Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Heidi Schoppenhorst

Elke Stephany: "... und manchmal öffnet sich ein Raum ..."

Vorstellung einer langjährigen Lehrerin

Autorin: Heidi Schoppenhorst

Seit 2006 ist Elke Kontemplationslehrerin im WFdK, dann auch in der „Wolke des Nichtwissens“. 2015 wurde sie in den Vorstand des Forums gewählt und ist 2. Vorsitzende. Ihre speziellen Aufgaben sind die Bereiche: Regionalgruppen und Referenten sowie Kontakt zur Linie der „Wolke des Nichtwissens Willigis Jäger“. Die Arbeit des Forums als Austausch und Fortbildung ist ihr ein großes Anliegen.

Spätestens nach ihrem Artikel zum Thema: 'Was ist Kontemplation?' in unserer Zeitschrift Kontemplation und Mystik 2/2014 ist Elke für mich klar in Erscheinung getreten. So heißt es da: „Der göttliche Urgrund, die göttliche Liebe schenkt sich auch mir und nimmt mich hinein in eine umfassende Wirklichkeit, von der aus die Dinge des Lebens erst ihren wahren Wert bekommen. Alles, alles ist einbezogen in die göttliche Gegenwart.“

Stille sowie Öffnung hin zur Transzendenz sind Elke sehr wichtig und haben ihr immer wieder neue Kraft gegeben. Durch ihren Wechsel der Konfession von katholisch zu evangelisch hat sich ihr ein „überkonfessionelles“ Bewusstsein eröffnet, dass sich durch mystische Erfahrungen in anderen Religionen noch einmal zu einer Offenheit gegenüber den einzelnen außer-christlichen mystischen Strömungen weitete. Heute ist ihr der Dialog der Religionen wichtig. Bei all dem ist sie sich ihrer christlichen Grundlage sowie des spirituellen Reichtums in den Kirchen, in der Musik, in den Ritualen und in der Liturgie als Ausdruck tiefer ursprünglicher Erfahrung bewusst und verbunden.

Kindheit und Jugend

Elkes Mutter hatte mit Großmutter und Schwester die schlesische Hauptstadt Breslau als Flüchtling verlassen müssen und dann in Hamburg, der Millionenstadt im Wiederaufbau der Nachkriegszeit, eine neue Heimat und Anstellung gefunden. Dort hatte sie auch Elkes späteren Vater kennengelernt. Mutter und Vater waren beide Studienräte. 1950 wurde Elke als erstes Kind geboren. Sie war eine Frühgeburt und musste deshalb die erste Zeit in der Klinik bleiben. Mit vier Jahren erkrankte sie an Tbc, musste für viele Monate ins Krankenhaus. Als sie endlich zurück durfte, war ihre drei Jahre jüngere Schwester zum Mittelpunkt der Familie geworden…

Immer wieder gab es Trennungen in ihrer Kindheit durch Krankenhaus, Kinder-Land-Verschickung und Landschulheim- Aufenthalte. Eine große Sehnsucht nach Geborgenheit stellte sich wohl auch gerade dadurch ein. Sie spürte auch die Wehmut der Eltern nach der verlorenen Heimat. So kam auch bei ihr keine rechte innere Beziehung zu Hamburg auf. Beide Elternteile waren katholisch, zugleich intellektuell kritisch.

Frühe Erinnerungen hat sie noch an den Besuch der Sonntagsmesse mit ihrem Vater, der zuerst in einer Turnhalle einer katholischen Grundschule stattfand, in der die Menschen dicht an dicht gedrängt standen und inbrünstig beteten und so versuchten, aus ihrem Glauben heraus den Neustart nach dem Krieg zu bewältigen.

Sie wuchs mit all-sonntäglichen Besuchen der Messfeiern und täglichen Tisch- und Abendgebeten auf. An die Grundgebete schloss sich abends eine freie Fürbitte für Verwandte und Freunde an. Hoffnung hatte sie immer, da ihre Eltern ihr vermittelt hatten, dass sie in Notsituationen Gott anrufen könne, um Schutz zu erfahren. Durch die tiefe Vermittlung, mit Gott in Beziehung treten zu können, lebte sie von früh auf im Kontakt und Bewusstsein zur Transzendenz.

