Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Kontemplation, was ist das?

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Jan Sedivy

Jan Šedivý

Kontemplation - Was ist das?

Die erste Begegnung und den Einstieg in die Kontemplation verdanke ich der Arbeit mit Jugendlichen. Damals leitete ich Schülereinkehrtage im Schülerzentrum Schloss Fürstenried in München. Zum Standardangebot gehörte jeweils eine Morgen- und Abendmeditation. Obwohl das Angebot freiwillig war, nahmen es viele Jugendliche an. Auch in das übrige Tagesprogramm fügte ich meditative Elemente ein. Bildmeditation, meditatives Malen, Bewegung, Musik, Singen und biblische Texte waren sozusagen mein tägliches Brot.

Aber was tue ich für mich selbst, wie soll meine eigene spirituelle Praxis ausschauen? Doch nicht wieder Bild- oder Textbetrachtung, Bewegung oder Malen! Die Zeit war reif, mich nach etwas anderem umzusehen. Ein „Zufall“ hat mir dabei geholfen. Ein Geburtstagsgeschenk für einen guten Bekannten war fällig. Also bin ich zusammen mit meiner Frau in die Buchhandlung gegangen. Der Bekannte war nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse, und so war die Geschenksuche nicht einfach.

Einige Neuerscheinungen sind durch unsere Hände gegangen. Keine war zufriedenstellend. Dann sah ich einen sonderbaren Buchtitel. „Kontemplation“ stand darauf. „Irgendetwas über die Mönche“, dachte ich. Mit leichtem Misstrauen nahm ich das Buch, schlug es auf und begann eine Leseprobe. Am Anfang des Buches zitierte der Autor aus dem Vorwort der „Wolke des Nichtwissens“: „Ich wünsche sehr, dass kein gedankenloser Schwätzer, keine hochnäsigen Leute, Haarspalter, Ohrenbläser, ewig Beschäftigte und Kritikaster dieses Buch zu Gesicht bekommen. Für solche habe ich es nicht geschrieben und möchte, dass sie die Finger davon lassen. Das gleiche gilt auch für alle, die nur hinter dem Neuesten her sind, gleich ob sie gebildet sind oder nicht.“

Meine Frau und ich schauten uns an, und wir wussten: Ja, genau das ist es! Diese Kritik war haargenau auf unseren Bekannten zugeschnitten, wie für ihn geschrieben. Das „richtige Geschenk“. Zu Hause wollte ich wissen, was sonst noch in dem Buch steht, und las weiter. Einige Tage später besorgte ich ein zweites Exemplar für uns beide. Seitdem sind wir dabei.

So bin ich nach diesem wenig lobenswerten Anfang auf den kontemplativen Weg auf das Sitzen in Stille, gestoßen, wo alle Bewusstseinsinhalte, alle gedanklichen Konzepte losgelassen werden – auch Schadenfreude und der Wunsch, versteckte Seitenhiebe zu erteilen. Ich habe mich nach Menschen umgesehen, die mir auch praktisch zeigen konnten, wie es geht.

Ich wurde konfrontiert mit Begriffen wie Nichtdenken, Einheitserfahrung, Loslassen, Freiheit vom Ich … . Sie waren mir zunächst fremd, denn meine bisherigen Lebenserfahrungen lehrten mich, wie wichtig es ist, zu denken, Ziele zu haben und sie anzustreben oder sich an etwas festhalten zu können. Außerdem litt ich damals unter einem schwachen Selbstbewusstsein. Und nun wird mir gesagt: „Du musst dein Ich loslassen.“ Wie kann ich etwas loslassen, wenn ich gar nicht richtig weiß, was es ist? Wie kann ich mich lassen, wenn ich gar nicht weiß, wer ich bin? Gleichzeitig spürte ich, wie wichtig mir die Zeiten der Stille geworden sind. Es geschah darin etwas, das ich als wichtig empfand, es aber nicht fassen konnte. Ich war innerlich ausgeglichener und fühlte mich Gott näher. So übte ich mich weiter im Loslassen von Gedanken. In dieser Zeit erfuhr ich auch, dass diese Übung eine Gebetsübung ist und im Unterschied zum gegenständlichen Meditieren Kontemplation genannt wird. Ich lernte, dass dieses Wort ursprünglich aus dem Griechischen „theoria“ kommt und „schauen“ bedeutet, dass die lateinische Übersetzung „contemplatio“ heißt, und ich lernte verschiedene Definitionen des Wortes kennen.

