Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Lehrerinnen und Lehrer im WFdK

 

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portraitiert von

Elisabeth Müller

Anne Weller: "Aufgehoben sein in einem Meer unendlicher Ruhe"

Vorstellung einer langjährigen Lehrerin

Autorin: Elisabeth Müller

Zum zweiten Mal gewährt uns in dieser Rubrik – diesmal eine Lehrerin unserer Schule – Einblicke in ihr Wachsen und Werden. Unser Redaktionsmitglied Elisabeth Müller führte die Gespräche und erzählt, bei manchen Begegnungen dränge sich ihr das Bild eines Sandkorns auf, das eingeschlossen im Universum seiner Muschel, zur Perle reifen durfte. (E.M.)

"Ich frage mich, ob wir diese antreibende Kraft in uns, die uns auf einen Suchweg schickt, nicht mitbringen. Vielleicht wäre ich auch ohne meine schwierige Kindheit und Jugend einen ähnlichen Weg gegangen", gibt Anne Weller zu bedenken, als sie nach einem Impuls gefragt wird, nach auslösenden Umständen für den Aufbruch nach innen.

Dann kommt sie auf einige prägende Grunderfahrungen in ihrem Leben zu sprechen. Geboren wurde sie 1940 in Neusalz an der Oder, in Schlesien, von wo ihre Mutter mit drei kleinen Töchtern im Januar 1945 unter schwierigen Bedingungen nach Berlin flüchtete. Dort erlebte sie die letzten fünf Kriegsmonate mit ihrer Familie und überlebte. Aber die Ängste und die Panik in den überfüllten Luftschutzkellern, wenn die Fliegergeschwader anrückten und die Russen auf der Suche nach Frauen in die Keller eindrangen, die Trümmerberge, der Hunger, all dies seien Erfahrungen gewesen, die sich eingebrannt haben. Hinzu kam eine genetisch bedingte Lichtkrankheit mit einer hohen Lichtempfindlichkeit, die Anne Weller diese feine, perlmutterne Ausstrahlung verleiht. Durch diese Disposition wurde ihr als Kind im Sommer auch das Normalste, wie der Schulweg, zur Qual, und sie konnte beim Spielen im Freien oft nicht mitmachen. Um dabei zu sein, hockte sie dann in einer schattigen Brunnentonne, wenn sie nicht im kühlen Keller saß, wo ihre Ausflüge nach draußen die Bücher wurden, Geschichten, die sie las und dann auch schrieb, ganze Romane seien das gewesen, erzählt sie. Das Ganze eine prägende Erfahrung der Verunsicherung und des Ungeschütztseins. Zuhause erfuhr sie zudem wenig Unterstützung, da die Beziehung zu den Eltern schwierig und distanziert war, überschattet vom Kriegsgeschehen, was bei ihr das Gefühl noch verstärkte, dass die Welt kein sicherer Ort für sie sei.

Anne Weller

Später, nach dem Abitur, studierte Anne Weller, nach einem Abstecher in den gehobenen Dienst der Justiz, Englisch und Geschichte in Köln, Cambridge und Wien. Hätte sie frei wählen können, wäre sie Ärztin geworden oder hätte sich der Theologie zugewandt, nachdem sie als Kind Halt fand in Glauben und Gebet – Schule und Kindergottesdienst haben ihr den vermittelt, nicht das Elternhaus. Sie setzte sich früh mit Sinnfragen auseinander und engagierte sich dann bei der Ev. Studentengemeinde. Dort wurde die gemeinsame Lektüre der Bücher von Dietrich Bonhoeffer und Paul Tillich für sie wegweisend und sie vertiefte mit anderen Studenten theologische und psychologische Fragen. Beim Stöbern nach Lektüre entdeckte sie damals in einer Buchhandlung "Erinnerungen, Träume und Gedanken" von C. G. Jung, ein Buch, das wie ein Kompass den Wunsch in ihr geweckt habe, irgendwann ans C. G. Jung-Institut nach Zürich zu gehen.

28 Jahre lang hat Anne als Lehrerin an Realschule und Gymnasium und die längste Zeit an der Fachoberschule – in Nürnberg, in München und in Augsburg – unterrichtet. Diese Facette ihres Lebenslaufs überrascht und es taucht die Frage auf, ob es ihr mit ihrer einfühlsamen, eher zurückhaltenden Art schwer gefallen sei, durchzugreifen und autoritär zu sein. Sie erzählt, dass sie zum einen an evangelischen Mädchenschulen unterrichtet habe und zum zweiten der Generation angehöre, die damals in den Schulen die hergebrachten autoritären Strukturen hinterfragte, dadurch sei sie bei den Schülerinnen sehr beliebt gewesen. Als sie 1967 zu unterrichten begann, geriet sie mitten hinein in eine wunderbare Aufbruchsstimmung unter den jungen Lehrern. "Wir waren beflügelt vom Glauben an die Veränderung des Menschen und der Gesellschaft durch Erziehung, durch eine freie und befreiende Pädagogik. Ich war dabei und habe gern unterrichtet." Dieser Aufschwung sei zeitbedingt gewesen, fährt sie fort, er verlor sich wieder, um ganz anderen Konzepten zu weichen. An der Fachoberschule (1974–87) habe sie in der Nach-68er-Zeit durchaus auch sehr schwierige Phasen mitgemacht.

Durch eine Zusatzausbildung konnte sie sich ihrem eigentlichen Berufswunsch nähern und evangelischen Religionsunterricht erteilen. "Das war mein Lieblingsfach. Später, als ich die Meditation kennen gelernt hatte, habe ich angefangen, mit den Kindern und Jugendlichen zu meditieren, ganz vorsichtig, mit kurzen Stille-Übungen und kurzen Visualisierungen, wobei die Mädchen sehr mitgingen." Das war der Anstoß für eine Ausbildung zur Meditationslehrerin für Kinder und Jugendliche bei Willi Massa in der Neumühle.

In den 70er Jahren stieß sie auf die Bücher von Graf Dürckheim, die sie ins Meditations- und Therapiezentrum nach Exist Rütte im Schwarzwald führten, damals noch von ihm und Maria Hippius geleitet. Einige Jahre war sie in fast allen Ferien dort. Es folgten drei Aufenthalte in Findhorn, Schottland, mit wichtigen spirituellen Erfahrungen in einer großen internationalen Gemeinschaft. Doch es gab dort auch Leidvolles, als sie in einem Workshop zum Thema "compassion" - Mitgefühl - mit ihrem tief sitzenden Schamgefühl, Deutsche zu sein, konfrontiert wurde, denn von Ausschwitz und Buchenwald betroffene Familienangehörige warfen die Frage auf, ob spirituelle Tugenden wie Mitgefühl auch für Deutsche gälten. Anne Weller lernte auch andere Transformationswege kennen, darunter Vipassana und Übungswege aus der Transpersonalen Psychotherapie, und hat sich viel mit Buddhismus und Sufismus befasst. "Das alles waren turbulente Zeiten der Suche und neben Schule, persönlichen Erfahrungen und Erfahrungen in therapeutischen Gruppen (Bioenergetik, Gestalt, usw.) nicht immer leicht zu verkraften", sagt sie rückblickend.

In den 80er Jahren führte ihr Weg dann ins Haus Sankt Benedikt, zu P. Willigis Jäger. Fortan war und blieb die Kontemplation ein sehr wichtiges, tragendes Element in ihrem Leben. "In Kontemplationskursen, auf dem Sitzkissen, unter Anleitung von Willigis habe ich dann immer wieder die Erfahrung gemacht, endlich zu Hause zu sein, aufgehoben in einem viel größeren Sein, in einem Meer unendlicher Ruhe." Dort leitete sie dann einige Jahre mit Manfred Krug, der auch von Willi Massa zum Meditationslehrer für Kinder und Jugendliche ausgebildet war, Kurse für Erwachsene, die mit Kindern meditieren wollten. Zu dem Einwand, dass das Meditieren mit Kindern vielfach kritisch gesehen werde, da ein Kind erst Grenzen brauche und sich in die Form hinein entwickeln müsse, bevor es diese durch Übungen wieder loslasse, erklärt Anne, darum sei es nicht gegangen, vielmehr um Stille-Übungen und kurze Visualisierungen, die mit Kindern durchaus Sinn machten, damit sie ihre innere Welt kennen lernen, anreichern.

Mitte der 90er Jahre wurde sie in die Würzburger Schule der Kontemplation aufgenommen und schließlich als Lehrerin beauftragt. Das regte sie an, sich noch mehr mit der Mystik, vor allem mit den Frauen und Männern der Mystik zu beschäftigen. Sie hielt Vorträge über Mystikerinnen und verfasste vor einigen Jahren für unsere Zeitschrift (KuM 2/2000) einen sehr lohnenden Artikel "Über die Wüstenmütter". Von September 2004 bis Januar 2007 war sie dann im Vorstand der WSdK, die ihr sehr wichtig ist. Sie empfinde es als hilfreich und tragend, in einer Weggemeinschaft zu gehen, und freue sich zweimal im Jahr Menschen wiederzusehen, die sie schon lange, teils sehr lange, kennt. Die gemeinsame Ausrichtung auf kontemplative Themen, findet sie, verbindet sehr. "Ich wünsche mir für uns, für die WSdK, dass wir im lebendigen Kontakt und Austausch bleiben, uns immer wieder neue Fragen stellen und neu orientieren."

Mitte der 90er Jahre fügte es sich auch, dass Anne eine lang gehegte Sehnsucht verwirklichen konnte und ein Studium am C. G. Jung-Institut in Zürich begann. Ob sie nach der spirituellen Erfahrung, zu Hause angekommen zu sein, diese Ausbildung anstrebte, um weiter persönliche Themen aufzuarbeiten, oder weil sie eine vertiefende Methode suchte, um Menschen sowohl spirituell als auch psychologisch zu begleiten, dazu sagt sie: "Beides. Die Psychologie C. G. Jungs hat mich gefesselt, weil sie weit über das Ich- Bewusstsein hinausgeht und den unendlichen, zeitlosen Raum des Unbewussten mit einbezieht. Ich wollte einfach mehr darüber wissen, denn es geht bei Jung ja immer um die Anbindung des Ich an das Selbst, an das größere Sein."

Da sie von der Grundausbildung weder Ärztin noch Psychologin ist, wusste sie, dass sie in Deutschland nicht therapeutisch arbeiten konnte. Aus diesem Grund entschloss sie sich, nach drei Jahren Studium und Lehranalyse mit dem Zertifikat abzuschließen, und gründete mit anderen Jungianern vor einigen Jahren in München eine C. G. Jung-Gesellschaft. Dort hält sie Seminare über Märchen, Mythen und andere archetypische Themen, wie übrigens auch an anderen Orten, z. B. auf dem Evangelischen Frauentag im Münchner Stadtteil Neuperlach, der jährlich stattfindet.

Es fällt auf, dass Anne Frauenthemen ein besonderes Anliegen sind, so liegt ihr u. a. viel am Projekt "Spurwechsel" vom Verein für Fraueninteressen in München. Mit vier weiteren Referentinnen arbeitet sie seit mehreren Jahren in diesem Projekt zur Neuorientierung von Frauen in der dritten Lebensphase. Sie hält die Kurse für sehr notwendig und sinnvoll, da in diesem Alter viele äußere und innere Veränderungen geschehen und Frauen eine gemeinsame Orientierung als unterstützend erleben. Dort könne sie viel von dem einbringen, was ihr auf ihrem Weg zugewachsen sei, nicht indem sie gezielt religiöse oder spirituelle Themen anbietet, sondern durch ihr So-sein, indem sie Impulse gibt und durchaus auch auf die Notwendigkeit hinweist, sich auf das Unendliche zu beziehen.

Anne Weller lebt seit 34 Jahren in München und fühlt sich immer noch "sehr auf dem Weg", gespannt sei sie, wo der sie noch hinführen werde. Bei der Frage, was sie noch verwirklichen wolle, überlegt sie, eine eigene Sitzgruppe vielleicht oder endlich wieder schreiben, was ihr in Kindheit und Jugend so wichtig gewesen sei, vielleicht auch tanzen, und es scheint, als wäre sie ihrem Stern schon ein gutes Stück Weges gefolgt, so dass nicht allzu viel Unerfülltes offen bleibt. Ihr Verwirklichungswunsch geht mehr nach innen:"Ich möchte mich immer mehr öffnen können für das, was ist, für das Kleine und das Große, für die Freude und den Schmerz, es wahrnehmen und annehmen, so, wie es ist. Ich möchte mehr auf meine Träume achten und auf die leise, innere Stimme hören. Ich möchte mich anderen noch mehr öffnen und anteilnehmender werden. Und ich möchte mich noch mehr für das viel Größere in mir oder über mir öffnen, das sich durch mich zeigen will, hier, wo ich bin."

Ein Gedicht aus dunklen Zeiten
als lyrischer Abschluss

Wie der Schatten,
Dort, am Ende der Wand,
Dort, am Ende der Wand,
Dort, wo das Licht nicht ist.

Aber wo bist du, mein Engel,
Du, der mich weiß,
Du, der mich meint?

Bote der Liebe,
Durchdringe doch du mein erstarrtes Herz,
Darin die Juwelen von Trauer
Hängen
Zu dicht für die Tränen,
Zu dicht für den Tanz des Lichts.

Mit deiner Leier
Durchdringe den Schacht und den Stein,
Dass darin zittern
Die Töne der Liebe.

Anne Weller, 1981

Elisabeth Müller,
aufgewachsen als Pfarrerstochter in Mexiko-City. Lebt mit Mann und Sohn in der Nähe von Frankfurt; ein weiterer Sohn ist epilepsiekrank. Literaturübersetzerin und Lektorin für Spanisch und Französisch und Schülerin von Willigis Jäger. Kontemplationslehrerin des WFdK, Ausbildung in transpersonaler Prozessarbeit "Schritte ins Sein" bei Richard Stiegler. Gibt Kontemplationskurse und begleitet Einzelne auf dem inneren Weg.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

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