Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Doris Zölls: "Ich bin ein Knoten im Netz.
Die kleinste Bewegung in mir bewegt das ganze Netz."

Vorstellung einer langjährigen Lehrerin

Autorin: Elisabeth Müller

Doris Zölls ist in der spirituellen Leitung des Benediktushof und damit der WSdK wohlvertraut – manchen auch aus der persönlichen Begleitung. Wir möchten sie hier mit ihrem Werdegang und mit ihrer aktuellen Arbeit vorstellen und aufzeigen, wie und wo die Verbindungslinien zwischen Zen und Kontemplation, zwischen Benediktushof und WSdK verlaufen. EMü

KuM: Doris, seit 2003 bist du spirituelle Leiterin des Benediktushofes. Im August dieses Jahres hat dich P. Willigis als Dharma-Nachfolgerin ernannt. Versteht sich dieses Amt, das du mit Alexander Poraj teilst, als klassische "Machtweitergabe" oder definiert es sich in einem spirituellen Zentrum mit einem vielseitigen Kursangebot anders und neu? Wie kann die spirituelle Leitung bei Teilnehmern erfüllt werden, die nicht dem Zen-Weg folgen, sondern z. B. dem Weg des Yoga, der transpersonalen Prozessarbeit, der integralen Spiritualität?

D.Z.: Die Dharma-Nachfolge hat erst einmal nichts mit der spirituellen Leitung des Benediktushofes zu tun. Sie ist kein Amt und hat auch nichts mit einer Machtweitergabe zu tun, sondern sie bestätigt das Zen-Verständnis und setzt einen in die Verantwortung, den Dharma zu lehren und weiterzugeben. Die Aufgabe als spirituelle Leitung des Benediktushofes als Seminar- und Tagungszentrum sehe ich darin, dem Auftrag des Hauses, unterschiedliche spirituelle Wege anzubieten, gerecht zu werden. Es ist für mich als Zen-Meisterin überhaupt keine Frage, andere spirituelle Wege zu respektieren und ihnen den Raum und den Rahmen zu ermöglichen, in ihrer Weise zu lehren.

KuM: Du hast ein Studium als evangelische Theologin absolviert, das würde nahelegen, dass du auf dem Benediktushof auch die christliche Mystik vertrittst, ist das so?

D.Z.: Ich sehe mich als Pfarrerin wie auch als Zen-Meisterin kompetent und fähig, christliche Mystik zu verstehen und weiterzugeben.

KuM: Spannend ist dein Werdegang, der dich von einem christlichen Beruf ins Zen führte, wo du jetzt als Meisterin eine chinesische Linie vertrittst. Kannst du an einem Ereignis oder Erlebnis festmachen, wann sich dieser Wandel in deinem spirituellen Leben vollzogen hat?

D.Z.: Als ich das erste Sesshin im Haus Benedikt besuchte, hatte ich überhaupt keine Ahnung weder von Zen noch von Kontemplation, ich wollte einfach nur zur Ruhe kommen. Während dieser Tage hatte ich eine tiefe Erfahrung und Willigis sagte: "Ab jetzt machst du Koans." Ich sah darin überhaupt keine Entscheidung gegen meine christlichen Wurzeln oder gegen Kontemplation, sondern erlebte die Koan-Arbeit als Schulung, meine Erfahrungen zu verstehen, zu intensivieren und sie zu integrieren. Die Trennung von Kontemplation oder Zen gab es für mich nicht, denn Willigis integrierte beides in seiner Person.

KuM: Trotzdem vertrittst du jetzt eindeutig das Zen, als den Weg, den du klassisch lehrst und begleitest. Könntest du dir auch vorstellen, beides anzubieten, Zen und Kontemplation, wie Willigis Jäger sie lebt, denn das wäre ja mit deinem Hintergrund möglich?

D.Z.: Zen kommt von Chan und das wiederum von Dyana und heißt Versenkung. So wie Willigis Kontemplation lehrte, – so, wie ich es verstanden habe – ist sie dem Zazen gleich. Zazen ist für mich ein Übungsweg, die wahre Natur allen Seins zu erfahren. Wenn ich Kontemplation anbieten sollte, wüsste ich nicht, was ich anderes lehren sollte als in einem Zen-Kurs. Ich nehme auch in einem Sesshin christliche Texte als Grundlage eines Vortrags. Ich lege sie auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen aus, die sich mir durch das Sitzen in der Stille eröffneten. Wenn ich ein Sesshin (übrigens heißt Sesshin, den Herzgeist sammeln), z. B. in der Karwoche, halten würde, könnte ich mir vorstellen, auch die Passionsgeschichte als Grundlage für meine Vorträge zu nehmen.

KuM: Vor einem Jahr hat Willigis Jäger seine eigene Zen-Linie gegründet, die auch vom chinesischen Chan bestätigt wurde. Was bedeutet das für dich und die Zen-Lehre am Benediktushof?

D.Z.: Ich bin in der Sanbô Kyôdan Schule sozusagen groß geworden. Willigis schulte mich in den Koans so, wie er es in der Sanbô Kyôdan Schule erfahren hat. Diese Schulung kann man nicht einfach abstreifen und sagen, da habe ich nichts mehr mit zu tun. Nachdem Willigis seine eigene Linie "Leere Wolke" gegründet hat, folgte ich Willigis in seine Linie. Es ist richtig, Willigis wurde im letzten Jahr von dem chinesischen Chan-Großmeister Jing Hui nochmals in seinem Zen-Verständnis als Zen-Meister bestätigt. Durch den Kontakt mit der chinesischen Linie bekommen wir neue Impulse. Wir lernen Zen aus einem anderen Blickwinkel kennen. Das ist sehr bereichernd. Wir stehen noch am Anfang und ich bin sehr gespannt, wie es uns inspirieren wird. Es wird ein wichtiger Prozess sein, aus diesen beiden Richtungen heraus das eigene Profil zu entwickeln.

KuM: Das heißt, es entsteht etwas Drittes?

D.Z.: Nein. Chan in China ist geprägt von seiner Geschichte und Tradition. Japan, das ja das Chan von China übernommen hat, hat ebenso seine Kultur in das Zen einfließen lassen und wir im Westen werden Zen mit unserer Kultur verbinden. Zen bleibt dabei immer Zen, d. h., es geht immer darum, das wahre Wesen allen Seins zutiefst zu erfahren und zu verwirklichen. Das ist und bleibt die Grundlage jeglicher Übung. Je mehr wir jedoch die Wurzeln des Zen/Chan verstehen lernen, umso klarer werden wir kulturelle Prägungen erkennen, somit die Essenz verstehen und im Westen lehren können.

Doris Zölls

KuM: Du warst 13 Jahre Religions-lehrerin an der Waldorfschule, d.h., dein Anliegen war es, Kinder und junge Menschen in unserer religiösen Tradition zu unterrich-ten. Ist die herkömmliche religiöse Erziehung überhaupt noch zeit-gemäß und notwendig?

D.Z.: Ich finde die religiöse Erziehung durchaus zeitgemäß und sehr wichtig. Nur hat mich eine andere Aufgabe gerufen. Religiosität gehört für mich zum Menschsein dazu. So ist es für mich auch heute noch ein großes Anliegen, der Frage nachzugehen: Wie können wir Kinder und Jugendliche in ihrer spirituellen und religiösen Entwicklung und Entfaltung begleiten?

KuM: Was würdest du aus der heutigen Sicht der Zen-Meisterin deinen ehemaligen Religions-schülern als wichtigste Botschaft für ihr Leben mitgeben?

D.Z.: Gerne würde ich sie lehren, dass sie ihren Geist beobachten können, d. h. große Wachheit und Bewusstheit. Zudem würde ich ihnen ein Unvoreingenommensein gegenüber der Welt vermitteln wollen, so dass sie wieder in das Staunen über die Schöpfung kämen, allen Wesen Interesse und Ehrfurcht entgegenbringen könnten sowie Freude und Dankbarkeit erleben.