Heute, Jahrzehnte danach, drücke ich es gerne mit den Worten des englischen Benediktinermönchs Bede Griffiths aus. Kontemplation ist „Erkenntnis im Zustand von Liebe“, sagt er ganz im Sinne der christlichen Mystik.

„Zustand von Liebe“ ist mehr als eine Stimmung oder ein Gefühl. Gefühle sind das, was Menschen haben, Zustand dagegen ist das, was sie sind. Er ergibt sich aus ihren Gedanken, aus dem Sprechen und Handeln. „Zustand von Liebe“ ist eine Lebensweise, die Liebe als Basis hat. Die harte Nuss der Ichzentriertheit ist in dieser Art zu leben aufgebrochen. Das Denken, Sprechen und Handeln geschieht aus der Haltung des Nicht-Getrenntseins von allem, was ist. So gesehen sind die allermeisten Abhandlungen über Kontemplation Äußerungen über den Weg dorthin. Sie sind Wegbeschreibungen, um hinzuführen. Kontemplation selbst ist das, was der Mensch erlebt, wenn er sich in diesem Zustand des Nicht-Getrenntseins befindet. Gleich was er gerade macht, ob er im Büro arbeitet, eine Besprechung hat oder meditiert, im Zustand von Liebe ist es immer Kontemplation.

Dennoch sprechen wir von Kontemplation bereits dann, wenn wir diese Art zu leben einüben. Denn mit dem ersten Schritt geschieht Entscheidendes. In unserer Sehnsucht, in der Suche und im Bemühen haben wir das Ziel vorweggenommen, gewissermaßen erreicht, und sind angekommen. Damit gleicht Kontemplation weniger einem Weg von A nach B mit einer Wegstrecke dazwischen, als vielmehr einer Pflanze. Bereits im Samenkorn ist die ganze Pflanze und ihre Frucht enthalten. Im Vorgang des Wachsens nimmt sie ihre konkrete Gestalt an.

Um zum Bild des Weges zurückzukommen: Mit dem ersten Schritt auf dem kontemplativen Weg ist der Same bereits vorhanden. Nun kommt es darauf an, ihm die nötigen Bedingungen zum Wachsen zukommen zu lassen. Im Bezug auf die Kontemplationspraxis könnte das bedeuten, die Grundhaltung einzuüben: Offenheit, Bereitschaft zum Loslassen, Achtsamkeit. Darüber hinaus eine tägliche Übungspraxis in Form des Sitzens in Stille, Möglichkeit einer persönlichen Begleitung und Kontakt zu Gleichgesinnten in einer Gruppe oder Gemeinschaft.

Was aber Kontemplation wirklich ist, lernen wir nicht aus Definitionen und Wegbeschreibungen. Wir lernen es in der Realität des täglichen Lebens, in der der jeweilige Augenblick so ist, wie er ist, und wir ihm auch so begegnen - als Geschenk, manchmal als Aufgabe oder als Herausforderung. Hier werden zwischen Lachen und Weinen des Alltags eigene Definitionen und Wegbeschreibungen formiert. Nicht als Buch sondern als Mensch in seiner Einmaligkeit. Die beste Definition schreibt das Leben. Finde also selbst heraus, was Kontemplation für dich ist!

Jan Šedivý, geboren 1948 in Südmähren, lebt in Bad Endorf, verheiratet, 3 erwachsene Kinder, Diplomtheologe, 30 Jahren Dienst in der Erwachsenenbildung und Seelsorge der Erzdiözese München, selbständige Kurstätigkeit in Kontemplation in Verbindung mit dem Verein für Kontemplation e.V., seit 1982 Schüler von Willigis Jäger.
E-Mail: E-Mail,  Internet: Link

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken