Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Kontemplation, was ist das?

 

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Gerhilde Bauer

Gerhilde Bauer

Kontemplation ist ein Übungs- und Erfahrungsweg, der aus dem entstanden ist, was Religionen, Theologie und Philosophie seit Jahrtausenden lehren. Sie ist ein Weg der Disziplin, der Hingabe und der Versuch, immer wieder in den Augenblick, das Jetzt, zu kommen. Doch erst wenn wir das Erlernte in uns loslassen, wenn wir dieses unwissende Wissen hinter uns lassen, kommen wir auf den Weg der Kontemplation, der uns in die Spiritualität führt. Für manche beginnt die Wanderung wie eine Bergbesteigung, Schritt für Schritt, während andere ohne ihr eigenes Zutun ganz plötzlich in ein spirituelles Erleben katapultiert werden.

Der langsame Aufstieg konfrontiert uns nach und nach mit allen unseren Strukturen, Gewohnheiten, Verhaftungen und Blockaden. Indem wir diese immer wieder erkennen und erleiden, lernen wir besser damit umzugehen, um sie irgendwann einmal akzeptieren zu können. Dieses Akzeptieren führt dann irgendwann auf den Weg in die "dunkle Nacht", in der alle noch so subtilen Hindernisse aufgelöst werden.

Kommen wir durch ein spirituelles Erleben spontan in die Kontemplation, so "wissen" wir von diesem Zeitpunkt an um die göttliche Gegenwart. Sie trägt uns eine Zeitlang schnell vorwärts, um dann bei den meisten Menschen auch hier in die "dunkle Nacht" einzumünden, die uns alles das nachholen heißt, was wir durch das Hineingeworfensein in eine spontane Erfahrung übersprungen haben. Wir werden im Zustand der "dunklen Nacht" genauso mit den noch vorhandenen Strukturen, Gewohnheiten, Verhaftungen und Blockaden konfrontiert und müssen diese genauso erkennen, erleiden und loslassen bzw. akzeptieren wie auf dem "Weg von unten". Ein helfender Unterschied ist sicher, dass wir durch die spontane Erfahrung "wissen", während es bei dem "Weg von unten" darum geht zu "glauben".

Diese beiden Wege sollten wir nicht als getrennt voneinander betrachten. Sie durchdringen sich, wie sich in einem Netzwerk die einzelnen Auffassungen und Richtungen verbinden, um am Ende zu einem Ganzen zu werden.

Kontemplation ist für mich das Erspüren einer Essenz, die immer mehr innerlich aufblüht. Sie ist das einfache Schauen auf oder in etwas, sowie fließendes, schwingendes Leben. Kontemplation ist für mich die Aufmerksamkeit im Alltag auf mein Tun, mein Gegenüber, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze. Die Achtung vor allem, was ist.

In die Kontemplation kann mich das Lachen eines Kindes führen, der Schmerz eines Kranken, der Kieselstein am Ufer eines Baches, die Schnecke auf dem Weg oder das Auto auf der Autobahn.

Kontemplation ist für mich jedes Tun, das ich übe: das Kochen, Gemüse putzen, Bügeln oder Einkaufen. Das Spazierengehen, Klavierspielen, Schwimmen, Lesen oder Ruhen. Das Bemalen meiner Seidenschals, das Gestalten meiner Wandbehänge.

Kontemplation ist für mich das Erkennen göttlichen Lebens, das sich in allem Form gibt. Es ist wie die Schwingung einer Membrane in mir, die mich mit allem verbindet und mich verstehen lässt, auch wenn ich es intellektuell vielleicht nicht genau verstehe.

Kontemplation kann erschreckend sein, wenn sie herausruft aus alten, eingefahrenen Wegen auf unbekannte Pfade. Kontemplation sind Tränen und Tautropfen und Perlen.

Kontemplation ist jeder Augenblick, den ich bewusst erlebe, auch ohne „großes Erleben. Alles, auf das ich mich vorurteilsfrei einlassen kann, trägt kontemplative Züge.

Kontemplation ist für mich, wie Ernesto Cardenal es ausdrückt, wie der lockende Ruf des Kuckucks, der mich immer tiefer und tiefer in mich hineinzieht.

Kontemplation ist, sich das alles immer wieder zu vergegenwärtigen, zu akzeptieren. Auch wenn es oft nicht „greift, trotzdem immer wieder hineinzugehen in diesen einen Atemzug. 

In der Nacht,
als die Welt stille stand

In der Nacht,
als die Welt stille stand,
wurde Gott geboren.

In der Zeit,
wo mein Denken aufhört,
wird Gott geboren.

In dem Moment,
wo mein Wünschen innehält,
wird Gott geboren.

Dann,
wenn ich ganz Atem bin,
wird Gott geboren.

Dann,
wenn alles nur noch Hingabe ist,
wird Gott geboren.

In der Nacht,
in der die Welt stille steht,
ist Gott geboren.

Gerhilde Bauer 

Gerhilde Bauer,
Jahrgang 1932, verheiratet, 2 erwachsene Kinder. Fremdsprachenkorrespondentin, seinerzeit in der Tourismusbranche tätig. Kontemplationslehrerin, Leiterin für sakralen Tanz. Seit 1984 Schülerin von Willigis Jäger. Seit 1993 Kontemplationskurse.

Gerhilde Bauer, Untere Heerbergstraße 4, 97078 Würzburg

 

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