KuM: Willigis Jäger hat erzählt, dass sich nur 20% der Kursteilnehmer am Benediktushof für die Angebote der Kontemplation interessieren. Zen hat demgegenüber Hochkonjunktur, auch bei Menschen aus dem kirchlichem Kontext. Ist die Kontemplation ein Auslaufmodell?

D.Z.: Ich glaube, Zen als Meditationsweg hat ein klares Profil, das mich zu mir selbst führt. Ich kann den Zen-Weg einschlagen, ohne mich in irgendeine Richtung hin religiös ausrichten zu müssen. Dies entspricht heute vielen Menschen, die nicht mehr religiös gebunden sind und es auch nicht sein wollen. Kontemplation stellt sich als eindeutig christlicher Weg vor und ich bin mir nicht sicher, ob nicht Menschen, die diesen Weg gehen wollen, sich dann nicht doch lieber innerhalb der Kirche orientieren.

KuM: Ist es dann so, dass wir auf die Kontemplation im Grunde verzichten können, wenn sie eines Tages als "Einstieg" in den Zen-Weg nicht mehr gefragt ist?

D.Z.: Wenn Kontemplation erfahren wird als reines Gewahrsein, ist sie nichts anderes als Zazen. Sollten wir nicht lieber auf die Übung schauen, als uns an den Worten verbeißen?

KuM: Was bedeutet es, auf dem Benediktushof zu leben? Ist eine Trennung von Berufs- und Privatleben überhaupt möglich? Gibt es Zeiten und Plätze, in denen Doris Zölls aus ihrer Rolle aussteigen kann?

D.Z.: Wir leben immer in Rollen. Ich habe viele Rollen, einmal bin ich Ehefrau, dann Mutter, dann Lehrerin, dann Pfarrerin, dann Seelsorgerin, dann spirituelle Leiterin, Freundin oder ich bin auch mit mir allein. In jedem Augenblick werde ich neu gefordert, das zu leben, was sich gerade entfalten möchte. Schwierig wird es nur, wenn ich an einer Rolle haften bleibe, sie sein möchte, obwohl der Augenblick es nicht ermöglicht.

KuM: Der Buddhismus ist sicherlich hierarchischer und patriarchaler organisiert als die evangelische Kirche, wo inzwischen Pastorinnen keine Seltenheit mehr sind, im Leitungsteam der neuen Zen-Linie "Leere Wolke" tauchst du dagegen als einzige Frau auf. Wie geht es einer Frau in einer angestammt männlichen Rolle?

D.Z.: Mein Leben ist anscheinend durchzogen von dieser Thematik. Zwar wuchs ich in einem "Frauenhaushalt" auf, ich hatte nur Schwestern. Da mein Vater jedoch schwerbeschädigt und viel krank war, übernahmen wir Frauen alle Aufgaben, die anfielen. Es gab daher keine männlichen Aufgaben, die wir nicht auch bewältigen mussten. Ich besuchte ein Jungengymnasium, wo wir nur fünf Mädchen gegenüber dreißig Jungen waren. Dann studierte ich Theologie zu einer Zeit, als Frauen noch in der Minderheit waren. Danach kam ich in Gemeinden, wo sie an Frauen noch nie gedacht hatten und ich im Pfarrkapitel über lange Zeit die einzige Frau war. In meiner Schultätigkeit war es zum ersten Mal anders. Ich war auf einmal in einem Arbeitsfeld mit mehr Frauen, doch zu Hause überwogen jetzt die Männer mit den beiden Söhnen und meinem Mann. Während dieser Zeit praktizierte ich bereits Zen und auch damals waren mehr Männer als Frauen in den Kursen. Jetzt im Leitungsteam des Benediktushofes und der Zen-Linie bin ich wieder die einzige Frau. Du siehst, es ist wohl mein Lebensthema und doch habe ich es nie dazu gemacht. Es war für mich einerseits selbstverständlich, vermutlich durch meine Mutter, die ja wegen ihres behinderten Mannes immer auch sogenannte Männeraufgaben übernahm, gab es für mich keine klassische Rollenverteilung. Jeder machte einfach die Arbeit, die anstand, ob weiblich oder männlich, das stand nie zur Debatte. Für mich gab es eigentlich nie männliche versus weibliche Gefilde. Vielleicht wollte sich in meinem Leben schon einfach nur "der Mensch" ausdrücken.

KuM: Ins Sein vordringen bedeutet, dass alle Urteile und Trennungen von uns abfallen, bis dahin geht es in der spirituellen Begleitung jedoch um handfeste, oft konflikthafte Lebensfragen. Gibt es eine männliche und eine weibliche "Seelenführung"?

D.Z.: Wenn ich Menschen im Dokusan begleite, dann habe ich kein Konzept, wie oder was ich jetzt sage oder tue. Der Augenblick gebiert sich sozusagen, ich versuche, "es" sprechen zu lassen, "es" geschehen zu lassen. Und wenn es um die Entfaltung des ureigensten Wesens geht, ist dies frei von jeglicher Geschlechterrolle. Vielleicht könnte man von außen feststellen, dass ich mit Männern anders spreche als mit Frauen, das weiß ich nicht, denn das geschieht dann aus dem Augenblick heraus und ist von mir nicht gemacht.

KuM: Der Fortbestand der WSdK stand im letzten Jahr zur Diskussion, jetzt hat man sich darauf geeinigt, dass die Kontemplation durch bestimmte WSdK-Lehrer am Benediktushof vertreten wird, während die WSdK in ihrer bisherigen Art bestehen bleibt. Welchen Wert hat die WSdK für dich und welche Bedeutung spielt sie bei der Erfüllung des Auftrags vom Benediktushof?

D.Z.: Mit der Neustrukturierung wird für mich die WSdK zu einer Art "Dachverband", wo sich unterschiedliche Richtungen von Kontemplationsschulen treffen, austauschen, sich gegenseitig inspirieren und auch unterstützen können. War sie vorher eine Schule mehr oder weniger unter Willigis, so kann sie sich jetzt als Zusammenschluss von Schulen verstehen mit unterschiedlichen Lehrern. Ich kann mir vorstellen, dass diese Entwicklung zwar jetzt von Willigis forciert wurde, doch auch schon in der WSdK angelegt war, nachdem sich in ihr bereits mehrere Richtungen entwickelt haben, die eigene Lehrer in ihrer besonderen Weise ausbilden.

KuM: Deine Tochter ist sehr engagiert in einem Schulprojekt in Nepal. Genügt es, sich auf sein Kissen zu setzen, weil durch die innere Arbeit und die eigene Öffnung ja immer etwas für das Ganze geschieht, oder ist dies erst die Vorbereitung auf das Ende des Weges im Alltag, sprich in sozialen Projekten?

D.Z.: Eine tiefe Erfahrung, die im Zen gemacht wird, ist das Einssein mit allem. Nichts gibt es, was ich nicht bin. Dies zu erfahren, dass alles, was ich denke, fühle oder tue, nicht nur mich betrifft, sondern die ganze Welt bewegt, lässt mich immer wieder erzittern, denn es setzt mich in eine ungeheuere Verantwortung. Das Bild des Indra-Netzes macht dies deutlich. Ich bin ein Knoten in dem Netz, die kleinste Bewegung in mir bewegt das ganze Netz. Das bedeutet für mich, an welcher Stelle ich auch bin oder arbeite, es betrifft immer die ganze Welt. Sich dessen bewusst zu sein heißt, in jedem Augenblick sozial zu handeln.

KuM: Vielen Dank für das Gespräch.

Elisabeth Müller,
aufgewachsen als Pfarrerstochter in Mexiko-City. Lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Frankfurt; ein weiterer Sohn ist epilepsiekrank. Literaturübersetzerin und Lektorin für Spanisch und Französisch und Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin des WFdK, Ausbildung in transpersonaler Prozessarbeit "Schritte ins Sein" bei Richard Stiegler. Gibt Kontemplationskurse und begleitet Einzelne auf dem inneren Weg.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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