Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Kontemplation, was ist das?

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Martin Butter

Martin Butter

Kontemplation ist weniger eine Form der Meditation, als vielmehr eine innere Haltung, eine Form des Lebens, eine Unmittelbarkeit der Wahrnehmung und der Begegnung. Kontemplation ist „vielleicht die reinste Teilhabe am Leben“ (Raimon Panikkar).

Wahrnehmen und Begegnen kann sich über drei Ebenen ereignen: Zunächst über unsere fünf Sinne (die z.T. zu verkümmern drohen), dann über die Ebene des Denkens, des Willens, der Vernunft (die wir Gefahr laufen, absolut zu setzen) und drittens über die Ebene des „reinen Herzens“, die auch das dritte Auge genannt wird (die in der westlichen Zivilisation unterentwickelt bzw. verschüttet ist). Dieses dritte, bei uns wenig entwickelte Organ zur Wahrnehmung der Wirklichkeit können wir (wieder) wirksam werden lassen. Der Weg dabei kann das „Sitzen in der Stille“ sein, welches auch das „Schauen ins nackte Sein“ genannt wird. Dieses „Schauen ins nackte Sein“ erfordert und fördert die Haltung der Ruhe, der Gelassenheit, des Nicht-Wollens, der Hingabe, und führt zu der Erfahrung des Einsseins mit der ganzen Wirklichkeit, zu der Erfahrung, dass die Wirklichkeit, christlich gesprochen, trinitarisch ist, dass sie Nicht-Zwei (Advaita) ist, dass wir vieles unterscheiden müssen, dass wir aber zugleich nichts trennen können.

Die Erfahrungen auf dem Weg der Kontemplation haben immer ihre Auswirkungen auf den All-Tag, auf das Empfinden, Denken, Verhalten und Handeln des Übenden. Die Achtsamkeit aus dem „Sitzen in der Stille“ wirkt in den Alltag hinein. Der Alltag wird zum Übungsfeld. Die alltäglichen Begegnungen – ob mit Menschen, der Natur oder den Dingen – werden zunehmend transparent auf den allen gemeinsamen Ursprung hin. Im Sich-Einlassen auf das Gegenwärtige ereignet sich die Erfahrung des Einsseins mit der ganzen Wirklichkeit. Das „Du musst“, „Du sollst“ wird abgelöst durch ein „Es ist“, ein Handeln ohne Warum, aus dem Bewusstsein der einen unterscheidbaren, aber untrennbaren Wirklichkeit. In dieser Weise wohnt der Kontemplation eine die Wirklichkeit verwandelnde, die Wirklichkeit ordnende und heilende Kraft inne. Der Weg der Kontemplation ist in aller Einfachheit ein Weg der Achtsamkeit. Die Achtsamkeit üben wir, wenn wir den Weg der Kontemplation gehen, immer wieder im und durch das Sitzen in der Stille.

Martin Butter,
geboren 1959, verheiratet, drei Töchter, Diplom-Theologe, beruflich tätig als Religionslehrer an Beruflichen Schulen, verbunden mit Raimon Panikkar, seit 1993 in Begleitung von Willigis Jäger, Lehrer der WSdK.

Martin Butter, Sonnengrube 1, 89584 Ehingen-Kirchbierlingen

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken