Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Giselher Löffler: "Jeder braucht einen Ort"

Vorstellung eines langjährigen Lehrers

Autorin: Elisabeth Müller

Mit diesem Porträt wollen wir eine neue Rubrik eröffnen, in der es darum gehen soll, Kontemplationslehrer und -lehrerinnen aus den eigenen Reihen vorzustellen und einen Einblick in deren Arbeit zu geben. Schon dieses erste Porträt zeigt, dass wir weder auf die Vergangenheit zurückgreifen noch in ferne Länder reisen müssen, um erfahrene Wegbegleiter und weise Berater zu finden – wir brauchen nur den Schatz im eigenen Acker auszugraben. E.M.

Giselher Löffler ist achtundsechzig Jahre alt und praktiziert nunmehr fast ein Drittel seines Lebens die Meditation. Er wuchs in Baden in einer gutbürgerlichen Familie mit fünf Kindern auf. Seine Entscheidung, Pfarrer zu werden, war weniger Beruf als Berufung, da ihn die Kirche seit frühester Kindheit so stark anzog, dass er bereits im Vorschulalter aus eigenem Antrieb und ohne erwachsene Begleitung regelmäßig in den Gottesdienst ging. Er stammt aus Bruchsal und lebt heute in Freiburg, nachdem ihn Studium und Beruf u. a. nach Zürich, Konstanz und Karlsruhe führten.

Giselher Löffler

Es war seine Faszination für die Texte der Bibel, die ihn eines Tages, noch als Schüler, klar erkennen ließen, dass er Theologie studieren würde. "Schon damals suchte und fand ich, wie bis heute, oft überraschend, eine Lösung, die mir einleuchtet, von der ich weiß, so soll es sein, und dann ist es auch recht so, und ich habe die Fähigkeit und den Mut, das Gefundene zu leben, zu gestalten. So konnte ich mich schon sehr früh im Leben auf meine Wesensnatur verlassen", ohne sie noch als solche zu benennen. Giselher Löffler war 34 Jahre als Gemeindepfarrer im Dienst und erzählt, dass seine Arbeit geprägt war "von der Freiheit, der Botschaft Jesu, wie sie mir über die Evangelien, Paulus und Luther überkommen ist. Neben dem Kriterium, ob eine Botschaft in die Weite führt, das Leben öffnet, ist ein Satz von Luther für mich wegweisend: Am wichtigsten ist es, dass wir Sünder werden – aber wir schaffen es nicht aus eigener Kraft."

Die größere, allem zugrunde liegende und innewohnende Kraft strömt wie ein roter Faden durch Giselhers Leben und lässt ihn scheinbar mühelos eine Fülle von Aktivitäten entfalten und mit sechs Kindern und inzwischen 14 Enkeln ein nicht minder gesegnetes Familienleben führen. Seine Frau, ebenfalls eine Theologin, hat ihn in den verschiedenen Phasen seines Weges aktiv unterstützt, den Rahmen gehalten, in seiner Pfarrei mitgewirkt und immer wieder in Kursen gemeinsam mit ihm meditiert.

Giselher Löfflers Interesse an der Psychoanalyse mündete 1971 in eine Ausbildung in Jungscher analytischer Psychologie und einer Einzelanalyse, in zahlreiche Fortbildungen der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie, der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie und der C. G. Jung-Gesellschaft. Dort erworbene Kenntnisse bringt Giselher seitdem in seine Beratungstätigkeit ein. Sowohl für die psychologische Ausbildung wie auch für Neuerungen in der Pfarrei, z. B. das Offenhalten der Kirchentür, die Einführung einer Osternachtfeier, neue liturgische Gesänge und das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, erhielt Giselher stets die einhellige Zustimmung des Ältestenkreises seiner Gemeinde – was ihm selbstverständlich war, fand in seiner Gemeindearbeit wie selbstverständlich seinen Ausdruck. So gelang die Verknüpfung der akademischen Theologie mit psychologischen und mystischen Aspekten leicht, ohne je erkämpft zu werden, und seine Gemeinde kann sich heute mehrerer Sitzgruppen erfreuen und kannte für Paare, die sich scheiden lassen, als Angebot ein Trennungsritual in der Kirche.