Der Beicht- und Kommunion-Unterricht wurde ihr von einer „grauen Schwester“ erteilt, die sie sehr mochte, weil sie ein so weites Herz hatte.

„Später prägte mich unser Gemeindepfarrer, der die Kranken und Sterbenden unserer Gemeinde besuchte und noch Sitzwachen hielt, der aber auch ein großer Betender war“. Elke empfand seine Gottesdienste tief. Er schenkte ihr ein Jugendgebetbuch, das ihr Trost und Stärkung in ihren Jugendjahren gab, in denen sie mit ihrem als autoritär erlebten Elternhaus zurecht kommen musste.

Sie wurde BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend)-Gruppenleiterin, nahm also ein ehrenamtliches Engagement für Jugendliche an und gestaltete zu Hause eine Gebetsecke mit einem arabischen Ledersitzkissen vor einem Kreuz und einer Marienstatue. Dort verbrachte sie lange Zeiten in Stille und Gebet, durchlitt manchen inneren Aufruhr ihrer Jugendjahre und fand innere Klärung. Sie verzog sich durchaus gerne in diese stille Ecke.

Die Schulzeit spielte sich sozusagen zwischen den Konfessionen ab: „Wir als Katholiken in der hamburgischen Diaspora, also einem evangelischen Umfeld, dann das 5. Schuljahr auf dem katholischen Mädchengymnasium der Sacrecoer-Schwestern, wo ich die adventlichen Rorate-Frühmessen besonders liebte, die in der Dunkelheit begannen und dann allmählich durch immer mehr Kerzen erleuchtet wurden.“

„Rorate caeli desuper, et nubes pluant justum!", das ist der lateinische Eröffnungsvers aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja (Jes 45,8), mit dem diese Messen traditionell beginnen: „Taut, ihr Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab.“

1962 wurde sie durch den Umzug der Familie in ein Haus im Grünen auf die Elise-Averdieck-Schule, ein ehemaliges Diakonissen-Gymnasium in Hamburg umgeschult. Dort gab es jede Woche eine evangelische Morgenandacht und eine von ihr als wunderbar gestaltet erlebte Adventszeit nach dem Vorbild von Johann Hinrich Wichern (deutscher Theologe, Gründer der inneren Mission der Evangelischen Kirche). Da versammelten sich alle Schülerinnen und jeden Morgen wurden Adventslieder gesungen und immer eine Kerze mehr entzündet. Gern erinnert sie sich auch an die musikalisch gestalteten Weihnachts-Schul-Gottesdienste in der Hauptkirche St. Katharinen.

1970 begann sie ihr Studium in Freiburg. Sie studierte Anglistik, Geographie und Pädagogik für das Lehramt an Gymnasien. Es zog sie überhaupt von zu Hause fort, hin zu eigenen Welterkundungen, da gehörten auch Amerika-aufenthalte dazu.

In Marburg machte sie 1976 ihr erstes und 1978 ihr zweites Staatsexamen. Gleichzeitig war sie immer auf der suche nach Vertiefung ihres Glaubenslebens. Sie entdeckte 1972 den „Marburger Kreis“, eine Arbeitsgruppe von Christen aus verschiedenen Konfessionen, die sich wöchentlich zur „stillen Zeit“ und zum Austausch trafen. Dort begegnete ihr eine neue Form der Glaubenspraxis: Das tägliche Lesen in der Bibel, gefolgt vom Beten und Meditieren über den Text und schließlich das stille Verweilen vor und in Gott … Die alte Weise der Kontemplation!

Das wurde ihre tägliche Praxis mit resultierenden vertiefenden Erfahrungen erlebter „absoluter Ruhe, grenzenloser Stille, einer Dichte, die getragen war von einer nicht weiter erklärbaren Präsenz“.

Elke Stephany

1974 lernte sie ihren Mann kennen, der ein junger evangelischer Pfarrer in Marburg war. Beide verliebten sich. Er gehörte einer anderen Richtung an: Der Pastoralpsychologie mit dem Akzent Supervision. Elke wechselte sogar die Konfession, wurde evangelisch, denn sie war inzwischen in die evangelische Art der Frömmigkeit hineingewachsen. Sie heirateten 1976 und bekamen 1977 ihren ersten Sohn Christoph, 1979 kam Ulrich und 1981 wurde Martina geboren. Sieben Jahre widmete sie sich ganz der Familie und trug die Anforderungen des Pfarrhauses mit. Darüber hinaus absolvierte sie ein Fernstudium zur kirchlichen Erwachsenenbildung. Zweimal kam es in dieser Zeit zu Pfarrstellenwechseln in andere Städte.

