Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Kontemplation, was ist das?

 

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Luitgard Tusch-Kleiner

Luitgard Tusch-Kleiner

Kontemplation – Weg in die mystische Erfahrung

Das Interesse am Thema Mystik ist seit vielen Jahren lebendig und wird in den unterschiedlichsten Bereichen angewandt. Ich beschreibe und erkenne mystische Erfahrung auf dem kontemplativen Weg als das spirituelle "Innewerden" des Göttlichen im transpersonalen Bewusstseinsraum des Menschen.

Übungs- und Erfahrungsweg Kontemplation ist für mich der Übungs- und Erfahrungsweg in dieses "Templum", der einen oft langen Werdeprozess – im Sinne von Tempelreinigung und Umwandlung – einschließt. Zunächst wird alles aus den Händen fallen, was noch festhält, anhaftet und was das Egobewusstsein scheinbar zusammenhält. Es wird abfallen wie welkes Laub. So war es meine Erfahrung. Übende werden auf diesem Weg oftmals wie von einem vertrauten Heilszeichen geführt und gezogen, denn jetzt kann nichts gemacht oder/und geleistet werden, da im einzelnen nicht zu erklären ist, worin dieses besteht. Ich bezeichne es als Gnade! Dadurch wächst mit der Zeit ein Organ für das Allumfassende, Empfängliche, Geöffnete, Ehrfürchtige... Wenn Einheit erfahren wird mit dem, was jetzt ist, mit dem, was Meister Eckhart das "NUN" nennt, weitet sich auch die Achtsamkeit in Freiheit zum Ganzen hin. Potentiell wird Einheit jetzt als Einssein mit allem oft in großen Zusammenhängen auf weiten Ebenen erfahren. Unsagbar und unbeschreibbar ist die Liebesbegegnung im Transpersonalen, der Wesensmitte allen Seins.

"Beim Berühren seiner eigenen Grenzen, wenn das Bewusstsein sich öffnet, wird es gewahr, dass es etwas anderes, ein 'Jenseitiges' gibt, das sich den eigenen Grenzen entzieht, das jede Begrenzung transzendiert... Diese Erfahrung entzieht sich jedoch jedem Vergleich, sie ist unvergleichlich." (Panikkar 1998)

Erfahrung

In dieser zarten Berührung der reinen Präsenz des Göttlichen liegt das Mysterium der Weite und Grenzenlosigkeit, der Freiheit des Geistes. Geführt wurde ich wie von einem geheimen Fokus, da Menschliches sich mit Göttlichem inkarniert (unio mystica). Meine Erfahrung: Reich Gottes (Reichtum Gottes) ist in mir ohne mein Tun ausgegossen (vgl. Lukas-Evangelium 17,21).

Paulus von Tarsus spricht dies aus in der Apostelgeschichte 17,28. "In ihm leben, bewegen wir uns und sind wir." Dieses Wort hat mich vom Anfang meines spirituellen Weges an begleitet und sich als Tiefen-Erfahrung eingewurzelt. Diese verwandelte die Sicht meines Lebens zur bewusst gelebten, wachen Qualität und weiteren Einsichten meines Erkenntnisbewusstseins.

Gebet:
"In dir leben, bewegen wir uns und sind wir. Belebe, bewege und erfülle mich in dir. Amen!"

In ihm leben

"Bis jetzt lebte ich mein Leben, nun beginnt das Leben Gottes in mir." (Teresa v. Avila) Meine Erfahrungen auf diesem Weg verwirklichen sich im täglichen Leben in Bescheidenheit und Kühnheit, in Friedensstiften und Bodenständigkeit. Mystik meint für mich, die achtsame Berührung des Göttlichen mitten in der Welt, in der Schöpfung, im Mitsein und Präsentsein. Das kontemplative "NUN" des Meister Eckhart, das keine Spaltung zulässt, ist mir sehr wichtig geworden. Alles Leben ist im Göttlichen wandlungsfähig und wird sich angleichen lassen: "Denn Gleiches nur kann Gleiches schauen" (asiatisch). Diese tragende Kraft der Liebe führt stets weiter in einen größeren, umfassenderen Erfahrungsraum des Bewusstseins. In ihm leben Tag und Nacht, damit das Göttliche, wie der Tanz der Sonnenstrahlen, sich in diese Welt ergießt und aufleuchtet.