Ausgelöst durch einen Traum nahm Giselher Löffler 1976 erstmals an einem Meditationskurs bei Pater Massa in der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb teil. Mehrere Teilnehmer dieser Einführung gründeten mit ihm eine feste Sitzgruppe, die sich einmal monatlich an einem Samstagnachmittag zum Meditieren und Teetrinken traf. Gleichzeitig begann er intensiv zu sitzen, seine Lehrer waren Hans und Miek Ringrose in Tholey, dann Pater Lassalle, später Pater Willigis. Franz- Xaver Jans-Scheidegger fühlt er sich auch stark verbunden. Wenn er gefragt wird, was man in diesen Kursen eigentlich tut, gibt er zur Antwort: "Rumsitzen und Nichtstun." Es gebe ganz im Sinne von Jesus, Paulus und Luther nichts zu erreichen, und dennoch, so sagt er, könne er nicht mehr davon ablassen.

Inzwischen ist er seit vielen Jahren selbst Kontemplationslehrer und erteilt Meditationskurse, bisher in Hohenwart und regelmäßig in Dietfurt und Nonnenweier an der Evangelischen Akademie in Baden. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Kursarbeit ist für Giselher Löffler die psychotherapeutische Begleitung im Einzelgespräch. Denn einen Punkt vertritt er sehr vehement: "Jeder Mensch, jeder Erwachsene in unserer Kultur, muss einen Menschen haben, zu dem er gehen kann, wenn ihn etwas belastet oder er etwas Wichtiges zu klären hat, Freunde sind gut, Partner und Partnerinnen sind auch gut, aber das reicht nicht. Wir Menschen brauchen einen Ort – einer der Gottesnamen im Alten Testament lautet HA MAKOM, also ‚der Ort‘. Dieser Ort kann eine Gemeinschaft sein, ein Mensch, der mich begleitet, ein Text, ein Liedvers, eine Stimmung, eine Erinnerung, eine Erfahrung, die ich aufsuchen kann. Entdeckt eure Juwelen, eure Begabungen, schätzt euch selbst wert, schätzt euren Nächsten wert, er ist nicht der, der euer Leben behindert, sondern eher ein Wegweiser, wo es für euch weitergeht."

Giselher war bereits Mitglied im Ökumenischen Arbeitskreis, aus dem die WSdK hervorgegangen ist, und hat sich von 1999 bis 2003 im Vorstand für die Würzburger Schule der Kontemplation eingesetzt.

Für die nächsten Jahre wünscht sich Giselher, als "weiser Mann" zu wirken, andere auf dem Weg zu begleiten und ihnen ihre und seine Erfahrungen zugänglich zu machen. Bei sich selbst möchte er noch feiner schauen, wo er gegen andere Widerstände aufbaut, statt sie als Bereicherung für sein Leben und das Leben überhaupt zu begreifen.

Als kleine Kostprobe seiner geistigen Erfahrung kann Giselhers Version der Zehn Gebote in "bekömmlicher" Form gelten. Er selbst nennt sie die zehn Sätze des Mose, weil es sich im umfassenderen Sinne nicht um Befehle zur Lebensführung handle, sondern um Seins-Zustände, auf die wir uns hin entwickeln können.

1. Ich bin es, der dich aus aller Knechtschaft herausführt, in die du immer wieder gerätst, der dich in die Weite führt. Du kommst immer wieder in die Enge, wenn du dein Herz an Dinge, Menschen oder Ideologien hängst. Ich bin die Wirklichkeit, die dich überrascht, und es gibt nichts, das nicht Gott ist. Es kommt die Zeit, da hast du es nicht mehr nötig, dein Herz an andere Götter zu hängen, da hast du Vertrauen in das Jetzt und Hier.