Suche nach Vertiefung

Sobald ihr jüngstes Kind Martina drei Jahre alt war und in den Kindergarten ging, begann Elke wieder mit einer teilweisen Berufstätigkeit als Dozentin bei der vhs, wo sie Englischkurse und Deutsch für Spätaussiedler gab. Etwa mit 30 Jahren wuchs die Sehnsucht nach weiterer Vertiefung ihrer Spiritualität.

1985 besuchte sie zum ersten Mal einen Kirchentag in Düsseldorf. Dort kam sie zu einem Stand der evangelischen Gethsemane-Bruderschaft. Sie boten Eutonie und Meditation in der Weise des Herzensgebets an und stellten ihr Kloster, damals noch das Domkloster Ratzeburg, vor. Es war genau das Richtige für sie.

Eutonie nach Hannelore Scharing ist eine körperorientierte Methode, die das Bewusstsein für den eigenen Körper steigert. Aber was genau war das Herzensgebet?

Olav Hansen führte sie ein. Sie erfuhr von der ostkirchlichen Herzensgebet-Tradition und dem mantrischen Beten als verkürzte Form im Westen und übte auf diese Weise. Sie war häufig da und bot ab 1992 im Gethsemane-Kloster Riechenberg, dem neuen Ort der Bruderschaft, selber Kurse in Meditation und Körperarbeit an. Seit 1987 gehört sie zum „Arbeitskreis Meditation und geistliches Leben der evangelischen Landeskirche von Westfalen“.

1990 hatte sie Gelegenheit, im Kloster Kirchberg bei der Michaelsbruderschaft an der ersten dreijährigen Schulung zur „Leiterin geistlicher Übungstage und Meditation“ teilzunehmen, die unter der Beratung von F.- X. Jans-Scheidegger durchgeführt wurde. Eine Schulung in Kontemplation, Zen und Körperarbeit. Zu ihren Lehrern gehörten F.-X. Jans-Scheidegger, Franz Jalics mit den Kontemplativen Exerzitien und dem Herzensgebet. Zen-Kurse bei Silvia Ostertag und Paul Shepherd bereicherten ihren Weg genauso wie Traumarbeit und der Umgang mit inneren Bildern. Manchmal war es ein Spagat, dieses Eingespanntsein mit den Kindern und ihren weiteren Anliegen. So hatte sie, wen wundert es, eben auch persönliche Krisen durchzustehen. Zentrierung gelang ihr besonders im mantrischen Gebet. 1992 war ihre Ausbildung abgeschlossen. Im Anschluss gab sie Kurse zu entsprechenden Themen. 1993 wurde sie Co-Leiterin in der evangelischen Akademie Iserlohn, wo Menschen in spirituelle Themen, gegenstandslose Meditation und Körperarbeit eingeführt wurden. 1999 folgte das 3-jährige Aufbaustudium „Theologie der Spiritualität“ in Münster und die Auseinandersetzung mit christlichen und außer-christlichen Mystikern.

Sie erfuhr von der Tradition der „Jungfräulichen Geburt“ und von der „Geschichte vom verlorenen Sohn“ auch in anderen Religionen und empfand dabei große Achtung für die tiefen Erfahrungen in mystischen Traditionen wie der alten hinduistischen Mystik und der Sufi-Mystik. Beeindruckend erlebte sie den Tanz der Derwische in einer alten Karawanserei in der Nähe von Konya in der Türkei. Es wurde dazu auf alten Hirteninstrumenten gespielt. Im Urlaub liebte sie es, alte Kirchen aufzusuchen, am liebsten, wenn wenig Menschen darin sind. Dann spürte sie dort die Atmosphäre einer Dichte, einer Gegenwart, die sie nicht näher bezeichnen kann, die sie jedoch zutiefst aufnimmt und erfüllt.

