Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Kontemplation, was ist das?

 

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Norbert Freier

Norbert Freier

Kontemplation, das Gebet des Schweigens
Der Weg in die Stille

Im Herzen jedes Menschen lebt eine unaussprechliche Sehnsucht nach Geborgenheit. Eine Sehnsucht nach dem Unbekannten und Unbegreiflichen, das durch den Lärm und die Unruhe der Welt hindurch in die Seele strahlt, auch wenn wir es nur vage wahrnehmen. Die Seele sucht die Stille, das Aufgehoben sein in der verlorenen Heimat, aus der wir kommen und in die wir eines Tages wieder zurückkehren werden.

Es ist die Suche nach Gott. Jeder Weg, der das Heilige in uns berührt, führt in die Stille. Stille ist nicht nur Ruhe vor den Sinneswahrnehmungen und Gedanken, vor den Gefühlen und Emotionen, sie ist eine kosmische Dimension, die das Aufgehen des ganzen Menschen in der Raum- und Zeitlosigkeit der absoluten Gegenwart bedeutet.

Der Weg führt nach innen. Es ist der Weg zu uns selbst, weg von der Unruhe und Äußerlichkeit unserer Tage. Die Stille ist in uns, sie erfüllt die Tiefe unserer Seele wie auch die Tiefen des Alls. Sie ist die Mitte und die Quelle des Lebens. Die Stille ist das Medium der göttlichen Gegenwart.

Unsere Aufgabe ist es, den Weg dorthin zu suchen.

Die Ganzheit des Menschen und seine Aufgabe

Das Leben kann nur gelingen, wenn wir das Gleichgewicht unseres inneren und äußeren Wesens anstreben. Der Mensch ist ein Ganzes, er hat nicht Leib und Seele und Geist, er ist Leib und Seele und Geist. Er ist eingebunden in die kosmische Einheit, er ist nicht Teil der Schöpfung, er ist die Schöpfung.

Was wir erfahren als innerlich und äußerlich, ist nur Ausdruck unserer begrenzten Erkenntnisfähigkeit. Der Mensch hat diese beiden Wege der Erkenntnis, den des Intellekts und den der Intuition oder, mit anderen Worten, des Verstandes und des Herzens.

Unsere wissenschaftsgläubige Zeit hat daraus die Alternative Wissen oder Glauben gemacht, mit fatalen Folgen für die innere Harmonie der Menschen. Wissen und Glauben sind keine Gegensätze, es sind die beiden Möglichkeiten, die sich ergänzen und die beide nötig sind, damit der Mensch ganz und heil wird und der wird, der er sein soll. Es geht nicht um das Glauben einer (aus naturwissenschaftlicher Sicht) mehr oder weniger unglaubwürdigen Sache, es geht um die Erkenntnis der inneren Wahrheit, einer Wahrheit, die absolut und unerschütterlich ist und die keine wissenschaftliche Bestätigung braucht. Glaube aus innerer Erfahrung, die man nicht aus eigener Kraft machen oder erlernen kann. Aber man kann sich bereit machen, man kann sich öffnen und warten auf den Anruf aus der Mitte des Seins.

Um diese Gewissheit zu erlangen, muss der Mensch ringen, damit er nicht in der Äußerlichkeit des Lebens untergeht. Das ist seine Aufgabe. Gott gab uns diese Fähigkeiten, dass wir sie nutzen und damit umgehen. Wer das versäumt, scheitert an der Sinnfrage des Daseins.

Das Gebet führt in die Kontemplation

Gebete sind die Wegzeichen der Sehnsucht der Seele, Beten umfasst unendlich viele Möglichkeiten menschlichen Verhaltens. Es schließt Sehnsüchte, Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche, aber auch Ängste und Zweifel ein. Was auch immer uns bewegt zu beten, wir wagen uns heraus aus den Zwängen des Alltags und öffnen uns der Hoffnung und der Erwartung, gehört zu werden. Der Geist, der uns erfasst, bewegt unsere Seele. Der Heilige Geist wirkt in uns, dem wir folgen, auch wenn wir unsicher und unschlüssig sind. Alle Bewegungen des Gemütes, die uns ängstigen oder traurig machen, die uns freudig bewegen oder in Not stürzen, suchen einen Ausweg dorthin, wo die Seele in Liebe und Geborgenheit aufgehoben ist. Nur wer in gläubigem Vertrauen diesen Weg sucht, findet ihn. Er führt in die Kontemplation. So sind denn die ersten beiden Schritte auf dem Weg nach innen, dass du die Sehnsucht in dir wahrnimmst und dass du beginnst zu beten.

Karl Rahner (1958) schreibt einmal: „Wenn wir beten, dann ist das, was wir sagen und was wir in unserem sogenannten Ich davon merken, nur das letzte Echo, aus unermesslichen Fernen kommend, des Rufens, in dem Gott sich selber ruft, des Jauchzens über die Herrlichkeit seiner Unendlichkeit, mit der der Unbedingte von Ewigkeit zu Ewigkeit in sich selbst gründet. O Mensch, erkenne die Würde deines Gebetes! Wenn du bekennst, dass du der göttlichen Natur teilhaftig geworden bist, dann bekennst du damit auch, dass dein Gebet nicht bloß das Gebet eines Menschen, des Menschen in dir ist, sondern auch des Geistes Gottes in dir. Er spricht in uns. Und wenn du das weißt, dann vernimmst du auch jetzt schon etwas wie eine süße, leise, ferne Melodie, die aus jenen Tiefen empor dringt, wo die eigentliche Seele mitsingt mit den Chören der Ewigkeit und mitspricht mit dem Wort der ewigen Liebe.“

Wenn wir uns der Heiligkeit des Augenblickes bewusst werden, in dem wir den Wunsch haben zu beten, fällt alles von uns ab, was nur nach außen gerichtet und ein Geschwätz war. Beten ist ja nicht nur das Sprechen von Worten, das Bitten für alles und jedes und der Lob und Ruhm des Namens Gottes. Unsere Arbeit und jedes Tun, und das Wort und das Schweigen vor Gott sind ein Gebet. Es kommt nur darauf an, dass wir hinein lauschen in uns selber, was da spricht in uns, damit wir den Anruf nicht überhören, der aus dem eigenen Herzen kommt, aus dem Geist, der uns erfüllt.

Romano Guardini (1929) schrieb: „Immer sollte in uns die Stille sein, die nach der Ewigkeit hin offensteht und horcht.“

Dieser Satz sagt eigentlich alles, was über Kontemplation zu sagen ist. Wir müssen uns bemühen, in die Stille unserer Innerlichkeit zu gelangen.

Dieser Weg ist ein Gebet, das Gebet des Schweigens. Wir lassen los, was uns immerzu beschäftigt, die vielen Eindrücke der Sinne, die Gedanken, das innere Fragen und Wünschen. Wir lassen alles, wie es ist und was es ist, aber wir nehmen nicht mehr daran teil. Unsere Seele strebt in eine andere Richtung, der Stille zu. Wir richten unsere wache Aufmerksamkeit auf einen gleichbleibenden Rhythmus, auf den Atem oder einen Laut. So gleiten wir in eine äußere und innere Ruhe, einen anderen Bereich unseres Bewusstseins. Es öffnet sich eine andere Wahrnehmungsfähigkeit als die des Alltags. Wir werden Horchende, Lauscher in die Ewigkeit. In der Versenkung wird die Seele frei von den äußeren Dingen, damit sie sich dehnen und weiten kann, ihrer Erfüllung entgegen.

Zusammenfassung

Die Sehnsucht der Seele nach Geborgenheit ist die Quelle der Gottsuche, die den Menschen auf den Weg in die Stille des eigenen Wesens leitet. Dem Tagesbewußtsein ist nur eine begrenzte Erkenntnisfähigkeit zu eigen, die das Leben als „innen“ und „außen“ erfahren lässt. Diese scheinbare Dualität aber bedeutet keine Alternative, sondern die notwendige Erkenntnisbreite für ein ganzheitliches Leben. Erfahrung absoluter Wahrheit geschieht nur im Schweigen, in der raum- und zeitlosen Stille absoluter Gegenwart, jenseits des Tagesbewußtsein. Das Gebet, als Ausdruck des Geistes der göttlichen Gegenwart im Menschen, ist die Brücke, die in die Kontemplation führt, jenen Zustand, der nach Guardini „nach der Ewigkeit hin offensteht und horcht“.

Literatur:
Rahner, K. (1958). Von der Not und dem Segen des Gebetes. Verlag Herder, Freiburg/Br. 1977. Guardini, R. (1929) Das Gute, das Gewissen und die Sammlung.
(Zitiert nach F. A. Brockhaus, Wiesbaden 1969.)

Norbert Freier, Dr. med. Facharzt (Innere Medizin, Lungenkrankheiten, Arbeitsmedizin) geb. 1922 in Stettin. 1940 bis 1946 Kriegsmarine, Verwundung, Studienbeginn, Gefangenschaft. 1946 bis 1949 Studium der Medizin und Philosophie, Freiburg /Br. 1949 bis 1960 Charité Berlin, Univ. Lehrauftrag. 1960 bis 1977 eigene Praxis in Berlin, 1977 bis 1991 Institutsleiter in Flensburg. Seit 1946 verheiratet, Kinder und Enkel. Seit 1985 Kontemplation bei Pater Willigis, Lehrer der WSDK.

 

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