemplation nicht nur „irgendwie“, sondern in seinem Sinne weiterzugeben, war ihr zutiefst bewusst, und es brauchte einige Tage der Stille, bis sie von Herzen ja-sagen konnte zu der Größe dieser Aufgabe.

Es war und ist ein vorbehaltloses Ja zu Willigis, zur Kontemplation und zum Benediktushof, aber auch ein Ja zu Beatrice Grimm, Fernand Braun und Franz-Nikolaus Müller, die gemeinsam mit ihr die Nachfolge übernommen haben. „Es ist ein wunderbares Team, geprägt von Vertrauen und Offenheit – für mich gelebte Kontemplation“, sagt Petra. Das Ich wird der gemeinsamen Aufgabe untergeordnet, ohne dadurch blass und kraftlos zu werden. Die inneren Qualitäten jeder, jedes einzelnen dürfen ihre Kraft wirkungsvoll entfalten – für die Kontemplation und damit für alle Mitglieder der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens. Immer im Sinne von Willigis ist es für Petra undenkbar, Kontemplationskurse zu halten, ohne die Klarheit und Nondualität zu vermitteln, die er vertritt.

Die neue Linie sieht Petra als große Chance, sich auf das Wesentliche zu reduzieren: die tiefe spirituelle Erfahrung, die in die Erfahrung der Nondualität und damit in die tiefe Erfahrung der Liebe führen kann. Nicht der Liebe zu etwas oder zu jemandem, sondern einfach Liebe.

„Lausche mein Herz
lausche –
kannst du den Ton des Lebens
die Liebe spüren?
nicht hören – nicht denken
SPÜREN –

Und dich ganz verlieren,
um auf ewig getragen
dich dem Leben zu überlassen.“

Petra Wagner

Anna Osterkamp-Brändle,
geb. 1941, Lehrerstudium auf dem 2. Bildungsweg mit Schwerpunkt Psychologie, Kunst und Deutsch. Ausbildungen im Bereich Humanistische und Transpersonale Psychologie. Klinikseelsorge, Hospizarbeit, Trauerbegleitung, Erwachsenenbildung. Seit 1987 Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin der Wolke des Nichtwissens Kontemplationslinie Willigis Jäger.

 

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