Immer wieder machen wir uns Bilder von anderen Menschen, entwerfen Konzepte unserer Welt und wundern uns dann, dass sie uns einengen. Sie sind mächtig und wirken über Generationen. Aber es kommt die Zeit, da hast du es nicht mehr nötig, dir Konzepte oder Bilder zu machen, weder von dir selbst, noch von anderen Menschen, noch vom Leben, noch von der Welt, da kannst du neugierig und offen die Welt betrachten.

2. Immer wieder benutzen wir Autoritäten, "göttliche" Aussagen, Sätze der Bibel und selbst den Namen Gottes, um unserer Meinung Gewicht zu geben und sie durchzusetzen. Aber es kommt die Zeit, da hast du es nicht mehr nötig, dich hinter Gott oder hinter anderen Autoritäten zu verstecken, sondern kannst frei deine Meinung sagen, auch auf die Gefahr hin, dass sie falsch ist, denn du kannst dann auch die Meinung anderer hören und berücksichtigen.

3. Immer wieder leben und denken wir, dass unsere kleine Welt oder auch die große, weite Welt zusammenbricht, wenn wir nicht immerzu rotieren. Aber es kommst die Zeit, da hast du es nicht mehr nötig, sieben Tage in der Woche zu malochen. Einmal die Woche darfst du aufatmen und Gottes Welt und deine Werke mit Freude betrachten und genießen.

4. Immer wieder passiert es uns, dass wir glauben, die Eltern sind schuld an dem, was uns Mühe macht und uns misslingt im Leben. Es kommt aber die Zeit, da kannst du selber die Verantwortung übernehmen. Dann kannst du deine Eltern achten und ehren, mit ihren Stärken und Schwächen und ihrem ganzen Leben. Dann kannst du ihnen dankbar sein für alles, was sie dir gegeben haben an geistigen, geistlichen, materiellen und emotionalen Gütern.

5. Immer wieder passiert es uns, dass uns Menschen bedrohlich und feindselig erscheinen, als Wesen, die uns einengen und am Leben hindern wollen und die wir deshalb lieber gleich "auslöschen". Es kommt aber die Zeit, da musst du nicht mehr um dich schlagen und dich wehren, da musst du im anderen nicht mehr den Feind sehen, sondern kannst ihn als Hilfe für dich erkennen, als jemanden, der dir Defizite in deinem Leben offenbart.

6. Immer wieder erscheint uns unser Leben eng und freudlos und alles andere schön und hell. Dann geben wir unserem Partner, unserer Partnerin die Schuld an allem und meinen, in einer neuen Beziehung wird alles besser. Es kommt die Zeit, da kannst du dich zufrieden geben mit deinem Leben, da hast du es nicht mehr nötig, nach anderen Ausschau zu halten, da seid ihr in der Lage, aufeinander zu zugehen und euch gegenseitig zu lassen.

7. Immer wieder geschieht es uns, dass wir das Eigentum anderer oder der Allgemeinheit an uns bringen, bei Erbschaften andere übervorteilen, bei der Steuer betrügen. Es kommt die Zeit, da weißt du, ich habe genug und muss niemandem etwas missgönnen und niemandem etwas wegnehmen, weder durch Diebstahl noch durch Betrug oder andere Arten der Übervorteilung.

8. Immer wieder reden wir über andere, haben unsere Vermutungen über sie und ihre Lebenskonzepte, ohne wirklich Bescheid zu wissen. Es kommt die Zeit, da hast du es nicht nötig, dir über andere das Maul zu zerreißen.

9.–10. Der scheele Blick auf den Teller unseres Nächsten ist immer wieder Grund für unsere Unzufriedenheit. Es kommt die Zeit, da kannst du dich an dem erfreuen, was du hast, und musst nicht auf den anderen schauen und begehren, was er hat.

Elisabeth Müller,
aufgewachsen als Pfarrerstochter in Mexiko-City. Lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Frankfurt; ein weiterer Sohn ist epilepsiekrank. Literaturübersetzerin und Lektorin für Spanisch und Französisch und Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin des WFdK, Ausbildung in transpersonaler Prozessarbeit "Schritte ins Sein" bei Richard Stiegler. Gibt Kontemplationskurse und begleitet Einzelne auf dem inneren Weg.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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