Würzburger Forum der Kontemplation e. V. (WFdK)

Kontemplation, was ist das?

 

Der nachfolgende Text ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin/des Autors bzw. des WFdK.

 

◄ Fenster schließen    ▼ zum Seitenende     Seite drucken Seite drucken

Elisa-Maria Jodl

Elisa-Maria Jodl

Einstimmung in Kontemplation
Eine Schale will ich sein
empfänglich für den Willen zum Frieden
Eine Schale für Dich, Heilige Geistkraft
 
Meine leeren Hände will ich hinhalten
offen für die Fülle des Lebens
Leere Hände für Dich, Heilige Geistkraft
 
Mein Herz will ich öffnen
bereit für die Kräfte der Liebe
Ein Herz für Dich, Heilige Geistkraft
 
Gute Erde will ich sein
gelockert für den Samen gerechten Handelns
Gute Erde für Dich, Heilige Geistkraft
 
Ein Flussbett will ich sein
empfänglich für die Wasser der Güte
Ein Flussbett für dich, Heilige Geistkraft
 
Empfänglich will ich sein
für die Wandlung
die der Stille entspringt.


(Inspiriert durch ein Gebet, das mir in die Hände fiel.)

Dies sind Wünsche, denen ich mich anschließen kann; die, vielleicht etwas anders formuliert, auch für Sie / für Euch gelten mögen. Doch wie lassen sie sich verwirklichen? In meinem Alltag erlebte ich häufig, dass ich über das Unvermögen stolperte. Auf einem meiner Teebeutel las ich heute Morgen den Satz: Ohne Meditation ist dein Geist nicht dein Freund. Ohne Stille wird dir dein Innerstes nicht vertraut.

Kontemplation
… horchen … mit jeder Faser meines Daseins
ohne mich mit den Inhalten des Bewusstseins aktiv zu beschäftigen …
bis alles Horchen und Lauschen vergessen …
Stille! …
Mitten im Lärm der Welt kein Lärm …
nur dieses einfache DA SEIN …


Als Kind suchte ich „das Reich der Himmel“ im fernen Blau, irgendwo zwischen Mond und Sternen. Später hörte ich, dass es zu finden sei in den Gesichtern der Ausgestoßenen und Unterdrückten. Und scheiterte am Ungenügen meiner Liebe.

„Wo war ich, als ich dich suchte?
Du warst mir gegenwärtig.
Ich aber war mir selbst entfremdet.
Du warst mein Innerstes. Ich aber war draußen,
und dort draußen suchte ich dich.“
(Augustinus)


Worte, Geschichten und Bilder sind wie Glasfenster. Wir können ihre Aussage studieren, unser Wissen darüber anreichern oder uns dem Licht öffnen, das sie erkennt.

Eine Tasse Tee

Nan-in, ein japanischer Meister der Meiji-Zeit (1868 – 1912), empfing den Besuch eines Universitätsprofessors, der etwas über Zen erfahren wollte. Nan-in servierte Tee. Er goss die Tasse seines Besuchers voll und hörte nicht auf weiterzugiessen. Der Professor beobachtete das Überlaufen, bis er nicht mehr an sich halten konnte. »Es ist übervoll. Mehr geht nicht hinein!« »So wie diese Tasse«, sagte Nan-in, »sind auch Sie voll mit Ihren eigenen Meinungen und Spekulationen. Wie kann ich Ihnen Zen zeigen, bevor Sie Ihre Tasse geleert haben?«

(aus: Paul Reps, Ohne Worte – ohne Schweigen, Scherz-Verlag, 1995, 10. Aufl., S. 21)

Wie können wir erkennen, was Kontemplation ist, bevor wir unsere Tasse mit all ihren Vorstellungen und Meinungen über Gott und die Welt und uns selbst geleert haben?

All unser Wissen, all unser „müsst’ ich nicht“ und „hätt’ ich nicht sollen“ steht uns im Weg. Sobald wir über Erfahrung reden, sind wir im Wissen darüber.

Das Nicht-Wissen führt in die Erfahrung unmittelbarer Lebendigkeit. Eine Lebendigkeit voller Überraschungen. Wir haben alle Schattierungen in uns, sie warten darauf, sich zeigen zu dürfen. Wir wünschen uns Freude, Frieden, Glück und werden auch mit Horror, Schmerz und irrationaler Traurigkeit konfrontiert. Wir meinen oft und lange, tiefe Einheitserfahrung müsse etwas Spektakuläres sein. Nein. Es ist das ganz Alltägliche.

Sterben, um zu leben

Immer wieder geht es um dieselbe Frage. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer kontempliert? Wer hört in die Stille? Im Grunde immer gOdt selbst.

Allein unser Ich, das liebe menschliche Ich hat über die Jahrhunderte hinweg gelernt, sich mit dem, was diese eine Wirklichkeit ist, zu identifizieren. Solange wir „Gott“ mit einem abstrakten Objekt verknüpfen, weil wir das „Ich“ als Subjekt verstehen, bekommen wir Probleme, wenn wir sagen: Ich lebe, ich atme, ich esse, ich gehe, ich sitze und infolge dessen ich kontempliere. Dann hat das scheinbar nichts mit „Gott“ zu tun. Das ist die große Täuschung, in die uns unsere nach außen gerichteten Sinne und die Ratio führen. Wir erkennen nicht, dass in Tat und Wahrheit dieses Eine und Ursprüngliche, das keine Zeit, keinen fassbaren Ort und Raum kennt und deshalb „ewig“ genannt wird, unendlich viel näher ist als die Luft, die wir atmen.

Gott spricht auch heute noch.
Doch du musst lernen
so still zu sein,
dass du ihn in seiner
schweigenden Anwesenheit
erkennst. 


Ein Erkennen, das nach und nach den ganzen Menschen erfasst – intellektuell, leiblich, psychisch, personal und das Personale und Persönliche völlig vergessend. Oftmals suchen wir lange nach der Erfahrung des Einen, des Ewigen – mit Beinen voll Schmerz und einem Rücken voll Verspannung, bis mitten im Getriebe des Alltags eine Stille und Gewissheit einkehrt, die einem Nicht-Wissen, einer Nicht-Empfindung entspringt. Langsam wird unser Sinn gewandelt vom „Haben“ zum „Sein“.

Elisa-Maria Jodl Huppenbauer
Jg. 1948, evangelisch-reformierte Pfarrerin in freier Tätigkeit in den Bereichen Kontemplation (beauftragt durch Willigis Jäger); stellvertretende Dienste bei Beerdigungen, Gottesdiensten, Seelsorge; Ausbildung in integrativer Sozialtherapie, FPI; Weiterbildung in Körperprozessarbeit und Energieausgleich; Zenschulung bei Dr. Jochen Niemuth; 1. Vorstand Würzburger Forum der Kontemplation

 

◄ Fenster schließen    ▲ zum Seitenanfang     Seite drucken Seite drucken