In der Eutonie oder der Atemarbeit, im Yoga oder auch beim meditativen Tanz konnte sie spüren, was aufkam, erlebte das als nährend und zentrierend. Sie liebte dieses Wahrnehmen, den Atem, den „Wurzelgrund“ in sich zu erfahren und konnte ihre „Erdhaftigkeit“ immer mehr annehmen. Der Atem führte sie durch mühsame innere Prozesse manchmal auch in unendliche Klarheit und Weite.

Sie besuchte Kurse von Sebastian Painadath, einem indischen Jesuiten. Er verbindet alte indische Spiritualität mit christlicher Tradition. So wurden die Grenzen zwischen West und Ost für sie immer durchlässiger und sie spürte, wie in den alten Weisheitsschriften der Upanishaden das ausgedrückt wurde, was sie schon oft erfahren hatte: Die göttliche Gegenwart findet sich im eigenen Inneren als auch in der gesamten Schöpfung.

In den Upanishaden heißt es:

„Jenseits ist Fülle, diesseits ist Fülle. Aus Fülle kommt Fülle hervor. Nimmt man die Fülle aus der Fülle, so bleibt nichts als Fülle!“

Es ist ein Eintauchen in die Fülle des Lebens im Moment der Gegenwart.

Schließlich fand sie zu Willigis Jäger und wurde seine Schülerin. Das erlebte sie als einen weiteren Schritt zu einem neuen Gottesverständnis. Sie hatte den Urgrund schon oft erfahren, die nicht-personale Gegenwart des Göttlichen. Nun vereinfachte sich ihre Übung und wurde zum aufmerksamen reinen Verweilen in der Gegenwart, in der die Präsenz des Göttlichen immer wieder wahrnehmbar ist.

Willigis beauftragte sie, Kontemplation zu lehren, was Elke gern weiterhin tut.

Sie ist ganz offenbar ein Mensch der Sehnsucht nach der Tiefendimension des Lebens, nach der Ewigkeit im Jetzt.

Zunächst erlebte sie einen Bruch zwischen ihrem Bild von Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist, und ihrer tatsächlichen Erfahrung des Göttlichen. Letztlich löste sich das traditionelle Bild der drei Personen Gottes auf. Alles wurde Geist-Gegenwart.

Eben das meint Meister Eckhart wohl, wenn er sagt:

„Darum bitte ich Gott, dass er mich Gottes quitt mache…“

Gott ist nicht nur „oben“, im „Himmel“, sondern auch unten, im Grund und als Grund zu erahnen sowie als innersten Kern von allem, was da ist.

Heute erfahre sie Gott in dreierlei Weisen: als Du, als Ich Bin Da und als reine Geistesgegenwart.

  • Gott als All-Gegenwart, in allem, auch in mir, als Lebensstrom, als Energie, die sich ausdrückt in jedem Menschen und jeder Form.
  •  Gott, der erfahrbar ist als Alles und Nichts, als Dynamik und Stille.
  •  Gott als Grund und als Ziel des Seins.

Manchmal erlebt sie die Grenzen aufgehoben … dann ist keine Trennung mehr da, ist Einheit. Manchmal, nicht dauerhaft, manchmal sei Trockenheit und Wüste.

Kontemplation ist Elkes Lebensgrundlage. Die Erfahrung Gottes in ihrer Seele, als Mitte ihres Seins, erfahrbar in der Stille der Kontemplation, auch in der Natur und der Musik, in der Lebendigkeit ihrer drei kleinen Enkelkinder, in der Liebe ihres Mannes.. Dann erlebt sie alles mit allem im Einklang.

Alles Leben ist Ausdruck des Göttlichen, ist Einheit.

Elke ist erfüllt von einem großen Dank für ihr Leben.

Für ihre große Offenheit möchte ich mich herzlich bedanken. 

Heidi Schoppenhorst,
Sonnenstraße 18, 97292 Holzkirchen. Kontemplationslehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens Willigis Jäger“ und des WFdK; Kurstätigkeit am Benediktushof: integrale Medizin, Lehrerin für Liturgie des Tanzes, Meditation des Tanzes und Sakraler Tanz; Fachärztin Psychosomatische Medizin, Palliativmedizin.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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