In ihm sich bewegen

Nicht Göttliches bewegt uns, nein, wir sind die Bewegung Gottes in dieser Weltzeit. Alles Leben hat diesen Schöpfungsatem der Ruach am Beginn empfangen und muss darin tanzen. Wir tanzen alle die Symphonie der ewigen Geistin, des mütterlichen Gottes. Nur in ihrer Energie, in ihren Geburtswehen und ihrer Dynamik sind wir lebensfähig, geistig. Diese ihre Lebensquelle bewegt uns und trägt uns durch unser Dasein. In ihrer Umarmung werden wir getragen vom großen Atem, der uns atmet. Sie hilft uns loszulassen, was festgefahren und zeitlich ist, und begleitet uns sympathisch immer neu in ewig feurigen Rhythmen zum kosmischen Kreistanz der Weisheit.

Gebet:
"Geist Gottes, Weg zur Erkenntnis der unermesslichen Wirklichkeit! Ewiger Quell des Seins, allezeit jenseits von Dir selbst, weil Du das Leben und die Liebe bist, weil Du ständig neue Gesichter annimmst, tausend Gesichter. Ich liebe Dich, Geist, als den ewig Lebendigen! Nur im innigen Verwobensein mit Dir, nur in unserer gegenseitigen Durchdringung, wird mir die Wahrheit Gottes und meine eigene bewusst, weil Du zur Erfahrung wirst. Lebe und liebe in mir, Geist, so dass ich mithelfen kann, Dein Leben und Lieben in der Welt zu verwirklichen. Amen." (Henri Boulad, 2001)

In ihm sind wir

"Das Auge, mit dem wir ihn sehen, ist das gleiche Auge, mit dem er uns sieht" (Meister Eckhart). Dieser Blick Gottes hat nichts Statisches, Prüfendes, es ist die Urliebe, mit der er uns im Auge trägt, damit unser Blick gleich seinem ist. Wir können nicht aus seinem Blick fallen, es ist das gleiche gemeinsame Schauen. Dies In-Gott-Sein ist keine Projektion der Sinne, sondern das Bewusstwerden der Bejahung, des Angenommenseins, der liebenden, mystischen Schau aller Wesen. Darin liegt die Erfahrung des Alles-in-einem-Schauens. Wir können nicht herausfallen aus der Nähe und Tiefe dieses Schauens, denn wir sind in ihm, wir sind ihm.

Unterwegs sind wir immer

Es gibt Zeiten des Werdens und Zeiten des Vergehens, Zeiten des Erkennens und Zeiten der Erfahrung, Zeiten des Schweigens und Zeiten des Sprechens. Alles ist göttlich! Auf dem Weg in die mystische Erfahrung geschieht nie nichts. Das große ES gebiert sich in unserem DU, im Unterwegssein reift das Viele in überschreitender Erfahrung zum einen Sein. Das ist mein Wunsch an euch alle.

Literatur:

Boulad, H. (2001): Die Tausend Gesichter des Geistes, Otto Müller, Salzburg.
Dürckheim, H. (1996): Im Silberstrom des Seins, Herder, Freiburg.
Panikkar, R. (2001): Das Göttliche in Allem, Herder, Freiburg.
Schaefer, H. (2000): Gott im Kosmos und im Menschen, Styria, Graz.
Tusch-Kleiner, L. (1991): Kontemplation – Ein Übungsbuch, Kösel, München.

Luitgard Tusch-Kleiner
verheiratet, Dipl.-Soz. Päd., mit Schwerpunkt: Entwicklungs-Psychologie, Gesprächs-Therapie, TZI, Scharing-Eutonie, Kontemplationskursleitung, Exerzitienbegleitung. Langjähriges ZEN-Training mit E. M. Lassalle, Ai-Un, Kontemplationsschulung mit W. Jäger, Lehrerin der WSdK.
Veröffentlichungen: (1985) Einkehr zur Mitte, Otto Müller, Salzburg; (1991) Kontemplation – Ein Übungsbuch, Kösel, München; (1997) Gottes Einwurzelung, Dietrich-Coelde, Werl; Zahlreiche Aufsätze zur Spiritualität in Zeitschriften, Hrsg. von Kleinschriften zur Kontemplation im Eigenverlag.

 

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